Eine protestantische Pfarrfamilie in schwierigen Zeiten (2)

Brigitte von Ungern-Sternberg

Kulmbach

Meine frühesten Kindheitserinnerungen setzen ein in einer fränkischen Kleinstadt, in Kulmbach, berühmt für sein gutes Bier. Dort bekam mein Vater 1947 eine Stelle an der Petrikirche, die das Stadtbild dominiert. Sie steht am Anfang einer steil auf einen Berg führenden Zugangsstraße zur Plassenburg, bei weitem dominanter als die Petrikirche – kleine altfränkische Stadt gegen eine Festung mit imposanten Mauern.


Kulmbach war wie ganz Deutschland in den Nachkriegsjahren überflutet mit Flüchtlingen, auch die großen Räume der Plassenburg waren bewohnt von unzähligen Menschen in sehr beengter Lage. Die Millionen Flüchtlinge aus Osteuropa aufzunehmen, war eine riesige Aufgabe in der ersten Zeit nach dem Krieg und war nur mit Wohnraumbewirtschaftung zu leisten.


Wo wohnte da ein Pfarrer? Etwa in einem Flüchtlingslager (wie auf dem Foto oben)? Weit gefehlt.
Er bekam eine D i e n s t w o h n u n g, in Kulmbach mehr als das – meine Familie bewohnte ein ganzes H a u s, sehr altväterlich mit Wirtschaftsräumen wie Speicher, Holzboden, Keller, großer Speisekammer und kleinem Hinterhof – schon beengt, weil noch andere Mietparteien im Haus wohnten – Wohnraumbewirtschaftung eben! Für 8 Personen gab es nur zwei Schlafzimmer. Die Flüchtlingsfamilie war gewachsen mit den Geburten von zwei Mädchen. Eines Tages, ich war 5 Jahre alt, kamen zwei Großtanten aus der ‚Ostzone‘, sie wurden auch noch untergebracht – irgendwie. Wir waren nun eine Großfamilie von 10 Personen mit drei Generationen. Zur Bereicherung des Speisezettels bewirtschaftete mein Vater eine kleine Parzelle gleich neben der Petrikirche, er züchtete Tomaten, Bohnen, Kartoffeln, Salat, Radieschen…

Links: Pfarrhaus, rechts: Schloß Plassenburg

In dieser Zeit beengter Wohnverhältnisse spielten Kinder die meiste Zeit draußen im Freien. In Kulmbach waren zwei Bomben niedergegangen, die unerheblich Schaden anrichteten, d.h. Kulmbach war eine Stadt ohne Ruinen und bot den Anblick einer ‚heilen‘ Welt, in der sich Kinder gut tummeln konnten.    Das Leben war geordnet, es gab genug zu essen, die Kleidung war einfach. Der Jahreszyklus verlief entlang der religiösen Feste – Advent, Weihnachten, Passionszeit, Ostern, Pfingsten, Erntedankfest mit den Bräuchen, festlichen Speisen und Ausschmückungen. Man besuchte den Kindergarten, die Grundschule und jeden Sonntag den Kindergottesdienst in der gotischen Hallenkirche. Familienausflüge gingen in die umliegenden Wälder, in denen Blaubeeren und Pilze gesammelt wurden.    Und am Abend kehrte man zurück ins   H a u s!    Was für ein Luxus für eine Flüchtlingsfamilie. Davon konnten andere nur träumen!


Mit dem Umzug in die bayrische Hauptstadt München fand dieses Kleinstadtidyll ein Ende. Ich war sieben Jahre alt und erinnere mich an die Kindheit in Kulmbach mit einer gewissen Wehmut. Nie wieder würde das Leben so überschaubar und geordnet sein – in den ersten Jahren der Nachkriegszeit.

Fortsetzung folgt

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