Lucio Corsi in Berlin 2026

Dank Monika war Lucio Corsi schon Mal an diesem Blog.

Monika Wrzosek-Müller

7. Februar, voller Saal im „Heimathafen“, Berlin-Neukölln. Dank Bekanntschaften hatte ich eine Eintrittskarte. Die Kraft der Fans ist schon ungeheuer; Stunden vorher steht eine lange Schlange vor der nassen, dunklen, aber doch belebten Karl-Marx Str. 141 in Berlin und die Stimmung ist ausgelassen. All die Mädchen, die einfach so einem Künstler hinterherfahren, sind dabei und versuchen ihren Star zu stärken, indem sie, ihm nachempfunden, ein besonderes Barett tragen, und eine, die ich bemerkt habe, hat sich das Gesicht nach seinem Vorbild weiß geschminkt. Ich habe den Eindruck, dass die ganze Italian Community, nicht nur aus Berlin, sondern aus allen Ecken Deutschlands gekommen ist, aber auch einfach Paare, die sich etwas Gutes tun wollen und die sich gegenseitigen die Eintrittskarten geschenkt haben; sie freuen sich auf das Konzert. In der Schlange machen auch Erzählungen von dem gelungenen Konzert in Zürich die Runde, dort aber viel teurerer Karten, in Wien und in Warschau, wo er am Tag zuvor ein Konzert im Klub Proxima gegeben hat. Weiter geht die Tour durch Europa, nach London am 10. 02., dann Luxemburg, Amsterdam, am 13.02, weiter nach Paris am 15.02.26. und da endet die Tour; das klingt erst einmal bombastisch, tatsächlich kann ich mir kaum vorstellen, wie man diesen Marathon an Reisen und Konzerten verkraftet.

Ich hege eher mütterliche Gefühle für diesen dünnen, kleinen Jungen, der wirklich schön singt und sich so unverfälscht und authentisch gibt, und, was für mich wahrscheinlich noch wichtiger ist, die Maremma in seinen Liedern besingt (auch HIER habe ich schon über Maremma geschrieben), und nicht zu vergessen: die schönen Bilder von seiner Mutter auf die Covers seiner Platten bringt. Überhaupt spielt eben die Region, die Familie, in der er aufgewachsen ist, eine große Rolle. Vor dem Konzert habe ich mit sehr vielen jungen und mittelalten Leuten gesprochen und sie alle sind von Lucis ESC-Song begeistert, kennen aber nur selten andere Lieder. Ehrlich gesagt, gefallen auch mir die lyrischen, ruhigeren Balladen, die Lucio selbst begleitet mit der Mundharmonika viel besser – besser als die sehr laute Band-Musik, bei der man kaum die Worte hört, geschweige denn versteht. Natürlich habe ich auch inzwischen vergessen, dass man bei solchen Konzerten immer steht, manchmal auch mittanzt; nach drei Stunden war ich fix und fertig.

Sehr gut fand ich die Location, der „Heimathafen“ in Neukölln, Berlin ist wirklich einmalig und sehr angenehm. Beide Bars funktionieren tadellos und sind nicht überteuert; alles funktioniert, ist menschenfreundlich und direkt, vielleicht bis auf das Warten draußen vor der Tür, das hätte vielleicht kürzer ausfallen können. Mir scheint, dass es ein wunderbarer Raum für alle möglichen Veranstaltungen sein könnte. Es gibt da Theateraufführungen, Diskussionen zu verschiedenen Themen, Unterhaltung, Konzerte, Performances. Als Veranstaltungsforum existiert der „Heimathafen“ seit 2007, damals fand alles in einer Eckkneipe an der Richardstr./Karl-Marxstr. statt. Dann 2008 gab es ein größeres Programm in der alten Post an der Karl-Marx-Straße 97. Erst im April 2009 wurde alles in den Ballsaal des Saalbaus Neukölln, in das frühere Vergnügungsviertel Rixdorf verlegt. Als Volkstheater bekam die Spielstätte später mehrere Finanzspritzen über verschiedene Förderprogramme, doch ursprünglich wurde sie wirklich nur mit privatem Startkapital betrieben. Es gibt Platz für 800 Personen bei Konzerten (im Stehen) und 400 Sitzplätze für Theateraufführungen. Die Themen der Abende schöpfen vor allem aus der unmittelbaren Umgebung; in Neukölln, aus Neukölln und für Neukölln. Das Programm gliedert sich in vier Bereiche: Theater, „Amüsemang“, Tacheles und Musik. Im Mittelpunkt des Programms steht die Wirklichkeit des Neuköllner Lebens, also Migrationskonflikte, Jugendgewalt, Arbeitssituation; Prekariat, Gentrifizierung oder auch Ost-West-Konflikte. Das sieht man gleich am Eingang an den Plakaten zu den einzelnen Veranstaltungen. Die aktuelle kritische Debatte widmet sich dem Einfluss von KI auf künstlerisches Leben, wieviel Maschine verträgt der Mensch; die Inszenierung eines Jugendtheaters „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“ beschäftigt sich damit.

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