Frauenblick auf Bücher

Monika Wrzosek-Müller

Algerien-Frankreich

Wie alles zusammenkommt, eins zum anderen, und dann von selbst weiterläuft und nicht stehen bleibt; man sieht etwas, liest etwas, denkt nach. Diese kreisförmigen Bewegungen, Assoziationen gibt es in der Literatur wie im Leben und es wird dabei etwas geschichtlich aufgearbeitet, bewegt, was vielleicht auch durch wissenschaftliche historische Forschung nicht möglich ist. Dann greifen andere Künste auch darauf zu, es gibt Theaterstücke oder Filme und die Aufarbeitung erreicht breitere Massen, geht sozusagen unter die Menschen und, wenn es gut gemacht ist, unter die Haut. Es wird darüber gesprochen, debattiert, mal auch gestritten, das Problem fängt an zu existieren; das ist gut so und es muss immer wieder sichtbargemacht, über Leid gesprochen werden. Vielleicht kommt man irgendwann zu einem Konsens, irgendwann versöhnt man sich wirklich.

Gerade habe ich François Ozons Film „Der Fremde“ gesehen. In Schwarz-Weiß gedreht mit sehr guten Schauspielern, ein interessanter, nachdenklicher Film, nahe an der Vorlage, an Albert Camus` Text. „Heute ist die Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht“.

Für mich spielt die Kraft der Bilder, die Kraft, wenn wir so wollen, der Sonne, eine enorm große Rolle – nicht nur im Film, im Text war sie auch überpräsent. Diese Sonne nämlich macht alles unheimlich hell und verdeckt die dunklen Seiten, die gleich um die Ecken lauern und die man manchmal hört. Sei es das Winseln des aus Liebe malträtierten Hundes oder die Schläge des Zuhälters hinter der Nachbarstür. Ich würde sagen, gut dass die Geldknappheit den Regisseur gezwungen hat, schwarz-weiß zu drehen. Die Szenen bekommen viel mehr Plastizität, sind nachvollziehbarer, die schönen Orte wirken nicht wie aus dem Prospekt für Urlaubsreisen; man nimmt es dem Haupthelden ab, dass er, durch die Sonne geblendet, nicht bei sich ist, als er schießt. Dass diese Sonne eigentlich alle die Katastrophen provoziert, dass die Einheimischen nicht ins Kino dürfen, dass in manchen Straßen nur Franzosen zu sehen sind. Dass der Held einfach sagt, ich habe einen Araber getötet. Dass wir die übrige Bevölkerung nur vorbeihuschen sehen, die Frauen ohnehin verhüllt. Dass die Leute lethargisch bis apathisch, bewegungslos auch in ihren Emotionen und ihrem Mitgefühl sind. Der Held ist vielleicht etwas zu jung und doch anziehend genug, um ihm zu folgen und sich seine Geschichte anzuhören. Glauben müssen wir ihm nicht, er verlangt das nicht, ist dermaßen gleichgültig und am Leben desinteressiert, fast pathetisch entfremdet, soweit, dass er deshalb dann auch sterben wird. Sehr bildhaft, fast fantastisch, auch pathetisch ist die Szene mit der Guillotine auf einem Hügel, den der Held besteigen muss. Sie wirkt surrealistisch, wie aus einem bösen Traum entlehnt. Im Prozess verteidigt er sich nicht, hört auf die Ratschläge seines Anwalts nicht; es geht ihm eben nicht um die Schuldfrage, sondern er ist existenzialistisch seinem Schicksal ergeben, das System hat das alles rundherum provoziert, er ist ohnmächtig und die Sonne brennt und die Hitze macht jede Bewegung unmöglich.

Die Verflechtungen zwischen den beiden Nationen sind immer noch enger als man denkt. Camus wurde in Dréan, ca. 500 Kilometer von Algier entfernt, geboren. Ozons Großvater war Richter in Algerien, die Familie lebte da in einer sehr privilegierten Stellung. Er selbst sagt dazu: „Ich erinnere mich an viele Fotoalben, in denen Bilder eines glücklichen Lebens zu sehen waren. Araber sind darauf nie zu sehen.“

Nur am Ende des Films geht der Regisseur über den Text von Camus hinaus, in der Szene, in der die Schwester des Ermordeten am Grab ihres Bruders steht und da sehen wir groß, in arabischen Buchstaben seinen Namen in den Stein gemeißelt: Moussa Hamdani.

Dieser Name wiederum erinnert an ein Buch von Kamel Daoud „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, der dem Araber aus Camus` Roman einen Namen gegeben und Algerien wieder aus den Gräbern der Toten und den Krallen des Kolonialismus ausgegraben hat. Auch der Schriftsteller selbst steht zwischen diesen beiden Kulturen, der arabischen, die repressiv vor allem Frauen gegenüber ist, und der postkolonialen Gesellschaft in Frankreich. Sein Held Moussa Hamdani alias der Fremde, ähnelt etwas seinem Gegenüber, auch er sieht sich als Opfer des Systems, der Familie, und leidet existenziell an der Welt. Daoud klagt nicht nur die Franzosen an, sondern zeigt auch, wie viel Unrecht in beide Richtungen und von beiden Seiten geübt wurde.

Auch jetzt, in seinem neuen Roman „Huris“ über den Bürgerkrieg der 1990er Jahre, wagt Daoud einen gefährlichen Balanceakt, nicht nur, weil in Algerien alles Erinnern und Gedenken an den Bürgerkrieg verboten wurde, laut der im Jahre 2005 verabschiedeten „Charta für den Frieden und die nationale Aussöhnung“. Der Autor selbst lebt jetzt im Exil, in Paris und besitzt die französische Staatsbürgerschaft, für den Roman hat er den höchsten französischen Literaturpreis bekommen: den Prix Goncourt. Diesen Roman habe ich gerade gelesen, und ehrlich gesagt, ich bin erschrocken, wie wenig wir über die Zustände in dem Land wissen und wie schrecklich blutig dieser Krieg war. „Das Vergessen ist die Gnade Gottes, aber auch die Ungerechtigkeit der Menschen“. Gerechtigkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit sind alles erhabene Worte und Werte, sich ihnen zu nähern, sie zu leben ist eigentlich immer schwer und erfordert viel Mut und Disziplin. Der Roman ist aus der ich Perspektive einer Frau geschrieben, die als Überlebende des Massakers im Dorf Had Chekala erzählt, es ist eine Art von Tagebuch, ihre aufgeschriebenen Gedanken, da sie ihrer Stimme beraubt worden ist und nur so kommunizieren kann. Die Gräueltaten sind so schrecklich, dass ich sie stellenweise kaum lesen konnte; vor allem sind davon Frauen und Kinder betroffen. Doch Aube, die Heldin, ist der lebende Beweis dafür, dass es sich so zugetragen hat. Vieles erzählt sie ihrem noch ungeborenem Kind und versucht sich selbst zu überzeugen, dass es besser sei, das Kind abzutreiben. „Siehst du, kleine unerwartete Fremde, wenn du in diesem Land zur Welt kommst, gehst du ein großes Risiko ein. Es wird Jahre geben, in denen du dich satt essen kannst, andere, in denen du selbst gegessen wirst, und wieder andere, in denen man dir die Kehle durchschneidet. Du wirst für den abstrusen Traum eines alten Propheten bezahlen, und jemand wird dich vergewaltigen, … Drei Pillen und ich werde ein ganzes Leben vor dem ganzen Leben retten.“ Der Roman schildert erschreckende Zustände im Bürgerkrieg, erzählt von Vergewaltigungen, Morden und allen anderen Gewaltverbrechen, aber auch von der weiterhin blühenden islamistischen Unterdrückung der Frauen nach dem Ende der Kämpfe. Nicht zufällig betreibt die Heldin einen Friseursalon und wird immer wieder von Islamisten bedroht. Der Laden wird angegriffen, Fenster eingeschlagen; da versteht man plötzlich diese übertriebene Hingabe der arabischen Frauen an ihr Aussehen, an Make up und ihre fast maskenhaft aussehenden Gesichter; das sind die Rahmen der Freiheit, die sie bekommen. Ein aufwendiges Make up ist ein Teil des Protests und der Befreiung der Frau, auch wenn das bei uns, in der westlichen Welt oft lächerlich wirkt. Es ist ein erschütternder Roman, der vieles aufdeckt und uns zeigt, denn wir wissen über diesen Bürgerkrieg so wenig. Durch die Reise der Heldin zu ihrem Dorf, in ihre Vergangenheit erfahren wir, wie es sich alles zugetragen hat, wie es war, dass sie als Fünfjährige trotz durchgeschnittener Kehle überlebt hat und wie alle ihre Familienmitglieder umgekommen sind. Der Roman endet gut, fast optimistisch: „Denn endlich spreche ich. Vor einem Jahr bin ich niedergekommen, und nun spreche ich wieder. … Dennoch ist meine Stimme da, hungrig, glücklich, feucht von meinem Speichel. Khadija sitzt neben uns. Sie ist noch immer traumatisiert von meiner Flucht und den Gefahren, die ich auf mich genommen habe, aber sie hütet sich seitdem, mein Glück mit ihren Sorgen zu trüben. Außerdem ist sie glücklich, Großmutter zu sein.“ Doch eine andere Geschichte nimmt ihren Lauf.

Ein paar Tage nachdem Daoud den Prix Goncourt bekommen hatte, meldete sich, zunächst im algerischen Fernsehen, eine 31jährige Frau namens Saada Arbane und behauptete, dass die Geschichte, die im Roman erzählt worden ist, offenkundig ihre eigene sei. Das Problem liegt darin, dass diese Frau eine Patientin von Kamel Daouds Ehefrau war, die als Psychotherapeutin arbeitet, darüber hinaus kannten sich alle aber auch privat sehr gut. Sie behauptet, dass im Roman einige ganz persönliche Details gäbe, die nur ihre Psychotherapeutin kenne. Saada Arbane zeigte den Schriftsteller Daoud wegen Verletzung der Privatsphäre in Algier an. Daraufhin wurde der Verkauf des Romans „Huris“ in Algerien verboten. Ähnlich ging Arbane mit Hilfe von bekannten Anwälten auch in Paris gegen Daoud vor. Ihr Lebenslauf weist wirklich ungemein viele Ähnlichkeiten mit den Erlebnissen und dem Leben der Heldin Aube auf. Ein Pariser Gericht wird wohl entscheiden müssen. So schließen sich manchmal weite Kreise, die immer wieder, wenn sie im Wasser sind, Wellen schlagen. Dadurch kommen aber auch die ganzen makabren Gräueltaten, die im Bürgerkrieg verübt worden sind, an die Öffentlichkeit. Die Geschichte folgt der Erzählung oder umgekehrt.

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