Ela Kargol

Oh, Donna Clara
Oh, Donna Clara ist der deutsche Titel eines 1928 in Warschau komponierten Schlagers. Die Musik stammt von Jerzy Petersburski, der 1930 entstandene Text von Fritz Löhner-Beda.
Die beiden Sätze oben sind der deutschsprachigen Wikipedia entnommen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Oh,_Donna_Clara
In der polnischen Version ist der Text etwas anders formuliert.
https://pl.wikipedia.org/wiki/Tango_milonga
„Tango Milonga“, auch bekannt unter dem Titel „Oh, Donna Clara“, ein bekannter Schlager, ein Tango, der vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Die Musik stammt von Jerzy Petersburski, der Text von Andrzej Włast.
Das Stück wurde für die Revue Warszawa w kwiatach (Warschau in Blumen) komponiert.
Alles trifft zu. Das Stück entstand 1928 in Warschau. Zunächst als reines Instrumental, später ergänzt um einen Text von Andrzej Włast. Gesungen wurde es von der bekannten Tangointerpretin Stanisława Nowicka.
Als Petersburski mit seinem Orchester im Jahre 1930, in dem auch die Brüder Artur und Henryk Gold spielten, ein Konzert in Wien gab, erwarb der Wiener Bohème‑Verlag die Rechte an der Komposition. Teil der Vereinbarung war, dass sowohl Titel als auch Text verändert werden durften. Fritz Löhner‑Beda übernahm daraufhin die Neufassung des Textes. So wurde aus dem Tango Milonga das Lied Oh, Donna Klara, das sich rasch zu einem internationalen Erfolg entwickelte. Es erklang nicht nur in Wien und Berlin, sondern verbreitete sich in ganz Europa und sogar darüber hinaus.
Eine englischsprachige Fassung erschien im November 1930 in London. Sie wurde von Georges Metaxa zusammen mit Ray Noble & his New Mayfair Orchestra aufgenommen. Der von Irving Caesar und Jimmy Kennedy verfasste englische Text orientierte sich inhaltlich weitgehend an der deutschen Vorlage.
Es war der 1. Januar 2026, Theater in Berlin‑Steglitz, ein Ort, den ich seit Jahren nicht mehr betreten hatte und den ich vor Jahrzehnten sogar einmal vor Ende der Vorstellung verlassen hatte. Dieses Mal jedoch blieb ich bis zum Schluss.
Das Salon-Orchester Berlin spielte schwungvolle Melodien und Swing-Klassiker, Solistinnen und Solisten sangen, andere tanzten. Alles wirkte leicht, charmant und voller Witz. Ein gelungenerer Auftakt ins neue Jahr ist kaum denkbar.
Oh, Donna Clara erklang nach der Pause – und zwar nicht nur angedeutet, sondern in voller Länge, Strophe für Strophe. Und ich glaube, diese volle Länge habe ich tatsächlich zum ersten Mal gehört.
https://www.volksliederarchiv.de/schlager/oh-donna-clara/
Oh Donna Clara
In einer dämmrigen Diele
tanzt die Spanierin jede Nacht
In diesem edlen Profile
ist die Saharet neu erwacht
Und ein Genießer aus Posen
er schickt ihr täglich ’nen Strauß roter Rosen
denn er hat wilde Gefühle
und er flüstert heiß, wenn sie lacht
Oh, Donna Clara – ich hab dich tanzen gesehn
und deine Schönheit hat mich toll gemacht
Ich hab im Traum dich dann im Ganzen gesehn
das hat das Maß der Liebe vollgemacht
Bei jedem Schritte und Tritte
biegt sich dein Körper genau in der Mitte
und herrlich gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehn
Oh, Donna Clara – ich hab dich tanzen gesehn
oh, Donna Clara – du bist wunderschön
Er zählt schon fünfzig Lenze
doch er ist von ihr ganz behext
Und bis zur äußersten Grenze
Seine Leidenschaft heute wächst
Er ist ein Kaufmann, ein schlichter
jedoch die Liebe, sie macht ihn zum Dichter
und zur Musik ihrer Tänze
schreibt er glückberauscht einen Text
Oh, Donna Clara – ich hab dich tanzen gesehn …
Doch der Genießer aus Posen
ist ins Heimatland bald entflohn
denn viel zu viel kosten Rosen
die man täglich schenkt ohne Lohn
Doch in der trauten Familie
nach Gansbraten mit viel Petersilie
fällt ihm das Herz in die Hosen
denn auf einmal singt’s Grammophon
Oh, Donna Clara – ich hab dich tanzen gesehn…
Text: Fritz Löhner-Beda (1930)
Musik: Jerzy Petersburski (1928)
ttps://www.youtube.com/watch?v=sosdBiSvYeg
Ich saß da und musste lächeln, denn dieses Lied kenne ich seit meiner Kindheit.
Nicht die deutsche Version, nein – die polnische, mit einem Text, der so anders ist. Er durfte aber anders sein. So war es mit dem Wiener Verlag vereinbart.
Meine Mutter hat früher ständig den polnischen Sänger Mieczysław Fogg gehört. Er wurde nicht nur durch Tango Milonga bekannt, sondern auch durch viele andere Schlager – zum Beispiel Ich küsse Ihre Hand, Madame (Całuję twoją dłoń, madame), dessen polnischen Text ebenfalls Andrzej Włast schrieb.
Tango Milonga kannten in Polen wirklich alle – das Lied wurde sogar später noch von jüngeren Sängerinnen und Sängern aufgenommen. Oh, Donna Clara dagegen habe ich erst hier in Deutschland vor Jahren zum ersten Mal gehört.
Dabei war Donna Clara sogar ein größerer Schlager als sein polnischer Vorgänger.
Weil ich in Poznań / Posen geboren (1958) und aufgewachsen bin, machte mich der „Genießer aus Posen“, der im deutschen Text erwähnt wird sofort stutzig und neugierig auf den vollständigen Liedtext. In meiner Vorstellung saß dieser Genießer irgendwo in einem Warschauer Kabarett, vielleicht im Morskie Oko, während die Gold‑Petersburski‑Kapelle spielte. Doch warum sollte er dann in seine Heimat zurückreisen?
Die Erleuchtung kam später: Er war gar nicht in Warschau, sondern in Berlin. Das habe ich nach der Vorstellung recherchiert und dabei noch vieles mehr entdeckt.
Posen reimt sich auf Rosen – vielleicht kam der Genießer nur deshalb aus Posen. Und doch frage ich mich, was aus ihm wurde, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Hat er überlebt? Ist er ausgewandert, untergetaucht, in den Widerstand gegangen? Oder teilte er ein ähnliches Schicksal wie Fritz Löhner‑Beda, der Verfasser des deutschen Textes, der in Auschwitz zu Tode geprügelt wurde; wie Andrzej Włast, der polnische Schlagertexter, der im Warschauer Ghetto erschossen wurde; oder wie Artur Gold aus der Gold‑Petersburski‑Kapelle, der in Treblinka ermordet wurde.
Der „Posener Genießer“ könnte durchaus mein Großvater gewesen sein. Er lebte mit meiner Großmutter und meiner Mutter in Nowy Tomyśl, einer kleinen polnischen Stadt etwa 70 Kilometer westlich von Poznań. Er hatte viele deutsche Freunde und reiste mehrfach nach Berlin. Als der Krieg ausbrach, musste er mit seiner Familie fliehen. In seine Wohnung zog eine deutsche Familie ein.

Alles, was vorher selbstverständlich war – das Miteinanderleben, beide Sprachen sprechen und singen, das gab auf einmal nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen. Unfassbar und traurig.
Fritz Löhner‑Beda, der in Böhmen als Bedřich Löwy zur Welt kam, wirkte später in Österreich als Librettist, Schlagerautor und Schriftsteller. Zahlreiche seiner Texte und Lieder haben bis heute eine größere Bekanntheit erlangt als sein eigener Name. Er verfasste das im Ersten Weltkrieg populäre, patriotisch gefärbte Lied Rosa, wir fahr’n nach Lodz, das in den 1970er‑Jahren von Leo Leandros zu dem noch erfolgreicheren Schlager Theo, wir fahr’n nach Lodz umgestaltet wurde.
Er arbeitete mit Franz Lehár zusammen und war mit ihm befreundet. Gemeinsam schrieben sie die Libretti für zahlreiche Operetten.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Löhner‑Beda im März 1938 verhaftet und mit dem ersten sogenannten Prominententransport in das Konzentrationslager Dachau deportiert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Prominententransport
Noch im demselben Jahr kam er ins KZ Buchenwald.
Dort verfasste er Ende 1938 den Text des Buchenwaldliedes, zu dem der ebenfalls inhaftierte Hermann Leopoldi die Melodie schrieb.
https://de.wikipedia.org/wiki/Buchenwaldlied
Im Oktober 1942 wurde er nach Auschwitz verschleppt, wo er im Dezember desselben Jahres zu Tode geprügelt wurde. Auch seine Frau und die beiden Töchter fielen 1942 dem Vernichtungslager Maly Trostinez zum Opfer, wo sie in Gaswagen ermordet wurden.

Andrzej Włast, der produktivste Texter der Zwischenkriegszeit, wurde oft als Autor von Schund bezeichnet. Er war es, der das polnische Wort przebój (Schlager) anstelle des deutsch klingenden szlagier vorschlug. Autor vieler populärer Hits, Schöpfer der Warschauer Kabaretts und Musiktheater.
Während des Krieges befand er sich im Warschauer Ghetto. Zwar schloss er sich dem Café Sztuka in der Leszno‑Straße 2 an, das im Ghetto ein künstlerisches Programm bot, doch konnte er dort nicht mehr der gefeierte Künstler sein, den ganz Warschau bejubelte.
https://pl.wikipedia.org/wiki/Kawiarnia_Sztuka
Ende 1942 oder Anfang 1943 versuchten Freunde, ihn aus dem Ghetto zu befreien. Als er jedoch die Wachen sah, geriet Włast in Panik und floh, wobei er von den Deutschen erschossen wurde. Das genaue Datum seines Todes ist nicht bekannt.

Artur Gold, der Cousin von Jerzy Petersburski, der mit seinem Bruder Henryk in dem Petersburski – Gold – Orchester spielte, spielte weiter, wie der Schicksal so will im Lagerorchester von Treblinka. Er komponierte sogar Musik für das Treblinka – Lied (andere Quellen berichten, dass die Musik schon in Buchenwald entstand). Wie ähnlich und wie schrecklich manche Schicksale waren. Die Parallelen vieler Schicksale sind erschütternd: Einige konnten emigrieren, sich verstecken oder in der polnischen bzw. sowjetischen Armee dienen. Jerzy Petersburski und Henryk Gold gelangten zur Anders‑Armee. Vielleicht rettete ihnen das das Leben. Manche überlebten, viele jedoch nicht.
Ich frage mich, ob die Lagerorchester in den Konzentrationslagern Oh, Donna Clara gespielt haben? Wahrscheinlich ja. Im sowjetischen Film von Sergei Bondartschuk Ein Menschenschicksal taucht das Lied jedenfalls auf. Ich habe zwei Stellen gefunden: Bei der Ankunft und Selektion in einem Konzentrationslager erklingt zunächst nur die Melodie. Am Ende des Films folgt dann auch der Text – allerdings in englischer Sprache. Nachgelesen habe ich, dass der Regisseur damit auch den Westmächten eine Mitverantwortung zuschreiben wollte; daher wohl die englische Version.

O Donna Clara, wüsstest du, über wie viele Leichen dein Weg geführt hat? Vielleicht hättest du manches anders bedacht.
Hier der Link zum Film (polnische Version), erste Stelle beginnt ab ung. 43,30 Minute, zweite ab 1 Stunde 18 Minuten.
Hier andere Links, die mir das Wissen vermittelt haben:
https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Petersburski
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_L%C3%B6hner-Beda
https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Gold
https://os-rundschau.de/rundschau-magazin/judith-kessler/der-letzte-tango-in-treblinka/
