Aus meinem Buch. Wohnung und Essen.

Heute um 19 Uhr lese ich aus meinem Buch im Deutsch-Polnischen Klub in Wedding. (VHS, Antonstr. 37, 13347 Berlin)


Meistens wenn ich lese, wollen die Lesung-Organisatoren, dass ich über Solidarność lese, oder über den Kriegszustand. Das Buch hat aber auch andere Kapitel, von denen ich jetzt eins ausgesucht habe.


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Wohnung und Essen (1964)


Es wird behauptet, dass Bilder im Zeitalter des Internets eine ganz andere Tragweite haben als früher und dass man eigentlich erst jetzt von der Bedeutung der Kunst in der Popkultur sprechen kann. Dies zeige sich vor allem an der Anzahl der Bearbeitungen, also, wie man heute sagt, der Memes. Wenn ihr jedoch glaubt, dass Memes Bilder mit Beschriftungen sind, dann muss ich euch sagen, dass das nicht stimmt – Memes sind Bewusstseinseinheiten! So informierte mich Konrad Kozaczek, der Philosoph und KI-Kenner. Ja, es sind Atome des Bewusstseins, die natürlich aus einem Bild mit einer Beschriftung bestehen können. In der Volksrepublik Polen war Kunst lange vor dem Zeitalter des Internets, Facebooks und Instagrams beliebt, und diese Beliebtheit ließ sich beispielsweise an der Anzahl der Reproduktionen eines Werks messen, die in Wohnungen und Institutionen in ganz Polen hingen. Ich habe keine Untersuchungen durchgeführt, da dies nicht die Aufgabe einer Schriftstellerin, Journalistin oder Bloggerin ist, daher stütze ich mich nur auf etwas so Unmessbares wie ein „Gefühl”, aber ich glaube und fühle, dass van Gogh in der Volksrepublik Polen der unbestrittene König der Maler war und sein Werk Sonnenblumen ein Werk Nummer 1.


Heutzutage gelten Bilder wie Leonardo da Vincis Mona Lisa, Edvard Munchs Der Schrei und eben Sonnenblumen als die bekanntesten Meisterwerke der Welt. Die Volksrepublik Polen war auch in dieser Hinsicht ein Vorreiter. In der Ära Gierek war die Reproduktion der Sonnenblumen eines der grundlegenden Elemente einer klassischen Wohnung eines Intellektuellen der Volksrepublik Polen: das Regal von den Namen des Projektautoren Regal von Kowalskis genannt, die Waschmaschine Frania, die Enzyklopädie des Stattlichen Wissenschaftlichen Verlags, Keramik aus Włocławek, Osterpalmen von Cepelia, eine Tischdecke mit Hohlsaum von Polnischen Leinen (Polski Len) und van Gogh. Die einzige fremde Intrusion inmitten heimeliger Fülle. Van Goghs Sonnenblumen waren in der Volksrepublik Polen sicherlich eine Einheit des Bewusstseins. Die Frage bleibt: Bewusstsein von was? Ich denke, es war das Bewusstsein für den Aufstieg, das Bewusstsein, einen Punkt erreicht zu haben, der zuvor unerreichbar schien.

Die Sonnenblumen hingen in Basias Wohnung direkt neben dem großen Heiligenbild, vor dem Mama und die beiden Mädchen, Asia und Basia, abends laut beteten. Papa betete nicht, er saß auf der Couch in der Küche und rauchte eine Zigarette. Später, als Mama und die beiden Mädchen sich in ihrem Zimmer schlafen legten, schlief Papa auf demselben Sofa. Sie hatten zwar kein Regal der Familie Kowalski, aber in der Wohnung der Familie Gruba gab es andere unverzichtbare Elemente des kommunistischen „Erfolgs” – eine Wachstuchdecke auf dem Tisch, Kristallgläser und einen Ficus.

Als Autorin möchte ich hinzufügen, dass mich die Frage der Wachstuchdecke in letzter Zeit nicht loslässt. Ich dachte, ich könnte mich nicht daran erinnern, dass es zu Hause Wachstuchdecken auf dem Tisch gab, aber jetzt, während ich dies schreibe, scheint es mir, als würde ich eine Küche sehen, in der noch in einem Blecheimer gespült wurde (zuerst Glas und Porzellan, dann Silber und der Rest des Bestecks, und zum Schluss die Küchenutensilien, Töpfe und schließlich Pfannen), ich sehe in dieser Küche hinten rechts einen rechteckigen Tisch, der mit einer Wachstuchdecke mit feinem braunen Karomuster gedeckt ist. War es so? Ich weiß es nicht und habe niemanden mehr, den ich fragen könnte. Aber wenn es so war, wie schrecklich muss das für jemanden gewesen sein, der wie meine Mutter und ihre Tante vor dem Krieg in einer großen, schönen Wohnung voller eleganter Möbel, Lampen und Gemälde lebten. Wie seltsam und abstoßend muss es gewesen sein, an einem Tisch zu sitzen, der mit Wachstuch statt mit weißem, dünnem Leinen gedeckt war. Natürlich gab es in der Zwischenzeit Krieg und Armut, Mangel und vielleicht sogar Elend und den Zwang, sich zu verstecken, aber Krieg ist Krieg, vom Krieg kann man nicht viel verlangen, während Armut in einem normalen friedlichen Leben etwas Unerträgliches gewesen sein muss. Diese braune, karierte Wachstuchdecke, grau geworden, abgenutzt, und das schmutzige Wasser in der Spülschüssel. Das Wort „Abwaschwasser” reicht nicht, um Mamas und Karusias Abscheu zu verstehen. Sie waren Frauen aus einer anderen Welt, für sie war diese graue schmutzige Brühe das, was auf polnisch einen besonderen Namen hat: pomyje.

Armut und Mangel, Tristesse und Kitsch des Lebens in der Volksrepublik Polen. Graue Bücher, graue Strümpfe, graue Fußbodenlappen. Wachstuch, ja, aber obendrauf Kristallgläser und einen Ficus.

An den Ficus erinnere ich mich sehr gut, er stand in unserem Zimmer, meinem und dem meiner Schwester. Bei Basia und Asia gab es hingegen Kristallgläser, ein weiterer Beweis für den Wohlstand in der Zeit der Volksrepublik. Bei uns gab es keine Kristallgläser, meine Mutter hasste diesen pseudo-luxuriösen Stil der Volksrepublik, Kristallgläser, Fransen, Stickereien, Häkelarbeiten.

Das gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Volksrepublik Polen war dadurch geprägt, dass alle nicht nur gleich wohnten, sondern auch dasselbe aßen, lasen und sahen. Im Fernsehen, im Kino, in der Buchhandlung – überall war es dasselbe. Dies führte zu bestimmten Moden und Trends, manchmal über Jahre hinweg, wie zum Beispiel dem Kauf sogenannter „Alben”, also farbiger Bücher mit Kunst berühmter Maler oder Epochen, die Donnerstag-Fernseh-Krimisendung Klapperschlange (Kobra) oder das montägliche Fernseh-Theater (Teatr Telewizji), sowie den Kolumnen von Jan Kamyczek in Wochenzeitschrift Przekrój (wir wissen, wir wissen, sie ist eine Frau gewesen! Wie Kopernikus! Und Pułaski!) Mehrere Jahrzehnte lang waren wir alle, wobei unter „alle” die Intelligenz zu verstehen ist, waren wir alle gleich, obwohl selbst im einfachen VRP einige gleicher waren als andere. Die Volksrepublik Polen war ein stark klassenstrukturierter Staat, die Intelligenz hatte fast keine Gelegenheit, mit Arbeitern und Bauern in Kontakt zu kommen, und wenn jemand wie Basia aus einer Arbeiterfamilie kam und das Gymnasium bestand, musste er sich im Eilverfahren den gesamten Kulturcode der arbeitenden Intelligenz aneignen.


So war es jedenfalls in den 60ern. Wir waren uns sehr ähnlich, sangen die gleichen Lieder, lasen das Gleiche in der Presse und sahen das Gleiche im Fernsehen. Wir sammelten Altpapier, um es gegen das Recht einzutauschen, die gesammelten Werke von Mickiewicz zu kaufen. In der Zeit von Edward Gierek, also nach dem Jahr 1970, gelang es uns, Wohlstand zu erlangen.

Der Wohlstand der Gierek-Ära wurde sicherlich durch Crackers und die allgemeine Liebe zu Fleisch, insbesondere zu Schweinekoteletts, geprägt. Nie zuvor hatten die Polen so viel Fleisch gegessen wie zu Zeiten Giereks. Vorher, vor dem Krieg war es klar, dass man nicht viel Fleisch aß, weil es teuer war, dann gab es Kriegs-Mangel und die allgemeine Bedürftigkeit der Nachkriegs-Zeiten, es war zu wenig von allen und es war schwieriger, es zu bekommen bis es später dazu kam, dass man die sogennanten Kärtchen für Fleisch hatte, die streng reglementierten, was man im Monat in einem Fleischladen kaufen darf. Das Fleisch wurde zu einem Symbol und einem Tauschgut. Kärtchen hin oder her, man musste Schlange stehen, um es zu bekommen. Aber in der Gierek-Ära, in den 70er Jahren, war Fleisch gleichgesetzt mit Wohlstand. Fleisch, Fleisch, Fleisch. Jeden Morgen fuhren aus den Dörfern rund um die Städte Tarpans, Maluchs und Poloneze los, alles polnische Automarken, mit denen resolute Bäuerinnen Fleisch aus illegaler Schlachtung an elegante, wohlhabende Stadtbewohner lieferten. Obwohl Hippies schon damals ein fleischloses Leben propagierten, liebten die Polen Fleisch und aßen es täglich, von morgens bis abends. Erst im freien Polen tauchten neue Ernährungstrends auf: Veganismus, Vegetarismus, der Trend zu gesunden Lebensmitteln und schließlich der weit verbreitete alternative Glaube, dass diejenigen, die Fleisch ablehnen und stattdessen Hirse essen, Erlösung finden und die Erde vor einer Klimakatastrophe retten werden. Denn heute stört uns der Überfluss, während wir zu Giereks Zeiten mit gutem Gewissen schlemmen konnten. Menschen, die sich an die Zeiten des Hungers erinnerten, konnten hier getrost das Adverb „endlich” verwenden. Endlich konnte man sich den Bauch vollschlagen. Fleisch gab es also täglich zum Mittagessen, obwohl die Kirche erwartete, dass das Volk freitags, und die Kommune, dass es montags fastete. Fleisch gab es nicht nur auf dem Teller als fester Bestandteil des „zweiten Gangs” (1. Gang – Suppe, 2. Gang – Hauptgericht, immer nur drugie genannt, das heißt „zweites“, 3. Gang – Nachtisch), sondern auch zum Abendessen und auf Stuhlen für die Arbeit oder die Schule. Vielleicht gab es nicht in jedem Haushalt Wurstwaren zum Frühstück und Abendessen, aber es gab immer reichlich davon. Wurstwaren sind bis heute eine polnische Spezialität. Selbst in Zeiten, in denen Fleisch kein Symbol für sozialen Aufstieg mehr ist, präsentieren polnische Unternehmen auf internationalen Lebensmittelmessen vor allem Berge von Würsten, Schinken und Balerons, Würste, Schinken, Speck, Kabanossi, Fillets, Rouladen, Galantinen, Räucherwaren, halbe Gänse, Schweinshaxen, Braten, Roastbeef und wieder Schinken. Ich habe auf solchen Messen noch nie Blutwurst, Sülze oder Salzeson gesehen. Das waren billigere Produkte, für den heimischen Gebrauch reserviert. Natürlich war Salzeson ein Armutsprodukt, in besseren Haushalten aß man bessere Wurstwaren.


Stefan erinnerte sich noch gut an den Schock, als Frau Gruba ihm bei seinem ersten Besuch bei Basia zum Abendbrot Brot mit weißer Salzeson servierte (es gab auch schwarzer Salzeson im Handel, aber die wurde bei Asia und Basia nicht gegessen, Basias Mutter mochte sie nicht, weil sie Blut enthielt, ähnlich wie im Blutwurst und Blutsuppe). Frau Gruba servierte zu den Broten dünnen, gesüßten Tee in Gläsern auf Untertassen. Stefan schluckte heldenhaft die Gelatine, Knorpel und Haut, aus denen der Salzeson bestand. Vielleicht hat dieses Opfer seine Liebe zu Basia für immer gefestigt. Für Basia war Blut, genau wie für ihre Mutter, das Schlimmste überhaupt. Sie erinnerte sich ihr Leben lang daran, dass ihre Freundinnen ihr auf einem Pfadfinderlager Suppe aus einem großen Topf in ihre Feldschüssel gegeben haben und gesagt hatten, man müsse sie schnell essen, weil sie sonst gerinnen würde. Die Suppe war dunkelrot, also glaubte Basia, es sei Blutsuppe. Sie schüttete sie in die Büsche, musste sich aber trotzdem übergeben, obwohl sie sie gar nicht probiert hatte. Hätte sie sie probiert, hätte sie gewusst, dass ihre Freundinnen nur Spaß gemacht hatten, denn es war eine süße Kirschsuppe.

Suppe zum Mittagessen gab es immer. Borschtsch, Tomatensuppe, Gemüsesuppe, Gurkensuppe, Kartoffelsuppe, Krupnik, Brühe. So verging die Woche und wieder gab es Borschtsch, Tomatensuppe, Żurek

Alle wissen wir noch gut wie das klassische Mittagessen in der Zeit des kommunistischen Polens, der Gierek-Ära, des Wohlstands aussah: Tomatensuppe mit Reis, Schweineschnitzel, Kartoffelpüree, Sauerkraut, warme rote Beete oder eingelegte Gurken, manchmal grüne Bohnen oder Spinat und zum Nachtisch Kompott, Pudding oder Wackelpudding. In der Gierek-Ära kam Götterspeise hinzu.
In Momenten höchster kulinarischer Ekstase bekamen sie nachmittags oder sonntags nach dem Frühstück aus einem Versteck hervorgeholte Süßigkeiten – eine Praline die Marone hies, Kasztan, eine Kastanie, dick, braun, himmlisch, einen halben Riegel, ein Stück des sogenannten Blocks oder Danusia, einen dünnen Schocko-Riegel. Selbst wenn Süßigkeiten noch problemlos in Geschäften gekauft werden konnten, wurden den Kindern grundsätzlich Bonbons und Pralinen nur zugeteilt. Kein polnisches Kind dürfte damals so gedankenlos Süßigkeiten essen. Die heutigen Konsumenten von Süßwaren, aber auch die Gegner von allem, was süß ist, wissen nicht, wie es für Kinder, die sich nach Süßigkeiten sehnten, schmeckte, eine Schokoladenkastanie aus irgendeiner Ecke hervorzuholen, Kekskrümel, die in einem kleinen Laden an der Ecke in braunen, zu einer Tüte gefalteten Papier gekauft wurden, oder diese dünne Schocko-Riegeln, die auf frischem Brot mit Butter gestrichen wurde. Von Brot mit Zucker will ich gar nicht erst reden, denn darüber schreiben absolut alle polnische Autorinnen und Autoren, und es wäre peinlich, sich zu wiederholen.


Aber vielleicht muss ich zugeben, dass ich bis heute Brot mit Zucker mag. Und Kogel-Mogel, mit Zucker verquirlten Eidotter. Zum Frühstück gab es Milchsuppe. Gut, wenn sie nicht angebrannt war, was im Ferienlager regelmäßig vorkam.

Es ist interessant, dass ich mich viel besser an schreckliche kulinarische Alpträume erinnere als an irgendwelches besonders leckeres Essen, abgesehen von Rührei, das ich wegen Magenbeschwerden eine Zeit lang nicht essen durfte – als das Verbot aufgehoben wurde, spielte ich in einigen befreundeten Haushalten eine Szene mit dem Titel „Kind isst nach langer Krankheit zum ersten Mal Rührei”. Aber auch das war wohl keine Begeisterung für etwas Leckeres, sondern nur Situationsfreude. Ich erinnere mich hingegen sehr gut an verschiedene Ekelhaftigkeiten, die wir essen mussten, an die schrecklich schmeckende Gemüsesuppe, das graue Brot mit Margarine und die widerliche Rote-Bete-Marmelade, die wir jeden Tag im Ferienlager aßen. Und das Ferienlager war kein kleiner Teil meines Lebens. Ich war mehr als ein Dutzend Mal im Ferienlager. Jedes Mal einen Monat lang. Mehr als ein Dutzend Aufenthalte im Ferienlager bedeuten mehr als vierhundert Frühstücke. Noch heute schaudert es mich, wenn ich daran zurückdenke.

Zum Abendessen gab es immer dünnen Tee und belegtes Brot, wahrscheinlich zwei Brotscheiben, die in zwei Hälften geschnitten waren, aber möglicherweise bekamen die Jungen größere Portionen. Im Sommer gab es Radieschen, Schnittlauch und Tomaten, aber im Winter nur Käse und Wurst.

Am Sonntag tranken wohl alle Kinder in Polen Kakao mit sog. Schaum, dh. Geschlagenen und gesüßten Eiweiß. Stefan und Marek bekamen Eckbrötchen und ein weich gekochtes Ei. Asia und Basia bekamen Hefezopf oder mit Butter beschmiertes „Türkischbrot”, das mit Rosinen gespickt war. Mama brachte es immer samstags nach der Arbeit mit, einen kleinen Laib, nicht größer als zwei Brötchen – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Königin Sonntag kommt.

Stefan und Marek aßen nicht in der Schulkantine zu Mittag, sondern gingen direkt nach der Schule nach Hause, wo entweder Karusia war oder das von Mama am Abend vorbereitete Mittagessen auf sie wartete, das sie zwar aufwärmen sollten, aber immer kalt aßen. Seitdem mögen sie es, alles kalt zu essen. Kalte Suppe, kalte Kartoffeln, kalte Aufläufe. Asia und Basia aßen in der Kantine, wo laut Asia das gesamte Essen die Farbe, den Geruch und den Geschmack eines ausgekochten Fußbodenlappens hatte. Asia war älter, sie putzte, daher wusste sie genau, wie so ein Lappen riecht. Der Rest war eine Frage der Extrapolation.

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