Silvester

Monika Wrzosek-Müller

Momentaufnahme einer Silvesternacht

Schon auf dem Klausener Platz, wo wir auf den Bus warten, der uns zum Theater bringen soll, merken wir, es wird schwer. Es ist erst achtzehn Uhr und schon wird geballert, geknallt, bis zum Geht-Nicht-Mehr. Der Busfahrer öffnet die Vordertür nicht, weil er befürchten muss, dass Böller reingeworfen werden. Gut, dass wir uns an der Bushaltestelle im Wartehäuschen unterstellen, verstecken können; ich habe das Gefühl, mich in einem Krieg zu befinden, gleich einen Schuss in den Rücken zu kriegen. Ich frage mich, was bringt die Leute dazu, mit dieser Knallerei ihre Freude auszudrücken, welche Idee steckt dahinter, noch und gerade in Zeiten, wo sich viele Kriege vor der eigenen Haustür abspielen. Es ist nicht nur laut, es stinkt auch und es entsteht viel Rauch, der in die Atmosphäre steigt und die Umwelt belastet. Auf dem Rückweg in der S-Bahn sitzen neben uns Vater und Sohn, der Sprache nach zu urteilen vielleicht Iraner. Der Sohn ein pummeliger, kleiner, süßer Junge mit einer riesigen Tasche voll Raketen und Feuerwerkskörpern bepackt. Sie steigen leider mit uns zusammen aus. Auf dem Fußweg ist der Teufel los, ganze Gruppen von jungen Männern sammeln sich vorzugsweise auf den Kreuzungen, um zu ballern, Raketen abzuschießen. Es ist sehr unangenehm, wir laufen schnell, gemeinsam mit einem jungen Paar, nach Hause.

Visionen, Vorausahnungen, Vorstellungen von der Zukunft verfolgen mich offensichtlich in letzter Zeit. Wahrscheinlich nicht nur mich, wir alle zerbrechen uns den Kopf, wie die Kriege, Katastrophen um uns herum beendet werden können. Wie geht es weiter in Gaza, in der Ukraine, was ist mit der Klimakrise, gibt’s die nicht mehr, oder beschäftigen wir uns angesichts der vielen anderen Katastrophen erst mal nicht mehr damit?

Im Theater sehe ich das Stück „Eine Minute der Menschheit“ nach einem Essay von Stanislaw Lem, zwar 1983 geschrieben, aber mit geballter Aktualität für heute. Seine Fantasy-Faszination beruhte eigentlich nie auf der Science-Fiction Tradition der Star Wars in fernen Galaxien, er selbst bezeichnete sich als „wissenschaftlichen Fantasten“, seine Fantasy war irdischer und dem Menschen zugewandt, wahrscheinlich wollte er den Krieg, den Zweiten Weltkrieg und die Katastrophe der Shoah für sich verstehen. Der Text gehört zu der Reihe „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“, zusammen mit den Essays: „Das Katastrophenprinzip“ und „Waffensysteme des 21. Jahrhunderts“. Vieles, denke ich, was er da als Zukunftsvision behandelt, ist heute schon Wirklichkeit geworden. Natürlich findet Lem dafür eine entsprechende literarische Form, benutzt einen literarischen Kunstgriff, der darin besteht, dass über ein fiktives Buch debattiert wird. Lem schreibt sozusagen eine Rezension eines nicht existierenden Buchs und lässt einen so, oft leicht ironisch, durch alle Probleme, die man nicht zu Ende darlegen und lösen muss, durchgehen. Es ist ein besonderer Verfremdungseffekt, den letztens auch Ian McEwan benutzt hat; das verschafft dem Autor mehr Raum und mehr Freiheit, über die angesprochenen Probleme nicht exakt Zeugnis ablegen zu müssen. Zugleich benutzt Lem die suggestive Kraft der Zahlen, Grafiken, Diagramme, grafischen Darstellungen, sprich der Wissenschaft, um etwas zu beweisen oder um uns zu verunsichern, oder vielleicht uns doch etwas Wissen zu vermitteln. Die Zahlen an sich nämlich, egal wie gut belegt sie sind, können etwas fixieren, aber umgekehrt auch leicht Verdacht wecken. Sie helfen auch wenig, wenn keine Taten daraus folgen. Der Essay versucht, uns mit den Mitteln der Statistik zu erklären, was die Menschheit in einer Minute alles tut. Natürlich kommt viel Absurdes und gewollt Komisches dabei heraus. Schon damals lässt Lem uns wissen: “Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz.“

Im Theater wird das alles dramatisiert: eine Runde von Leuten („Experten“) setzt sich auf dem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ zusammen und debattiert über das Buch. Nicht, dass mir unser eigener Literaturkreis in den Sinn gekommen wäre. Die Figuren sind äußerst skurril und eigenwillig, jeder findet etwas, was nicht unbedingt in dem Buch steht, sondern eher was ihn gerade so bewegt, und das bringt er vor. Der eine redet also von Liebe und die andere davon, dass sie eben auch was sagen will; jeder nach seiner Façon. Es werden dabei Strategien sichtbar, wie man mit der Welt umgeht, wie man sie erträgt und was das alles mit einem selbst, mit dem Menschsein zu tun hat. Am lustigsten und komischen ist dabei die Figur des Professors, der alles mit wissenschaftlichen Tabellen, Aufzeichnungen, eben grafischen Darstellungen auf riesigen Tafeln veranschaulichen will und seine Feststellung – für mich vielleicht als beste Pointe der ganzen Aufführung – dass, wenn man die ganze Menschheit eben in den Ozean werfen würde, sich der Meeresspiegel der Ozeane dadurch nur um einen Millimeter erhöhen würde.

Vielleicht schade, dass die Aufführung so in der damaligen Zeit, also den 1980er Jahren, verharrt, denn die Aktualität vieler Gedanken ist nicht von der Hand zu weisen, wie z.B. die digitale Überwachung zwecks Profit, auch der Gedanke der Gleichzeitigkeit und kognitiven Abhängigkeiten und schließlich das Thema Zeit, was alles in einer Minute passieren kann, ist heutzutage vielleicht noch stärker präsent als damals. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, Lem wieder zu lesen.

Vom Balkon haben wir dann mit Freunden die vielen Feuerwerke bewundert und dabei doch nachgedacht, wieviel Geld da in einigen Minuten in die Luft geschossen und verballert wird.

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