Affari tuoi oder Deal or no deal

Monika Wrzosek-Müller

Wie jedes Jahr gehört der September meiner geliebten südlichen Toskana, der Maremma. Seit vielen Jahren pilgern wir hierher; ich schreibe bewusst „pilgern“, weil es sich für mich auch etwas wie eine spirituelle Reinigung anfühlt. Von weitem grüßen die riesigen Schirme der Pinien, das Meer glitzert, die Menschen lachen, die langen Fahrradpisten sorgen auch für sportliche Herausforderungen, der Kaffee kostet immer noch 1,60, ein budino di riso (eine Spezialität in der Toskana, ein Reisküchlein) 1,50, das Eis gibt es in unmöglichsten Geschmacksrichtungen, auch Dubai-Schokolade ist dabei, das Essen schmeckt überhaupt hervorragend; das hört sich wie eine Ansammlung von Klischees an, doch es ist die reine Wahrheit, die wir hier Jahr für Jahr erleben. Dieses kleine Paradies befindet sich unter dem Monte Argentario, und auch wenn rundherum in der Welt vieles den Bach runter läuft und wir als passive Beobachter untätig bleiben, bilde ich mir ein, hier darf ich das Paradies genießen.

Seit langem schauen wir im Fernsehen, in Rai 1, eine Sendung, die eigentlich nicht unserem Geschmack entspricht, und so geht es auch vielen anderen, auch Italienern. Es ist eine Fernsehspielshow, die auf der international bekannten Show Deal or No Deal basiert. Sie wurde eigentlich in Niederlanden erfunden, dann in den USA verfeinert und auch in Deutschland soll sie angeblich auf Sat 1 gelaufen sein, doch wegen niedrigen Zuschauerquoten dann 2014 eingestellt. Während in Deutschland und den anderen westlichen Ländern die ganze Aufmerksamkeit auf die hohe Gewinnquote gerichtet war – ich lese, in Deutschland war der Gewinn einmal 2 Millionen Euro (das war vor 2014 wirklich viel Geld) – beträgt der mögliche Hauptgewinn in Italien gerade einmal 300 000 Euro. Meistens gehen die Kandidaten mit viel niedrigeren Gewinnen nach Hause.

Affari tuoi, übersetzt ins Deutsche als „deine Geschäfte“, ist inzwischen zu einer Kultsendung geworden. Das liegt gewiss am Moderator, der mit unheimlicher, jugendlicher und bravouröser Energie durch das Programm führt; die Sendung gab es schon von 2003 bis 2017, aber erst ab 2023, zuerst von Amadeus und dann von Stefano De Martino moderiert, kamen die außerordentlich hohen Zuschauerzahlen zustande. Es liegt auch bestimmt daran, dass die Sendung gleich nach den Hauptnachrichten und den berühmten Cinque minuti, dem von Bruno Vespa geführten Interview des Tages, folgt. Ich kann mir vorstellen, dass die Sendung in den USA und in Deutschland einen ganz anderen Geschmack hatte, dass es eher brutal ums Geldgewinnen ging. In Italien geht es nicht primär um den Gewinn, um den Deal (das Wort, der Begriff ist jetzt leider durch den Donald Trump negativ besetzt und ich kann ihn nicht mehr hören). Vielen, die in die Sendung kommen, geht es um etwas anderes. Die Kandidaten und Mitspieler kommen aus je einer der 20 Regionen Italiens; jeden Abend wählen sie ein Paket, das eine bestimmte Summe enthält. Der Spieler des Abends soll dann durch glückliche Auswahl unter den Paketen eine möglichst hohe Summe nach Hause bringen. Er ruft Schritt für Schritt je ein Paket eines Mitspielers auf, das dann geöffnet wird, um die enthaltene Summe preiszugeben; allmählich lässt sich erst erahnen, wie die hohen und die niedrigen Summen verteilt sind. Zwischendurch schaltet sich immer wieder der über das rote Telefon verbundene Dottore ein: Mal bietet er dem Kandidaten eine bestimmte Summe an, wenn dieser das Spiel an dem betreffenden Punkt aufgeben will; mal gibt er dem Kandidaten die Chance sein Paket gegen ein anderes in der Spielrunde auszutauschen. Am Ende bleibt die Summe, die der Kandidat in seinem eigenen Paket hat. Bei völlig niederschmetternden Niederlagen gibt es dann noch ein Trostformat – die regione fortunata [Glücksregion]: unter den 20 Regionen muss man erst einmal eine benennen, mit der Aussicht auf 100.000 Euro, wenn die richtige gewählt wurde; wenn nicht fallen 10 Regionen weg und man tippt unter den verbliebenen auf eine weitere Region, mit der Chance auf 50.000 Euro.

Auch wenn das Spiel um den Gewinn sich manchmal dramatisch gestaltet – wichtiger sind für mich die anderen Komponenten der Show. Wichtig ist jedes Mal z.B. die Herkunftsregion des Hauptspielers, deren Spezialitäten und Eigenheiten, deren Dialekt; auch kann der Spieler sich ganz in Ruhe präsentieren, mit so viel Zeit wie er möchte. Die Kandidaten freunden sich untereinander an und dort, wo man einen Kampf erwarten würde, sind Freundschaft und Solidarität da. Alles geschieht in einer eher familiären Atmosphäre, es wird viel gelacht, auch getanzt und erzählt. Da die Sendung jeden Abend läuft und die Kandidaten von weither kommen, müssen sie manchmal fast einen Monat zusammen im Hotel verbringen. Man sieht, wie sie sich kennenlernen, befreunden, füreinander stehen. Sie nehmen oft an über zwanzig Spielabenden teil, bevor sie dann selbst als Kandidat auf der Bühne stehen.

Uns überrascht, wieviel Liebe und Zufriedenheit bei den Spielern jedes Mal am Ende bleibt, mit manchmal lächerlich kleinen Gewinnen. Manchmal unterstreichen die Kandidaten extra, dass es ihnen nicht hauptsächlich um den Gewinn gegangen sei, wichtiger wäre die Erfahrung des Zusammen- und Dabeiseins. Ihnen stehen auch immer Stylisten und Modeberater zur Seite und man sieht bei manchen, wie sie von Abend zum Abend besser, schöner und entspannter sich bewegen, tanzen und reden, denn jeder Teilnehmer stellt sich im Laufe des Abends vor. Es gibt auch immer applausfreudiges Publikum und kleine Aufmerksamkeiten und Überraschungen – wie den täglichen Auftritt des putzigen Hündchens Genarino, der auf die Bühne läuft und, da er ein Jack Russell-Terrier ist, verschiedene Dressurnummern zeigen kann und alle mit seiner Lebendigkeit zum Lachen bringt. Eigentlich weiß ich nicht, warum die Sendung so beliebt ist; für mich zeigt sie jedes Mal, dass alle gleichwertig antreten, gleich behandelt werden und durch echtes Interesse am anderen wachsen. Es entsteht eine Art von Solidarität, die ich so sehr in Deutschland vermisse, eine Art von Zusammenhalt, den es in einer Gesellschaft geben soll. Das Gefühl für den Satz: ti voglio bene [alles Gute für Dich], das ausgesprochen und herzlich gelebt wird.

Zum Glück merken auch die anderen, auch jüngeren Menschen in Deutschland, dass etwas in Schieflage geraten ist, ich nenne hier nur ein paar Bücher: den Essayband Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral von Anna Rabe, den gerade mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete radikalen, in der Gegenwart spielenden Roman Sehr geehrte Frau Ministerin von Ursula Krechel, aber auch das von der jungen polnischstämmigen Wirtschaftswissenschaftlerin Martyna Linartas verfasste Sachbuch Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann. Irgendwie macht mir die Sendung ganz klar: Geld ist nicht alles, worum es im Leben wirklich geht, und wenn wir uns dabei aus den Augen verlieren, unseren inneren Kompass aufgeben, wird uns auch mit Geld nicht geholfen.

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