Monika Wrzosek-Müller
Die melancholischen Kühe
Als Kind bin ich oft in die Berge, oder eher in das Hügelland der Vorkarpaten, Beskiden gefahren. Die Reisen traten wir zuerst mit meiner Oma und meiner Tante an, dann kamen auch meine Eltern nach. Die langen Sommerferien in Polen, vom 24. Juni bis Anfang September, waren jedes Mal eine richtige Herausforderung für die arbeitenden Eltern.
Ich erinnere mich an einen Sommer in einer Berghütte, wirklich einer bäuerlichen Hütte, in der eine Hälfte von der Bauernfamilie bewohnt wurde, die andere von zwei Kühen. Der Eingang war mehr oder weniger gemeinsam. Meine Oma wäre bei der Ankunft beinahe ohnmächtig geworden, als sie die Zustände sah. Die Bäuerin war mit ihren zwei Kindern wegen der Gäste aus Warschau in die Scheune ausgewichen; die Kühe sollten aber als unsere Nachbarn bleiben. Zuerst hat meine Oma die Tür ganz verschlossen und wir sollten durchs Fenster ein- und aussteigen. Trotzdem gab es unheimlich viele Fliegen, die wir mit überall ausgehängten Klebestreifen zu fangen versuchten. Meine Mutter suchte immer eine billige, sie sagte „preiswerte“, Unterkunft für diese lange Sommerperiode zu bekommen, durch Bekannte oder diverse Vermittler. Doch meine Oma weigerte sich, mit den Kühen unter einem Dach zu wohnen, und so mussten diese auch in den Stall oder auf Weide umziehen. Dass es danach keine große Freundschaft zwischen den Städtern und der Bäuerin gab, versteht sich von selbst.
Doch für mich begann damals meine Bewunderung oder besser gesagt Zuneigung zu den Kühen. Es waren zwei schwarz-weiß gefleckte Musterkühe, mit riesigen Eutern und genauso riesigen traurigen Augen. Manchmal begleitete ich die Bäuerin zum Melken; sie gab mir auch oft die noch warme, aufgeschäumte Milch zu trinken, die ich ehrlich gesagt nicht mochte. Als Kind dachte ich danach immer wieder, die Kühe hätten eigentlich ein gutes Leben; sie wurden gesäubert, rochen sehr gut, wurden auf die Weide geführt und wenn das Wetter es erlaubte, blieben sie dort auch über Nacht; wurden getränkt, wenn es zu heiß war. Sie trugen sehr nette Namen: die eine hieß Jagoda (Waldbeere), die andere Malina (Himbeere). Bald konnte ich sie auch unterscheiden, sie reagierten zwar sehr langsam und unentschieden auf ihre Namen, aber ich hielt daran fest, dass ich mich mit ihnen unterhalten konnte. Irgendwie spürte ich, dass die Bäuerin dachte, es wäre ungerecht: die Herrschaften breiteten sich im Haus aus und die Kühe mussten draußen bleiben; dass sie mit den Kindern in der Scheune schlief, schien für sie eher selbstverständlich.
Wir liefen die ganzen Tage mit den Dorfkindern herum, auch begleiteten wir sie zu den großen Almen nach oben, dahin, wo viele Kühe grasten. Sie kamen auf uns zu, am Anfang hatte ich Angst vor den riesigen Mäulern, doch sehr schnell merkte ich wie ruhig und ungefährlich, auch folgsam sie waren. Es gab einen Jungen, der sie die ganzen Tage hüten musste und sie dann abends entweder auf die Weiden direkt im Dorf führte oder zu den einzelnen Bauern zurückbrachte. Er konnte richtig mit ihnen sprechen, kannte ihre Namen und wusste, welche Probleme welche bereiten konnten.
Es waren allesamt die typischen schwarz-weiß gefleckten Holsteinrinder, die in Polen überall zu sehen waren; inzwischen gibt es viele Rinderrassen auch in Polen, aber diese Milchrasse hält sich am längsten und ist, lese ich, bis heute am meisten verbreitet. Manchmal sieht man aber auch braun gefleckte oder hellbraune Jersey Ayrshire Rinder, die sowohl als Milch- als auch als Fleischrinder gelten.
Später, viele Jahre später sah ich in Indien graue oder beige sog. heilige Kühe, überall, an den absurdesten Plätzen, in der größten Hitze herumspazieren; ich habe sie auch auf der Autobahn gehen sehen, wo sie sich nicht vom Hupen der fahrenden Autos stören ließen, auch in den Städten auf den Straßen gingen sie völlig unbekümmert umher. Sie waren meistens völlig abgemagert, mit eingefallenen Flanken und traurigen Augen. Sie schauten uns wie von anderer Welt kommend an; sie waren heilig, aber nicht ein Teil der Familie, sie lebten völlig einsam und für sich allein. Niemand kümmerte sich um sie, niemand gab ihnen etwas zu trinken; in den Back Waters sah ich ihre Kadaver herumschwimmen. Sie gelten im Hinduismus als Symbol der Mutter, der Fruchtbarkeit, also des Lebens, werden in den Tempeln in Verbindung zu Gott Krishna gebracht, doch ihr Leben war alles andere als beneidenswert. Sie taten mir leid.
Dafür bewunderte ich von Anfang an die prächtigen, langhornigen Rinder, die vor allem in den früher von Malaria befallenen Sumpfgebieten um Grosseto weideten. Sie schienen da immer wild zu grasen und mein Sohn, als kleines Kind, damals in 90er Jahren meinte, die würden einfach Mozzarella kacken, und er wollte solange bei ihnen bleiben, bis das wirklich geschah. Inzwischen weiden sie auf dem steppenähnlichen, ausgetrockneten Brachland in der ganzen Provinz von Viterbo und Grosseto bis an die Grenze zu Latium; es handelt sich um das Maremmaner Rind, das fachmännisch primitivo genannt wird, wobei es sich nicht um primitiv (auch bei dem Wein nicht) handelt, sondern um ursprünglich, eher eben edel. Sie stammen von den ausgestorbenen Auerochsen ab, der Wildform der Hausrinder. Wir treffen sie immer wieder auf verschiedenen riesigen Flächen, sie sehen imposant aus mit den langen geschwungenen Hörnern (angeblich erreichen sie eine Länge von 100 cm); die Kühe sind hellgrau bis weiß, die Bullen viel dunkler, also dunkelgrau bis schwarz und sehen gefährlich aus. Bei unseren Streifzügen durch die Maremma bieten sie sich als sehr fotogene Objekte an. Angeblich schmeckt auch ihr Fleisch sehr gut, aber ob sich dabei um das Fleisch der bistecca alla fiorentina handelt, weiß ich nicht.
Jetzt bewundere ich die Uckermärker Rinder auf den um Warthe liegenden Weiden. Diese Rasse oder besser Zuchtlinie entstand noch in der DDR in den 70er Jahren aus der Kreuzung von Charolais-Rindern mit den Fleckkühen. Es handelt sich um Fleischrinder, sie haben wunderbare hellbeige Farben, manchmal auch bräunlich, und sehen weich, sanftmütig und majestätisch aus. Sie begleiten uns auf unseren Streifzügen überall, sind meistens mit einem Elektrozaun abgesperrt und von den Wanderwegen abgetrennt, doch sobald sie jemanden sehen, laufen sie entweder weg oder nähern sich, sie sehen so geduldig und überhaupt nicht gefährlich aus. Ich habe immer wieder Lust sie zu streicheln, besonders die Kälber sehen weich und unheimlich süß aus. Sie stehen den ganzen Sommer im Freien, bekommen außer Wasser auch manchmal große Brocken von Salz und etwas Heu extra, besonders wenn große Hitze herrscht; im Winter werden sie in den riesigen Ställen untergebracht. Manchmal hören wir sie muhen. Es sind riesige Herden. Einmal haben wir erlebt, dass sie den Zaun durchbrochen haben und in den Wald gelaufen sind, es war sehr schwer sie alle wieder zu finden und einzufangen. Auch sie bilden unser beliebtes Fotomotiv; sie posieren geduldig und erwarten von uns nichts. Sie sind einfach da, so als ob sie ein Teil der Landschaft wären.
