TU zachęcałam do czytania. Michael G. Müller przeczytał:
Michael G. Müller
Vincent Helbig, Euer Deutscher. Wie ich Polen lieben lernte [Wasz Niemiec. Jak pokochałem Polskę. Kraków 2025]
Im Tagebuch seiner Wanderreise nach Masuren im August 2013 hat Helbig am ersten Reisetag notiert: „Hoffentlich finden wir uns in Allenstein gut zurecht und erreichen den auf der Wanderkarte rot eingezeichneten Weg. Gott steh uns bei!“ Ja, Allenstein (Olsztyn), und nicht etwa Alma-Ata oder Aleppo. Aber seine erste Begegnung mit Polen war für den 19-jährigen Vincent eine vergleichbar exotische, auch verunsichernde Erfahrung – ein großes Abenteuer, bei dem es durchaus ratsam scheinen mochte, Gottes Beistand zu erbitten.

Offenbar hat Gott dem gläubigen jungen Katholiken aus Halle dann auch wirklich beigestanden. Die Wanderung von Olsztyn/Allenstein zu dem masurischen Heimatdorf der Urgroßmutter (Bażyny/Basien), dann weiter nach Gdańsk/Danzig wurde für ihn zu einem buchstäblich beglückenden Erlebnis. Ja gewiss, die Landschaftseindrücke natürlich und die nostalgische Begegnung mit dem familiären Erinnerungsort Bażyny. Viel wichtiger für Vincent aber: die ungeheure Herzlichkeit und die entwaffnende Gastfreundschaft der Menschen, denen er auf jedem Schritt seiner Wanderung begegnet ist. Beinahe unfassbar für ihn, dass man in Polen einem jungen Deutschen, der ohne jedwede Kenntnisse von Sprache und Kultur im Land herumstolperte, so großherzig entgegenkam.
Eine Schlüsselerfahrung. Vincent Helbig wollte jetzt nicht nur wiederkommen, sondern er wollte auch besser vorbereitet wiederkommen. Er wollte besser verstehen und sich besser verständlich machen können, um hinter das Geheimnis dieser Sympathiefähigkeit der Polen zu kommen. Sein langer Weg dahin ist der Stoff des Buchs, das Vincent Helbig auf Polnisch geschrieben und auch in Polen veröffentlicht hat. Er beschreibt seine mühsamen Anstrengungen, Polnisch zu lernen (über Jahre), seine nächsten Polenreisen, seine neuen Begegnungen mit Menschen in anderen Teilen Polens, die Umstände, unter denen er beim katholischen „Weltjugendtag“ 2016 in Krakau seine künftige Frau kennenlernte. Über die Jahre verdichtete sich Vincents Verbundenheit mit Polen – so weit schließlich, dass er 2018 beschloss, seine gerade begonnene Karriere als Polizeibeamter des Landes Sachsen-Anhalt an den Nagel zu hängen, um in Krakau ein neues Studium und überhaupt ein neues Leben anzufangen.
So ungewöhnlich diese Geschichte eines jungen Deutschen ist – das allein macht das (sagen wir vorsichtig) nicht gerade kunstvoll verfasste Buch noch nicht lesenswert. Seine Qualität ist eine andere, nämlich die Authentizität, mit der Vincent seine Entdeckung, sein Kennenlernen und sein Verstehen Polens schildert. Er ist eben nicht jemand, der mit dem guten Vorsatz daherkommt, etwas Nettes und Korrektes über Polen zu sagen, um der Versöhnung im Allgemeinen und des friedlichen Nebeneinanders im Besonderen willen. Vielmehr macht gerade die Tatsache, dass er buchstäblich nichts über Polen wusste und deshalb auch keine vorgefassten Deutungen mitbringt, ihn zum unbestechlichen Beobachter. Er nimmt Polen mit offenen Augen und offenem Herzen wahr – und er sieht Dinge, die andere eben nicht sehen oder nicht sehen wollen.
Was für Dinge? Da ist zum Beispiel Helbigs unvoreingenommener Vergleich zwischen den Lebensverhältnissen in Polen (Krakau) und der Bundesrepublik (Halle). Ja, in mancher Hinsicht lebt es sich in Krakau bescheidener, sogar ärmlicher als im heutigen Halle; etliche Warenangebote sind für den Durchschnittsbewohner hier noch nicht so leicht erreichbar wie in Deutschland. Dagegen steht aber die Beobachtung, dass das polnische Alltagsleben besser geordnet, menschlicher, auch sicherer ist als in Deutschland. In Sachen Entbürokratisierung und Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist Polen Deutschland weit voraus, auch bei der Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs. Mehr Polen als Deutsche können sich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben leisten – beim Kaffee in einer Bar zu sitzen, unkompliziert etwas Schmackhaftes essen zu gehen, auch ins Kino oder ins Theater. Und es gibt, was Helbig als ehemaliger hallenser Polizist wohl beurteilen kann, weniger Kriminalität und weniger Unsicherheit auf den Straßen. Was ist „Lebensqualität“?
Und grundsätzlicher noch: Helbig fragt mit Recht, warum wohl die meisten Polen sich als „dem Westen“ unterlegen, als Nachzügler, sehen und ihre Probleme darauf zurückführen, während fast alle Deutschen sich selbst als Teil des überlegenen Westens, also der eigentlich maßgeblichen europäischen Kultur verstehen (und deshalb auch keine Aufmerksamkeit und wenig Respekt für ihre polnischen und anderen ostmitteleuropäischen Nachbarn haben). Offenbar, so seine Antwort, gibt es eine in Deutschland und der EU überhaupt tief verwurzelte Vorstellung, dass es so etwas wie ein Europa A und ein Europa B gibt – das Europa A, an dem sich alle zu messen haben, und das Europa B, das sozusagen hinterherläuft und sich deshalb ständig rechtfertigen soll, begründet oder unbegründet. Da hat Helbig Recht, da ist etwas ganz schief!
Beglaubigt wird Helbigs Deutung durch seine eigene „Bildungsgeschichte“, die er völlig ungeschützt darstellt. In der familiären Erinnerungsgeschichte seiner Kindheit und in seiner Schullaufbahn kam Polen nicht vor, buchstäblich. Wie geographisch nah Polen seiner Heimat Sachsen-Anhalt war und wie die Nachbarschaftsgeschichten (auch die katastrophalen des Zweiten Weltkriegs) hier verflochten waren, ahnte er nicht, hatte auch allenfalls eine vage Vorstellung davon, dass es zwischen Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert nicht so gut gelaufen war. Die Vertreibungs- und Migrationsgeschichten der Urgroßeltern waren damit lange Zeit nicht zu verknüpfen. Helbig musste sich das erst selbst neu im Kopf ordnen. Bestätigung der These, dass die in Deutschland dominante Erzählung von „unserem“ Europa A, fast keinen Raum dafür ließ und lässt, unsere Nachbarn mit Offenheit wahrzunehmen, von Empathie nicht zu reden.
Wohlgemerkt, Vincent Helbig ist kein blinder „Polenverliebter“ (ein Vorwurf, den ich mir übrigens selbst als Polen-Historiker in den 1970er Jahren im deutschen akademischen Milieu gefallen lassen musste). Er will in Polen leben, obgleich er auch viele Gründe hat, sich dort immer als Fremder zu fühlen: Der nie auszumerzende deutsche Akzent, die meist gedankenlosen Assoziationen von polnischen Bekannten, jeden Deutschen als hitlerowiec zu identifizieren, manche polnische Verhaltensweisen (a propos Pünktlichkeit!), mit denen er sich schwer tut. Umso ernster sollte man die Gründe für seine Entscheidung nehmen, in Polen ein besseres Leben zu suchen.
