Michael G. Müller
In den Wochen vor dem 80. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 haben sich die deutschen Medien mit Beiträgen zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gegenseitig überboten. Oder genauer: mit Beiträgen über die deutschen Erfahrungen des Untergangs: Über Hitlers letzte Monate und Wochen in der „Wolfsschanze“, über die verheerenden und wahrscheinlich sinnlosen (weil militärisch nicht mehr bedeutsamen) Bombenangriffe auf Dresden oder Potsdam in den Wochen vor Kriegsende, die letzte große Schlacht der Wehrmacht gegen die Rote Armee auf den Seelower Höhen und den Handschlag zwischen Rotarmisten und amerikanischen GIs in Torgau im April 1945, die Kämpfe in den Straßen Berlins im Mai, die jeweilige Stunde der Kapitulation in Remagen, Kassel, Chemnitz…
Wenig kommt beim heutigen deutschen Erinnern an den Untergang die Frage in den Blick, wann dieser Untergang eigentlich begonnen hat. Historiker beantworten diese Frage heute eindeutig: Der Untergang begann mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 – mit der Entfesselung eines Eroberungs- Vernichtungskriegs, der vom ersten Tag an Zehntausende, auch zivile Opfer forderte und den Hitlers Wehrmacht trotz der verordneten „äußerten Härte“ tatsächlich nie hätte gewinnen können, Gott sei Dank.
Die individuelle wie die kollektive Erinnerung funktionieren aber eben anders. Wann hatten wir Krieg? Wann wurde es für uns ernst? Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gibt es darauf überraschend unterschiedliche Antworten. Nicht nur die Ursachen und Wirkungen des Zweiten Weltkriegs in Europa bleiben umstritten und sozusagen diskutierbar, sondern auch die historische Chronologie selbst. Dafür drei Beispiele.
Zwei Kriege. In der deutschen Erinnerung teilt sich der Zweite Weltkrieg in zwei scharf abgegrenzte Perioden: die der erfolgreichen, man könnte fast sagen glamourösen „Blitzkriege“ gegen Polen (1939) und gegen Frankreich, einschließlich der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs (1940) sowie die Zeit, in der es nach dem Überfall auf die Sowjetunion (1941) allmählich, Schritt für Schritt ernst wurde. Historische Forschung hin oder her: der „Polenfeldzug“ und der „Frankreichfeldzug“ bleiben für die Deutschen weiterhin als eine Art militärisch-triumphaler „Spaziergänge“ in Erinnerung, „Blitzkriege“, die vor allem deutsche Überlegenheit (oder polnische bzw. französisch-belgisch-niederländische Unterlegenheit) demonstrierten.
Erstaunlich genug, denn schon 1939 hatte die Wehrmacht Verluste von ungefähr 44.000 Toten, Verwundeten und Vermissten zu verzeichnen, 1940 waren es schon ungefähr 150.000. Die Verluste der Wehrmacht an Kriegsmaterial (vor allem Panzer und Flugzeuge) waren eigentlich desaströs, und wenn die Alliierten ihr schon 1939 ernsthaft entgegengetreten wären, hätte es den „Frankreichfeldzug“ und den „Russlandfeldzug“ vielleicht nie gegeben.
Aber zurück zur Frage der Erinnerung daran. Warum konnten oder wollten die Deutschen damals und auch später nicht zur Kenntnis nehmen, was 1939 und 1940 geschah? Was die Wehrmacht in der Zeit in Polen, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden so angerichtet hatte, mochte die Mehrheit der Deutschen zunächst einmal nicht erfahren haben. Sehr wohl aber mussten sie wissen, was Hitlers Blitzkriege sie selbst schon bis dahin gekostet hatten. Und noch problematischer: Warum hat sich die Legende vom „normalen Krieg“ (1939 bis 1941) im deutschen Gedächtnis bis heute irgendwie behauptet?
Das ist sicher nicht nur die Schuld von konservativen Beschwichtigern. Erinnern wir uns: Auch Jan Phillip Reemtsmas berühmte, als linke Nestbeschmutzung verschrieene Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht (zuerst 1995) beschränkte sich auf die Jahre 1941 bis 1944 – so als habe es vor dem Überfall auf die Sowjetunion keine deutschen Kriegsverbrechen gegeben, so als sei der Überfall auf Polen 1939 kein Vernichtungskrieg gewesen. Unwillkürlich denke ich auch an Russland heute: Wie viele Menschen in Russland denken wohl inzwischen „Wir haben Krieg“ – drei Jahre nach dem Beginn der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ und nach dem Tod von mehr als 150.000 russischen Soldaten?
Kriegswende. Immer wieder taucht die Frage auf, an welchem Punkt der vermeintlich normale Krieg auch für die Deutschen zur Katastrophe wurde, zu einem anderen Krieg. Den meisten von uns fällt dazu am ehesten das Stichwort Stalingrad ein – die Einkesselung und Vernichtung der deutschen 6. Armee an der Wolga zwischen November 1942 und Januar 1943, nach der Goebbels in seiner Sportpalast-Rede im Februar 1943 verzweifelt den „totalen Krieg“ ausrief. Aber das ist letztlich nicht mehr als eine Metapher. Noch bevor Stalingrad zum Desaster wurde, zeichnete sich seit der großen Schlacht im ägyptischen El-Alamein (Oktober-November 1942) die Niederlage des bewunderten deutschen Afrikakorps ab – ein Geschehen, das in Deutschland damals ironischer Weise mit mehr Aufmerksamkeit und Anteilnahme verfolgt wurde als die Kämpfe an der Ostfront. Und noch früher, schon im Sommer 1942, hatten die strategischen Bombenangriffe der Alliierten gegen deutsche Städte begonnen; auch den Berlinern brachte ein sowjetischer Bombenangriff im August `42 die ersten zivilen Toten und die ersten „ausgebombten“ Familien.
Aber wie auch immer, die Suche nach dem Zeitpunkt der Kriegswende ist nicht nur kompliziert, sondern eigentlich auch sinnlos. Zwar kann man ziemlich genau datieren, wann der lange und blutige Rückzug der Wehrmacht an den verschiedenen Fronten begann, wann die Alliierten strategisch und in Bezug auf ihre militärischen Ressourcen die Oberhand gewannen, ab wann der deutschen Kriegswirtschaft trotz brutalster Ausplünderung der besetzten Länder und trotz des ebenso brutalen Regimes der Zwangsarbeit die Luft ausging. Sinnlos ist dagegen die Frage, ab wann Hitler und die Deutschen den Krieg eigentlich verloren hatten, wie man den point of no return datieren könnte. Einen solchen point of no return gab es einfach nicht – nicht nach dem 1. September 1939. Auch wenn Hitler seinen Wahnsinnsplan des „Russlandfeldzugs“ nicht realisiert hätte, dann hätte die Sowjetunion, so Stalins Vision, ihrerseits im geeigneten Moment gegen Deutschland interveniert. Einiges wäre dann bestimmt anders verlaufen: die Entstehung der Anti-Hitler-Koalition, die militärischen Auseinandersetzungen an den verschiedenen Fronten. Doch am Ende musste Deutschland allemal verlieren. Seit dem deutschen Überfall auf Polen war es nur eine Frage der Zeit, wann die deutschen die gleichen brutalen Kriegserfahrungen machen würden wie die Polen 1939, die Niederländer, Belgier und Franzosen 1940, die Völker der Sowjetunion seit 1941.
Vertreibungen. Die deutschen Wörter „Vertreibung“ und „Vertriebene“ sind in der kollektiven Erinnerung ziemlich eindeutig besetzt. Sie bezeichnen das Schicksal der Deutschen, die am Ende des Kriegs ihre Heimat östlich von Oder und Neiße bzw. in Böhmen verlassen mussten. Vertreibung wäre demnach ein Ereignis der deutschen Geschichte, das auf die Jahre 1944 und 1945 zu datieren ist – eine ganz eigene deutsche Erfahrung mit einer ganz eigenen Chronologie.
Dass man die Geschichte der Zwangsmigrationen im Verlauf und in der Folge des Zweiten Weltkriegs aber auch anders verstehen und anders datieren kann, hat Joschka Fischer als deutscher Außenminister mit beeindruckender Klarheit zum Ausdruck gebracht. Gefragt, wie er zum Problem der Vertreibungen stehe, sagte er sinngemäß: Die Vertreibungen sind das, was die Deutschen sich seit dem 1. September 1939 selbst angetan haben. Für viele damals ein überraschendes Statement, aber wahr.
– Der erzwungenen Emigration der Deutschen waren brutalste Vertreibungs- und Vernichtungsaktionen der deutschen Besatzer in Polen (und übrigens auch ihrer damaligen sowjetischen Verbündeten in deren Besatzungsgebiet) vorausgegangen. Die Wahnsinnsidee einer „Umvolkung“ und „völkischen Neuordnung“ Osteuropas hat die deutsche Eroberungspolitik bis 1945 begleitet und angeleitet. (Wer es genauer wissen möchte, möge die vor langer Zeit veröffentlichten Dokumente des sogenannten „Generalplans Ost“ der Nazis studieren).
– Es war die logische Konsequenz aus den Erfahrungen des deutschen Vernichtungskriegs wie auch der NS-Politik der „Umvolkung“ in Osteuropa, dass die Sieger über Hitler-Deutschland die territoriale Neuordnung ihrerseits mit dem Gebot eines ethnic cleansing verbanden. Keine Stabilität der neuen territorialen Ordnung ohne ethnische Homogenität.
– Bei dem, was wir als die Vertreibung der Deutschen erinnern, ging es um einen längeren und vielschichtigen Prozess. In der großen Mehrheit sind die Betroffenen nicht vertrieben worden, sondern geflüchtet – freilich, weil von den NS-Behörden zu lange aufgehalten, oft in letzter Minute und unter chaotischen Verhältnissen. Dann gab es diejenigen, die tatsächlich vertrieben wurden, d.h. ihre Häuser in einer Stunde auf andere die verlassen mussten, mit kleinstem Gepäck, in Deportationszüge gepfercht. Schließlich diejenigen Deutschen, die Monate oder auch Jahre nach Kriegsende zur Ausreise gezwungen wurden – je nachdem, ob sie vor Ort gebraucht wurden oder eben nicht; Bergleute in Schlesien z. B. wollte man, deutsch oder nicht, lange nicht so gerne gehen lassen.
Die von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung betroffenen Deutschen waren sicher zu einem sehr großen Teil sozusagen unschuldige Opfer, nicht direkt oder vielleicht nicht einmal familiär beteiligt an den NS-Verbrechen. Und dennoch waren sie nicht exemplarische Opfer einer historisch unerhörten Gewalttat – der Vertreibungen der Deutschen seit 1944 – sondern, persönlich verdient oder nicht, Mithaftende für die deutschen Gewalttaten seit 1939.
Unterschiedliche Chronologien der kollektiven Erinnerung. Sie verweisen uns darauf, wie wenig wir offenbar bis heute in der Lage sind, einen Dialog über die radikal verschiedenen Erfahrungen und Erinnerungen zu führen, uns dialogisch zu erinnern an die Leiden, Verletzungen und Kränkungen, die wir erfahren haben oder denen wir nachspüren. Solange es diesen Dialog nicht gibt, endet eigentlich auch der Krieg nicht.
