Monika Wrzosek-Müller
Das Schiff der Träume (fährt einfach weiter)
Manchmal, selten, wird einem ein Abend einfach und wirklich geschenkt; plötzlich stimmt alles: die eigene Garderobe, die Mitzuschauer, also das Publikum, der Sekt beim Empfang und die Pfannkuchen am Ende, die Plätze – und vor allem die Aufführung, samt den Schauspielern in ihren phantasievollen Kostümen, eben der Theaterbesuch und das ist nicht banal, denn es handelt sich um den Silvesterabend.
Ich habe nicht viel erwartet, ging richtig ohne Erwartung hin, habe nur aufgeschnappt, dass es sich um das Paraphrasieren, teilweise die Aktualisierung, auch Kürzung von Fellinis Film aus dem Jahr 1983 E la nave va… geht, bearbeitet von einem jungen Schriftsteller und Dramatiker, dem ungarisch-deutschen Rumänen Thomas Perle (eigentlich Thomas Gyöngy). Schön und bezeichnend fand ich, dass für das Informationsblatt zur Aufführung folgendes Zitat von Fellini ausgewählt worden ist: „Es ist eine wunderbare Zeit, weil eine Reihe von Ideologien, Begriffen und Konventionen Schiffbruch erleiden. Es ist das Ende einer gewissen Epoche der Menschheit. Man muss bei null wieder anfangen. Tabula rasa, alles muss weggefegt werden.“ Passt auch in unsere Zeit, wenn wir das Wort „wunderbare“ durch „bedrohliche, schreckliche“… ersetzen. Ein vortreffliches Stück für einen Silvesterabend, eine glänzende Idee sich dieses Themas des Filmes zu bedienen. Seit 2015, lese ich, wird immer wieder gerne auf deutschen Bühnen darauf zurückgegriffen; ja, es kommen viele Themen vor, die auch für unsere Zeit aktuell sind. So das Retten von Flüchtlingen aus den Fluten, der Schatten des Krieges, die abgehobene, geldgierige Gesellschaft (könnte man auch die jet-set Gesellschaft nennen), die Sehnsucht nach Vergangenem: nach Hollywoodfilmen, Diven, Schauspielern, nach allen, die von uns gegangen sind. Das kann man alles vermengen, umverteilen, neue Schwerpunkte setzen, oder einfach die Choreographie, das Schauspiel, Kostüme wirken lassen und genießen.
Das Narrenschiff, ein Thema, das schon im Mittelalter aufgegriffen wurde und seinen Ausdruck in dem wunderschönen Bild von Hieronymus Bosch gefunden hat. Auch da eine verrückte, skurrile Gesellschaft auf einem Boot, das eigentlich gar nicht fahren kann. Ja, das Närrische, Illustre, Besondere bleibt überall erhalten; auch in der Aufführung im Deutschen Theater (DT). Vielleicht ist einiges etwas zu kurz gekommen und zu schnell über die Bühne gegangen, mir fehlten einige grandiose Szenen aus dem Film, auf jeden Fall die Matrosen, die wären auch ein erheiterndes Element gewesen… Der Erzähler nimmt Bezug auf unsere jetzigen Probleme, die Gesellschaft, die eigentlich eine Trauergesellschaft darstellen soll, denn sie fahren raus aufs Meer, um die Asche der Diva in den Fluten zu verstreuen. Den Anlass für den Film bildete für Fellini der Tod von Maria Callas, der perfekten Diva unserer Zeiten, und ihr Wunsch, auf der griechischen Insel begraben zu werden. Es wird zwar der Tod der Diva beweint, doch daraus entsteht eigentlich auch ein Lobgesang auf die symbolhafte Diva, ihren Lebensstil, ihre Lebensweise; das Utopische, das Magische wird dabei heraufgeschworen, denn die Ängste um das eigene Überleben sind da, sind präsent. Wir bewundern die Kostüme in fast karnevalistischem Stil, die Gesänge, vergessen die äußere Welt; unser größtes Problem ist das liebeskranke Nashorn, das Rhinozeros, seit langem auch ein Sinnbild für alles Außergewöhnliche, Extravagante, mit seinem riesigen Körper, der dahinsiecht, im Rumpf, unter dem Deck gefangen gehalten. Doch genauso wie im Film sind wir, die Zuschauer, auf der sicheren Seite, sehen nur dem Tanz zwischen Wirklichkeit und Traum zu. Die Aufführung schafft sehr gut die Verzauberung, ohne kitschig zu wirken. Beenden wir dann die Schiffsreise mit einem Lied von Reinhard Mey, das Narrenschiff: „Am Horizont Wetterleuchten: die Zeichen der Zeit Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit, Auf der Brücke tummeln sich Tölpel und Einfaltspinsel…“
Het narrenschip
De stuurman liegt,
de kapitein is beschonken
En de machinist in saaie
lethargie verzonken,
De bemanning:
louter meinedige zwijnen,
De marconist te laf om
SOS te seinen.
Generatie nix voert
het narrenschip
Volle kracht vooruit
en koers op ‘t rib.
(vrije vertaling: Patrick Vanhoucke)
Der ganze Text auf Deutsch – HIER
