Monika Wrzosek-Müller
Meine Ukrainerin
In der Ukraine naht der dritte Kriegswinter. Was das für die Menschen dort bedeutet, erfahren wir gelegentlich aus den guten Reportagen von Korrespondenten vor Ort, bei der ARD von Vassili Golod und beim ZDF von Katrin Eigendorf. Wirklich vorstellen können wir uns nicht, was es bedeutet, jeden Tag ums Überleben zu kämpfen. Immer wieder von Drohnen- und Raketenangriffen bedroht zu sein und bei jedem Luftalarm Stunden im Bunker, in U-Bahnstationen oder Kellern verbringen zu müssen, immer wieder aufs Neue zu fürchten, dass die nächste Rakete auch auf das eigene Haus treffen könnte. Dazu die Engpässe bei der Stromversorgung, bei Lebensmitteln, Medikamenten und vieles andere mehr…Vielleicht am ehesten können das die Palästinenser oder im Moment auch die Spanier aus der Region Valencia nachvollziehen. Dass wir im Westen doch so wenig Empathie aufbringen, wundert mich sehr, dass wir die Ukraine immer noch so halbherzig unterstützen, mit zwei Schritten nach vorn und drei zurück. Dass auf den Friedensplan von Zelensky so nüchtern reagiert und der Ukraine keine Hoffnung auf den Beitritt zur NATO gegeben wurde, empfinde ich als beschämend, und dass gerade Deutschland es gestoppt hat, treibt mir die Röte ins Gesicht.
Gerade habe ich versucht, mir den Kriegszustand von 1980/81 in Polen, in Warschau, in Erinnerung zu bringen; an das Gefühl damals ist schwer wieder anzuknüpfen, zumal ich viel jünger war. Doch die Bilder im Kopf, die sind geblieben, und die Schreckensszenarien mit den Panzern und Soldaten auf den Straßen sind geblieben, haben sich ins Gedächtnis eingeprägt, und irgendwie habe ich auch damals gewusst, der Westen wird uns nicht helfen.
Wie sich aber das Leben für diejenigen, die geflüchtet sind, weiterentwickelt und entwickelt hat, erfahren wir nur, wenn wir einige von den Geflüchtet persönlich kennen und sprechen. Gerade hatte ich meine befreundete Ukrainerin zu Besuch, sie kam mit ihrem inzwischen dreijährigen Sohn. Sie ist gleich nach dem Überfall der Russen aus dem Land geflüchtet, Gott sei Dank, denn sie lebte in Butscha. Ihre Eltern stammen aus Donezk und dort hatte sie ihre Jugendjahre verbracht, ihre ganze Ausbildung auf Russisch absolviert. Ihre beiden Schwestern leben in verschiedenen Teilen der Ukraine, beide haben auch kleine Kinder. Die eine lebt auf der besetzten Krim und musste die russische Staatsangehörigkeit annehmen, die andere wohnt in Kiew und berichtet ihr immer wieder von den Bombenalarmen und Luftangriffen, vom mühsamen Leben und dem Organisieren des Alltags. Interessant das Wort Organisieren wird immer wieder gebraucht; ja, in Krisensituationen braucht man das Talent zum Organisieren, ohne das geht man unter. Ihre Eltern leben weiterhin in Donezk mit allen Konsequenzen der Kriegssituation; ihre Mutter hat die russische Staatsangehörigkeit, aber ihr Vater weigert sich, sie anzunehmen, und wird deshalb immer wieder diskriminiert, darf sich nicht aus der Stadt bewegen, hat keine Arbeit, bekommt aber auch keine Rente. Dazu kommt, dass die Stadt ständig doch noch beschossen wird; die Russen kontrollieren sie, aber die Gegend kommt nicht zur Ruhe. Es gab 2022 Scheinreferenden zur Annexion dieser Gebiete durch Russland und jeder wusste, das Ergebnis so ausfallen würde, wie von Kreml erwünscht; Donezk ist inzwischen völlig isoliert. Das sind Zustände, die wir als Polen schon vergessen haben, aber mit denen die Leute dort sich jetzt herumschlagen müssen.
Auch wenn meine Ukrainerin viel Hilfe und wirklich starke Unterstützung in Berlin bekommen hat, ist ihr Leben unendlich schwer. Sie ist Mutter von zwei Kindern: eine 14-jährige Tochter und ein dreijähriger Sohn, der sich jetzt gut im Kindergarten integriert hat und nach einem Jahr ständiger Krankheiten scheint er jetzt etwas weniger Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Dafür sind die Sorgen und Probleme mit ihrer Tochter umso größer; sogar das Jugendamt hat sich eingeschaltet. Sie schwänzt die Schule, lernt nicht, ist hier gar nicht angekommen, will eigentlich zurück zum Papa, in die Ukraine zurück. Es geht soweit, dass ihre Mutter inzwischen fast gewillt ist, sie nach Kiew gehen zu lassen – wohl wissend, dass dort die Gefahr der Eskalation des Krieges nicht gebannt ist. Das Alles plus die Aufgaben einer Person, die wenig Geld hat, die Sprache zwar etwas, aber noch nicht perfekt beherrscht, ist immer wieder ein Balanceakt und erfordert viel Kraft. Wie sie selbst sagt, es gibt Tage, an denen sie nicht mehr ein noch aus weiß, alles bricht zusammen. Doch dann kommen gute Momente hauptsächlich durch die Kinder, und das starke Gefühl, dass sie in Sicherheit sind. Doch sie füllt sich völlig allein (ist sie auch), denn die ein paar guten Bekannten, vielleicht auch Freunde inzwischen, können die große Familie nicht ersetzen, ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit geben. Natürlich weiß sie, dass sie hier trotzdem in Sicherheit (vor dem Krieg) lebt, dass ihre Kinder hier eine Zukunft haben könnten. Andererseits fehlt ihr ihre Welt ungeheuer, ihre emotionale Ebene. Sie versucht sich anzupassen, besucht einen Deutschkurs, will alles richtigmachen, obwohl das eigentlich gar nicht möglich ist.
Ich vergleiche ihre Situation immer wieder mit der der Ukrainerin in Warschau, die eine Woche nach dem Kriegsausbruch mit ihren drei Kindern aus Saporischschja plötzlich in der Wohnung meiner Mutter auftauchte. Ein großer Unterschied besteht darin, dass sie in Warschau schon seit ca. einem Jahr regulär arbeitet, zwar nicht ganz in ihrem Beruf, sie ist Krankenschwester, aber immerhin als Aushilfe im Krankenhaus. Anders wäre es auch nicht gegangen, sie bekommt keine Unterstützung. Ihre beiden jungen Söhne gehen in die Schule und sind inzwischen gut integriert. Sie kann sich gut vorstellen, in Polen zu bleiben, auch nach dem Ende des Krieges.
Ich denke, es müsste auch zu erreichen sein, dass sich die Geflüchteten in Deutschland gut fühlen, gut einleben könnten. Über einige Sachen müsste man dann aber doch etwas anders denken.
