Frauenblick auf die Natur

Monika Wrzosek-Müller

Natur, Natur … und noch mal Natur pur

Themenwechsel total bei mir; manchmal klage ich über die Passivität und Ideenarmut der Menschen hier in der Uckermark, doch wenn ich ganz ehrlich bin: gerade diese Langsamkeit und fast Langeweile entspannt mich ungeheuer, und gerade das mag ich hier so sehr. Vieles in den kleinen Städtchen rundherum wurde nach der Wende aufgebrezelt, renoviert; die alten Stadtkerne vorbildlich restauriert, saniert, mit kleinen Parks, Springbrunnen und Skulpturen aufgehübscht, viele neu aufgestellt, wie z.B. in Angermünde. Man spaziert durch eine ziemlich tote Theaterkulisse, mit einem wunderschönen Rathaus und eben mit den neuen Skulpturen etc., doch viel Leben, Beschäftigung ist leider nicht entstanden, vielleicht auch nie vorhanden gewesen. Außer ein paar Fremden, hauptsächlich Fahrradtouristen im Sommer, sieht man die Bewohner kaum in Aktion; aber am Rande des Städtchens lugt eine unrenovierte Fassade hervor mit einer alten schönen Aufschrift: Textilfabrik, auch eine alte Brauerei, jetzt in Wohnungen umgestaltet; also es gab früher mal wirklich so einiges in der Altstadt. Manchmal bedauern wir, dass ein funktionierendes, d.h. gutes Restaurant fehlt, vielleicht ein Kino, in dem auch gute Filme laufen. Andererseits sind wir eher froh, dass sich so wenig ändert und bewegt, in meiner eigenen Routine verlaufen die Tage, Einkäufe, lange Spaziergänge, Lektüre, Schreiben, Übersetzen, Kochen.

In Warthe sind wir von der wunderbaren Natur umgeben, inmitten von Wäldern und Seen, ohne viele Menschen rundherum. Man kann wirklich „die Seele baumeln lassen“ – wenn man das kann, wenn man es schafft. Ich übe mich in der Langsamkeit und dem Loslassen, versuche meine Yoga-Erfahrungen einfließen zu lassen, doch der Kampf mit den kreisenden, immer wiederkehrenden, zwanghaften Gedanken scheint eine Sisyphus-Arbeit, er hört nie auf. Schon länger habe ich meine eigenen Grenzen erfahren, austariert, wo die Entspannungstechniken greifen, einsetzbar sind, und wo ich völlig versage; d.h. mich nicht beruhigen kann und meine Gedankenkreise eher beschleunige als sie zu stoppen. Dann hilft nur die Natur.

Ich beobachte dann die Natur genau und leidenschaftlich, verfolge auch die Existenzkämpe unter den Tieren, die ganz grausam und ohne jegliches Pardon verlaufen. Die Schlange verschlingt den Frosch, der Frosch streckt die Zunge nach einem Insekt aus, das Insekt sticht uns und saugt unser Blut… aua! Neulich sind mir die vielen Schlangen aufgefallen, die sich in der Sonne oft auf den Pfaden wärmen. Nach den längeren Regenzeiten sind sie alle unterwegs, seitdem sich jetzt die Sonnenstrahlen wieder stärker durch die Baumkronen durcharbeiten und Trockenheit herrscht. Gestern habe ich drei richtig große Schlangen gesehen, schwarz und grau, und auch wenn sie harmlos sind, fallen sie mir sehr unangenehm auf. Neulich konnte ich eine beobachten, wie sie sich eines Frosches bemächtigte und ihn lebend verschlang; kein besonders schönes Bild, doch es geschieht bei den Schlangen alles lautlos und husch sind sie ganz verschwunden. Richtig eklig finde ich die vielen Nacktschnecken, die plötzlich überall herumgekrochen waren; es gab sogar eine Warnung, dass die pinken Punkte auf den alten Gehölzen die Eier der Nacktschnecken sein könnten, tatsächlich habe ich auch mehrere Stellen entdeckt, wo solche kleinen pinken Punkte auf morschen Holzstücken leuchteten; ob daraus wirklich eine Nacktschnecke entschlüpft war, konnte ich nicht sehen.

Oft gehe ich einen sehr schönen Weg oberhalb einer renaturalisierten Biosphäre, eines Moors spazieren. Da kann man vieles beobachten, die Dorfbewohner haben einige Bänke aufgestellt und sie mähen auch regelmäßig den Weg. Besonders seitdem die Landschaft renaturalisiert wurde, die alten Meliorationsgraben wieder aufgegeben und sogar neue Wassertümpel angelegt wurden. Vor kurzem saß ich länger da und sah einem Kampf zu, den zwei Störche mit einem Paar von Kranichen ausfochten. Offensichtlich ging es um eine Stelle, wo es besonders viele Frösche, Insekten, Gras gab. Die Störche haben wie verrückt mit ihren Schnäbeln geklappert, und immer wieder die Kraniche aus der Luft attackiert, die haben dann wie am Spieß geschrien. Letztendlich gaben die Störche auf, ich dachte mir, es stimmt: das ist doch die Wiese der zwei älteren Kraniche, schon seit Jahren schreien sie und stolzieren da zusammen herum, sie überwintern jetzt sogar am Ort. An diesem Weg kann man von den Hochsitzen auch Rehe, Rehböcke beobachten (wahrscheinlich auch abschießen, es sind ja Jagdreviere), sie hüpfen und laufen ganz schnell über die weiten Wiesen, zu dritt, zu viert, verschwinden in der Weite, leicht, graziös, lautlos…

Das alte Schwanenpaar auf unserem See hatte dieses Jahr im Sommer fünf kleine Schwanenbabys, fünf kleine graue Knäulchen, die immer brav hintereinander paddelten, zwischen ihren Eltern. Irgendwann waren nur drei geblieben, ziemlich lange sah ich dann zwei schon größere, graue Schwäne, die aber doch immer noch zwischen den Eltern schwammen, ob sie zu der Zeit schon fliegen konnten, weiß ich nicht. Jetzt gleitet das alte Paar alleine vorbei; ich hoffe, die grauen, großen Schwäne sind einfach flügge geworden…

Riesig ist inzwischen der Biberbau angewachsen; die Biber haben die meisten Uferbäume verspeist, oder besser gesagt abgenagt und die nackten Stämme liegen gelassen. Das Interessante ist, wir sehen sie nie, auch nicht im Wasser. Sie sind offensichtlich in der Nacht aktiv; es bleiben nur die Ergebnisse ihrer Verwüstung sichtbar. Die Biberbeauftragte kämpft aber weiterhin mutig um die bedrohte Tierart.

Abgesehen von diesen Tieren, die ich eigentlich immer wieder gesehen habe, passierte diesen Sommer etwas, was ich zum ersten Mal erlebt habe. Das erste Mal sah ich das Tier früh morgens, als ich meinen Fensterladen öffnen wollte. Auf unserem Weg spazierte ein Igel, auf langen dünnen Beinchen, und hielt ein graues Knäul im Maul. Am Anfang wusste ich nicht einmal, worum es sich handelte. Es war ein Igel-Baby, das die Igel-Mutter offensichtlich von einem Nest ins andere trug. Am Nachmittag hat sich die Szene wiederholt; da war ich schon vorbereitet und habe das fotografiert. Der kleine Igel war salz- und pfefferfarben und hatte winzige rosa Beinchen, alles war winzig und doch perfekt geformt, auch die schwarzen Äuglein.

Ich wunderte mich, dass man eigentlich ganz selten, fast nie die Wildschweine sieht. Unser Verpächter erzählte uns, dass die Wildschweine jetzt in den Maisfeldern wohnen, da haben sie Futter um sich herum, können einfach liegenbleiben und fressen. Leider werden sie jetzt von den Mähmaschinen gestört, manchmal auch getötet, denn sie sind total träge und verschlafen.

Angeblich sieht man vom Weiten manchmal den Wolf herumstreichen. Diese Erzählungen halte ich aber eher für Märchen; es stehen so viele Kälber und Kühe auf den Wiesen, da müsste der schon längst zugegriffen haben…

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