Monika Wrzosek-Müller
(Eine ganz persönliche, subjektive Betrachtung)
Das ist eigentlich die Geschichte einer gefühlten Fremdheit, oder einer Leidenschaft, und deren Stationen im Leben von Menschen, die sich für die intensive, wirkliche und alltägliche Verständigung zwischen den Mitmenschen, vielleicht aber doch speziell zwischen Polen und Deutschen einsetzen und eingesetzt haben.
Auf jeden Fall durchbricht diese Freifläche bei Berlin Global, die am Freitag eröffnet und mächtig gefeiert wurde, die gewaltige steinerne Fassade des Kolosses Humboldt-Forum, eines Riesen, der immer noch nicht seinen Platz und seine Aufgabe gefunden hat. Die Ausstellung macht den Ort lebendig. Zur Eröffnung strömen vor allem junge Polen aus allen Richtungen, aber auch ein paar Veteranen der deutsch-polnischen Verständigung, ein paar Deutsche Freunde, Interessierte, Verlorene. Sie alle lassen sich das Konzept erklären, sind von der Farbigkeit und der gelungenen Inszenierung fasziniert. Sie lassen sich die Orte in Berlin vorführen, die mit Polen, der polnischen Geschichte, den polnischen Menschen verbunden sind, die Videos auf großen Bildschirmen mit Gesprächen, Aussagen von mehrheitlich Polen zu den Themen wie: Fremdheit, gefühlte, erlebte, Eingewöhnung, deutsch-polnische Beziehungen, Solidarność versus Solidarität im Leben, seit dem Krieg in der Ukraine und auch vorher…
Das Konzept ist mehr als gelungen; Anna Krenz hat hier mit einen durch einen weißen Spitzenvorhang abgeschirmten und mit wunderbar bequemen roten Sesseln auf rotem Teppich ausgestatteten (übrigens der einzige national sichtbare Bezug) Raum geschaffen – man möchte sagen, eine Art runde italienische Piazza, einen Wohlfühlort, auf jeden Fall einen Ort, der zur Begegnung und Gespräch einlädt. Ansonsten zieht vor allem die wunderbare Farbigkeit der Flächen und die schon erwähnten großen Bildschirme die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich.
Vielleicht wurde dem geschriebenen Wort etwas zu wenig Platz eingeräumt, das Aufgeschriebene bleibt, ist nicht flüchtig, man kann nachlesen, eigene Erinnerung verifizieren, auffrischen. Auch zu den Objekten hinter dem weißen Spitzenvorhang, zu den Sesseln „RM 58“ des polnischen Malers Roman Modzelewski, die man übrigens immer noch kaufen kann (bei der Firma Vzór für ca. 600 €), in allen erdenklichen Farben, wurde wenig gesagt, geschrieben. Die ersten Sessel aus Polyester, auf jeden Fall in Polen, vielleicht aber in der Welt, 1958 genial durch den Maler und Designer entworfen und hergestellt. Die vollkommen geschlossene Form bietet einen unvergleichlichen Sitzkomfort. Auch die kleine Tasse, die Kaffeetasse, die sich so wunderbar auf der Einladung präsentiert, hat eine Geschichte. Es gab nämlich, parallel zu der allseits bekannten KPM, also der Königlichen Porzellanmanufaktur, noch eine andere KPM, nämlich die die Krister Porzellan-Manufaktur, die laut Wikipedia 1831 in Waldenburg (heute Walbrzych) gegründet wurde. Die Zeichen auf der Rückseite des Porzellans waren sich eine Zeitlang zum Verwechseln ähnlich. So ist es auch kein Zufall, dass gerade diese Tasse auf dem kleinen Tischchen in dem Wohlfühlraum steht. Diese kleinen Details zeigen, wie intensiv und aufmerksam die Freifläche zusammengestellt und konzipiert wurde. Alle drei Autoren und Kuratoren Ewa Maria Slaska, Ania Krenz und Jemek Jemowit haben wirklich hervorragende Arbeit geleistet, und bei dieser Intensität und Prägnanz der Bilder kann man sich vorstellen, dass es in der Zusammenarbeit nicht immer einfach war, dass die künstlerischen Konzepte miteinander konkurrierten.
Noch zum Titel der Ausstellung: natürlich lehnt er sich an das Motto der Französischen Revolution an, doch in dieser etwas veränderten Form wurde es von den Streikenden in der Danziger Werft in Polen in den 80er Jahren benutzt. Die Polen haben immer und immer wieder um ihre Unabhängigkeit und Souveränität gekämpft, mit verschiedenen Mitteln.

Anmerkung zur Ausstellung „Gleichheit Freiheit Solidarność“
Vor genau 35 Jahren, am 4.Juni 1989, fanden in Polen die ersten demokratischen Wahlen statt, die Wahlbeteiligung war nicht so hoch wie 2023, doch immerhin betrug sie 62%. Das Wichtigste dabei war jedoch: die Kommunisten haben die Wahlen verloren, Solidarność hat gewonnen und die Kommunisten haben auch ihre Niederlage zugegeben. In gewisser Weise, würde ich sagen, hat die Ausstellung dieses Ereignis gewürdigt; sie wurde unmittelbar vor dem Jahrestag eröffnet. Die polnischen Wahlen vom Sommer ´89 setzten die Prozesse in Europa frei, die zur friedlichen Revolution in der DDR, in der Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und zum leider blutigen Umsturz in Rumänien führten. Erstaunlicher Weise hat dieses historische Datum später in Polen keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen; immer wieder wurde zwar versucht, es zum Feiertag der polnischen Demokratie zu machen, und mehrmals versuchten verschiedene Kreise (hauptsächlich um die Partei PO, aber früher auch um Lech Kaczynski) den 4.06. als einen Nationalfeiertag zu etablieren. 2013 schien es ganz nah zu sein; der Sejm verabschiedete mit großer Mehrheit eine Entschließung, den Tag als „Tag der Freiheit und der bürgerlichen Rechte“ in den polnischen Kalender einzuführen. Bis zum heutigen Tag ist er aber bei den Bürgern weitgehend vergessen, obwohl er doch für so viele positive Botschaften steht und wirklich ein Fest für alle Polen sein könnte.