Reise nach Amerika (3)

Jacek Slaski

TAG 13 – BARSTOW, ROUTE 66, DEATH VALLEY

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Barstow ist wie die Stadt aus dem ersten Teil des Animationsfilms “Cars”, ein Ort, an dem die Automobilkultur gelebt wurde und der, nun abgekoppelt von den großen Verkehrslinien, seiner Lebenskraft beraubt vor sich hin vegetiert. Werkstätten, Reifenhändler, Autohändler, Autozubehör-Shops und Autowaschanlagen reihen sich hier aneinander, dazwischen Leerstand, obdachlose Menschen und gähnende Leere. Ein trostloser Anblick. Die E-Mobilität ist in Barstow nicht angekommen, Teslas sieht man hier nicht, der Boden ist durchtränkt mit Öl, Diesel und Benzin. Hübsch gemalte Murals erinnern an die guten alten Zeiten, als hier die kolossalen Straßenkreuzer aus amerikanischer Produktion durchsausten. Wir sausen mit unserem Nissan davon. Goodbye Route 66. 

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Wir tanken, kaufen kalte Softdrinks und fahren weiter. Hinter dem Hügel liegt das Panamint Valley, ein Vorgeschmack auf den Death Valley National Park. Ein gigantisches Tal, das gelb-grün blüht, ein Sandsturm, Wolken, Berge, Himmel und Licht versetzen es in ein unwirkliches Gebilde. 

Death Valley ist nicht so einladend, zugänglich und erkundbar wie Joshua Tree, das trockene, heiße Tal des Todes ist stolz, erhaben und prähistorisch. Man fühlt sich klein angesichts der lebensfeindlichen Natur, der nicht einmal der Mensch etwas anhaben kann. Das Death Valley war hier vor Millionen von Jahren und wird in Millionen von Jahren immer noch hier sein, die Homo Sapiens sind da nur eine kurze Phase.

Als Vorbereitung auf Death Valley las ich auf Empfehlung von meinem Freund Alex die von Tom Mahood aufgeschriebene Geschichte der Death Valley Germans, einer vierköpfigen Patchwork-Familie, die hier 1996 verschollen ist und deren Schicksal aufgrund von Mahoods methodischen Recherchen erst 2009 geklärt werden konnte. Egbert Rinkus, seine Freundin Cornelia und die beiden Kinder sind hier einmal zu oft falsch abgebogen, blieben mit dem Van stecken und verglühten in der Julisonne. Im Sommer ist es hier tödlich, schon jetzt im März gehen die Temperaturen auf 27 Grad hoch, für uns gerade noch erträglich. Wir bleiben brav auf den geteerten Straßen, haben fast zehn Liter Wasser dabei und haben vollgetankt. 

Charles Manson und seine mordende Family lebten hier einst auf der verlassenen Barker-Ranch. Sex, Drogen und Okkultismus vermischten sich zu einem tödlichen Cocktail. Manson suchte in der von Skorpionen und Schlangen bevölkerten Wüstenei nach dem Bottomless Pit, dem bodenlosen Loch, das ins Erdinnere führen sollte. Die Family musizierte in der Hitze der Nacht, sang teuflisch-schöne Lieder, tanzte im LSD-Rausch um riesige Feuer und besiegelte im August 1969 das Ende der unschuldigen Flower-Power-Zeit.

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Wo wir nicht hinkommen, wird ein altes Amerikabild beschworen, die kalifornische Pionierzeit, vor Globalisierung, vor den Touristen, vor den Migranten. Es ist ein weißes Amerika, ein Mythos, das ungefähr die Zeit zwischen 1890 und 1950 umfassen dürfte. Goldgräber, Cowboys, Tante-Emma-Läden, lustige Biber, die Schokolade im Topf anrühren, Betty Boop serviert Milkshakes und Burger und ein Bisonkopf hängt von der Decke und guckt auf den Indianerhäuptling, den es natürlich nur als idealisierte Statue gibt. Die Ureinwohner sind längst vernichtet und in Reservate abgeschoben. So schön ist es in Good Old America, der Alte Westen lebt hier weiter als Ornament und Dekoration.

Die naiven Bilder vom Familienidyll am Küchentisch, beim Sonntagsausflug am See oder auf dem Town Square sind aber auch der politische Antrieb des Trumpismus. Weshalb und wie dieser groteske New Yorker Affe, der in einem güldenen Palast lebt und für Sex mit Pornostars zahlt, diese vermeintlich heile Welt, wenn sie überhaup je existiert hat, zurückholen soll, ist ein großes Rätsel. 

Wir kaufen Death-Valley-Postkarten und einen Roadrunner-Magnet und nehmen Kurs auf ein großes Ziel dieser Reise: Badwater Basin. Den gewaltigen Salzsee und mit 85,5 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt Nordamerikas. Anton ist beeindruckt aber nicht so euphorisch wie gestern in Joshua Tree, doch an der Badwater Road flammt er auf, die riesige weiß-grünliche Fläche des Urzeit-Sees sieht aus wie eine fremder Planet, mindestens wie Grönland oder die Antarktis, es ist warm, der Wind weht, die Salzkruste könnte auch Eis sein. Wir laufen über den knirschenden Boden, stehen wie winzige Figürchen auf einer viel zu großen Bühne. Erhaben, majestätisch, gigantisch, schrieb ich schon.

An Antonionis Zabriskie Point kommen wir drei Minuten vor Sonnenuntergang an, perfektes Timing, Foto, Foto, dann schnell weiter, raus aus dem Park, bevor es wirklich dunkel wird. Leider ist der Himmel bewölkt und wir verpassen die Sternenkulisse, aber sind so müde, dass es eigentlich auch egal ist. Good bye, California. 

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