Liebe Leser:innen: Heute liest die Autorin im Sprachcafé Polnisch
Monika Wrzosek-Müller
Zum Tod von Alice Munro
Erstaunlich, dass ich die Geschichten, die short stories von Alice Munro eigentlich nicht gut kenne und sie nicht verschlungen habe. Einige habe ich doch gelesen und dann aber wieder vergessen; das passiert mir immer öfter, ich lese sogar manches Buch zum zweiten Mal und irgendwo erst nach ein paar Seiten merke ich: ja, dieses Bild, diese Beschreibung, diese Helden habe ich schon früher getroffen. Zugleich ist die Art zu schreiben, wie Alice Munro es tut, gerade das, was ich an Literatur besonders mag; sie steigt direkt in die Geschichte ein, die Handlung nimmt Fahrt auf, man lernt gleich die Betroffenen kennen und ehe wir uns umsehen, ist sie auch schon vorbei. Was bleibt, ist eher ein Gefühl, eine Ahnung von dem Thema, dem sie sich widmet; das nicht offen Ausgesprochene bohrt sich beim Leser weiter einen Weg und zwingt zum wiederholten Nachdenken. Große Sujets spielen eine Rolle: Liebe (eher zerbrochene), Tod, Beziehungen zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kindern, überhaupt Familien werden unter die Lupe genommen. Die Helden leben meistens in bescheidenen Verhältnissen, unter schwierigen Lebensbedingungen, in Kleinstädten; Generationenkonflikte sind da oft vorprogrammiert. Zur Wahl ihres Genres sagte sie einmal: „Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe“, aber an anderer Stelle merkte sie an: „Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist.“
Interessant, dass wir zwei große kanadische Autorinnen haben: Margaret Atwood und eben Alice Munro, die beide sehr feministische Texte geschrieben und sich sehr für Frauen eingesetzt haben. Margaret Atwood pries sie als Vorkämpferin für Frauenrechte, auch Jonathan Franzen war ein großer Fan ihres Werks. 2013 erhielt Alice Munro den Literaturnobelpreis und in der Begründung hieß es: „die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“; der damalige Sprecher der Jury beim Nobelkomitee in Stockholm Peter Englund sagte: „Sie hat eine hohe Intensität in ihren Texten, sie kann auf 30 Seiten mehr sagen als andere Autoren auf 300“. Sie war die erste Kanadierin, die diesen Preis erhalten hat.
Ich denke, sie war eine sehr freie Person, die nach ihrem Willen, ihren Vorstellungen und ihrem Entwurf gelebt hat, in einer Zeit, als das noch nicht einfach und selbstverständlich war. Damals war es wahrscheinlich nicht einfach, den Ehemann und einstweilen ihre drei Kinder zu verlassen und sich alleine durchzuschlagen. Doch das ist ihr fabelhaft gelungen, sie führte dann eine kleine Buchhandlung in Victoria auf Vancouver Island und schrieb für die großen amerikanischen Zeitungen. Damit verdiente sie Geld genug. Die weltweite Anerkennung kam natürlich mit dem Nobelpreis, doch im englischsprachigen Raum war sie schon vorher gut bekannt; sie veröffentlichte 14 Bände mit Kurzgeschichten und einen Roman. In Deutschland wurden viele ihrer Erzählungen erst nach dem Nobelpreis übersetzt und veröffentlicht.
Sie wurde am 10.07.1931 in Wingham, Ontario geboren. Der Vater betrieb eine Pelztierfarm (Silberfüchse), die Mutter erkrankte als sie 10 Jahre alt war an Parkinson. Sie fing an, Journalismus zu studieren, brach das Studium aber wegen Geldsorgen ab und heiratete, brachte vier Töchter zur Welt und zog an die Westküste Kanadas um. Dort trennte sie sich von ihrem Mann und lebte lange in Victoria, 1976 heiratete sie noch einmal und zog wieder an die Ostküste, nach Ontario, wo sie bis zu ihrem Tod gelebt hat. Schon 2013, nach der Nobelpreisverleihung kündigte sie an, dass sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Schriftstellerin betätigen würde.
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Hier ihre Texte auf English: https://www.openculture.com/2024/05/read-20-short-stories-from-nobel-prize-winning-writer-alice-munro-rip-free-online.html
und
eine Erzählung als Audiobook auf Polnisch: https://youtu.be/4_CHUOG-Ml8?si=B-Cl28-5jojSIF4r
Auf Deutsch lässt sich viel kaufen, ist aber nicht online zu hören oder zu lesen.
Tak to jest.
