Jacek Slaski
TAG 12 – PALM SPRINGS AND JOSHUA TREE
Guten Morgen Amerika, wie geht es dir? In Palm Springs scheint die Sonne, ich trinke einen Kaffee aus der Maschine am Waschautomaten und setze mich an den Pool. Die Palmen sind heute noch palmiger, einige versprengte Motelgäste lungern schon auf den Liegestühlen herum, um uns herum bilden die Berge eine majestätische Kulisse. Anton schläft noch, gegen neun wecke ich ihn, wir essen behelfsmäßig im Zimmer, wieder etwas Geld gespart, und entscheiden uns, vor dem Joshua Park noch ins Palm Springs Air Museum zu fahren. Ein riesiges Areal direkt neben dem Flughafen, auf dem Flugzeuge und Militaria aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der Kriege in Korea und Vietnam bis zum War of Terror ausgestellt werden. Herausgeputzte Bomber, strahlende Kampfjets, ein beeindruckender Stealth Fighter in einem rot erleuchteten Hangar, der mich mit seinen eckigen Formen an Teslas Cyber Truck erinnert.
Kriege, Waffen, Militär, noch so ein amerikanischer Mythos. Hollywood hat da mit den ungezählten Filmen ganze Arbeit geleistet, die US Army, Navy, Air Force sind durch „Top Gun“, „Pearl Harbour, „Pacific Rim“ und all die anderen Epen allgegenwärtig, überhaupt ist die Verbindung von Militär und Entertainment in den USA eng verflochten. In Kriegszeiten reisen die Stars an die Front und performen für die Boys in Uniform. Walt Disney spielte im Zweiten Weltkrieg keine unerhebliche Rolle. Der große US-Patriot ließ Cartoons produzieren, die die Moral heben sollten, es gab Plakate mit Mickey Mouse, die für den Kauf von Kriegsanleihen warben und Grafiker in Disney-Studios entwarfen die Symbole und Maskottchen der Fliegerstaffeln, die vorne auf die schnittigen Jets gemalt wurden. Auch das, der legendären „Flying Tigers“, die sich in ihren Einsätzen als besonders heldenhaft erwiesen haben.
Bei all den schmutzigen Kriegen, die die USA geführt haben, Vietnam allen voran, ist der Ruf der Soldaten ziemlich gut. Die Veteranen werden gefeiert, selbst aus linken und liberalen Kreisen gibt es am Industrie-Militärkomplex und den zwielichtigen Beziehungen des Pentagon zu Waffenherstellern, Lobbyisten und Politikern berechtigte Kritik, die Truppen werden aber in Ruhe gelassen oder offen unterstützt. Tucholskys Credo „Soldaten sind Mörder“ gilt in den USA nicht. Auch international gelten die coolen, Lucky Strikes rauchenden und Jazz und Rock’n’Roll hörenden G.I.s, zumindest historisch, als Inbegriff der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der westlich geprägten Hemisphäre.
Wir laufen an silbrig glänzenden Düsenjets mit sexy Pin-up-Motiven am Cockpit vorbei, an Kampfhubschraubern, Modellen von Flugzeugträgern, Pilotenhelmen, Waffen und anderen militärischen Reliquien. Ältere Herren, die vermutlich früher selbst am Jet-Steuerknüppel saßen, erklären die Besonderheiten der einzelnen Maschinen, im Hintergrund starten vor dramatischer Bergkulisse alle paar Minuten die Privatjets und Linienflüge am Palm Springs Airport.
Anton macht Fotos, vor allem vom Stealth Fighter ist er beeindruckt, aber im Gegensatz zu einigen seiner Freunde und Kindern meiner Freunde, ist er kein großer Fan von Kriegen und Militär, zumindest von den echten. Guter Junge. „Star Wars“ ist da was anderes und als wir im letzten Hangar ein großes X-Wing-Modell und Baupläne weiterer Raumschiffe aus dem Lucas-Universum entdecken, freuen wir uns beide, und ich bin von der Selbstverständlichkeit berührt, mit der ein amtliches historisches Militärmuseum die Entwürfe von fiktiven Flugobjekten aus einer Science-Fiction-Saga in die Ausstellung integriert. Das können nur die Amerikaner.
(…)
Eine Stunde später sind wir am Visitor Park an der South Entrance des Joshua Tree National Park angekommen. Die namensgebenden Bäume, die wie krude Figuren aus der Erde herauswachsen, große, kleine, runde, kantige und strauchige Kakteen, raue Wüstenflora, blühende Wiesen Bergmassive, gewaltige Felsformationen, all das Bildet eine ungeheure, fremdartige Szenerie. Eher Mond als Erde. Antons Laune nimmt zu, langsam tastet er sich in die Wüstenstimmung hinein, er hat sowas noch nie gesehen und auch ich, obwohl ich schon in Wüstenregionen war, bin sprachlos. Wir fahren, halten, steigen aus, laufen herum, fahren weiter, steigen aus, klettern Felsen hoch, machen Fotos, fahren weiter. Eine gute Art, in die Natur einzutauchen, wenn man nicht für tagelange Hike-Expeditionen ausgestattet ist und das nötige Equipment nicht hat.

So begeistert wie hier war Anton bislang noch nicht. Nicht beim NBA-Spiel in San Francisco, nicht im Disneyland in Los Angeles und nicht einmal bei den See-Elefanten in San Simeon. Er fotografiert, experimentiert mit Filtern, fängt an Schwarz-Weiß-Bilder zu machen, will immer weiter in die Pampa, noch zu den Felsen, noch hier anhalten. Er ist doch begeisterungsfähig, denke ich, nur die Messlatte ist hoch, denn Joshua Tree gehört jetzt schon auch für mich zu den schönsten Orten, die ich je gesehen habe.
Wir sehen Greifvögel, Eidechsen, ein Pärchen seltsamer Laufvögel, die ich fälschlicher Weise für Roadrunner halte, die hier auch wohnen, sich aber nicht zeigen. Einmal kommen wir an einem Staudamm vorbei, der in der Zeit errichtet wurde, als Menschen es hier noch mit Viehzucht versucht haben und hier und da in der Erde nach Bodenschätzen gruben. Seit dem Frühstück haben wir nur Kekse, Bananen und Salzstangen gegessen, aber Anton will bleiben, mir geht das Herz auf und wir bleiben viel länger als gedacht.
(…)
