Eine Reise nach Amerika (1)

Jacek Slaski

TAG 3 – BÄUME UND OZEAN

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Anton hustet und ich mache mir Sorgen. Es ist mein Job, mir Sorgen zu machen, doch er hat kein Fieber und sagt, er ist okay. Manchmal denke ich, er sagt das, um mich nicht zu stressen. Weil wenn ich gestresst bin, dann stresse ich ihn. Nicht blöd, das Kind. Aber quälen will ich auch nicht, krank ist krank. Das würde ich auch verstehen. Und heute wollen wir zum Muir Woods, eine Naturpark mit den gewaltigen Redwoods, den mächtigen Bäumen Nord-Kaliforniens, in denen 1982 George Lucas den Waldmond Endor entstehen ließ, für die letzten Szenen in „Rückkehr der Jedi Ritter”. Das damals verwendete Waldstück selbst existiert nicht mehr, es befand sich auf einem Privatgelände und wurde kurze Zeit nach den Dreharbeiten abgeholzt. Dass das überhaupt geht, wunderte sich Anton. Aber tatsächlich wuchsen hier überall diese hohen, mächtigen Bäume und jetzt sind sie alle weg, warum sollte man nicht auch 1982 noch welche abholzen. Endor is no more.

Wir fahren den gleichen Weg wie gestern zur Golden Gate Bridge, großes Highlight: wir sehen einen Tesla Cybertruck! Anton ist einigermaßen begeistert. Das Ding sieht aber auch wirklich top aus, futuristisch und retro zugleich, stark. Vor der Golden Gate Bridge biegen wir ab und landen nach 45 Minuten am Park. Natürlich muss man reservieren, bezahlen, einen Barcode vorlegen, doch alles ist nett und gut organisiert. Die Bäume beeindruckend und die angelegten Wege angenehm zu laufen. Alles liegt im Schatten, die Sonnenstrahlen kommen hier unten nicht an, verfangen sich in den Kronen und Wipfeln, hundert Meter über uns, wir laufen den Redwood Creek entlang, die Redwoods bilden Gruppen, die wie Kathedralen aussehen, gewachsene, ursprüngliche Architektur. 1945 trafen hier Abgesandte der United Nations ein, um von dem verstorbenen US-Präsidenten F.D. Roosevelt Abschied zu nehmen. Ein schönes Zeichen, der damals noch jungen Organisation, für die sich Roosevelt so sehr eingesetzt hat, ihn an diesem Ort zu würdigen. Zwei Spechte haben sich auf einem Baumstumpf eingerichtet. Anton macht Fotos. Eine Runde, knapp zwei Stunden, und leicht durchgefroren kommen wir am Parkplatz an. Anton ist mau, aber tapfer. Er wollte am Ende nur weg, nicht einmal der Gift Shop und ein Kühlschrank-Magnet vom Redwood-Park interessierten ihn. Es war noch vor Mittag und wir fuhren weiter zum Pazifik.


Stintson Beach ist ein hübscher kleiner Ort am Pazifischen Ozean. Wer hier ein Haus hat, darf sich glücklich schätzen, er ist dann nämlich Millionär. Wobei, das sind ja eh alle, die hier in der Umgebung Immobilien besitzen. Dieser Ort ist aber besonders schön, ein Stück New England an der Westküste. Cape Cod von Kalifornien. Es gibt gegrillten Fisch und Rentner in Wohnwagen, die Männer tragen Bärte und Seemannsmützen, sehen aber mehr nach Beat Poetry und Vorstandsvorsitz als nach Seemann aus, die Frauen wirken wie ehemalige Galeristinnen oder Historikerinnen im Ruhestand. Alles ist farblich gedeckt, kultiviert und leicht verwaschen, wie Treibholz und Muscheln, die schon lange am Strand liegen. Der Pazifik ist leuchtend und ewig, der Strand ist breit, dann kommen die Holzhäuser mit den Veranden und dahinter erheben sich grüne Hügel, die in kleinen Wolken verschwinden. Wir bestellen Fish and Chips und fliehen vor nervigen Vögeln, die es auf unser Essen abgesehen haben. 

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