Michael G. Müller
Ende 2023 besucht eine polnische Journalistin ein Gymnasium in Frankfurt am Main. Sie spricht mit einem Lehrer und etlichen Schülerinnen und Schülern – um herauszufinden, was junge Deutsche über die Geschichte des deutschen Besatzungsterrors in Polen im Zweiten Weltkrieg lernen und wissen (wir berichteten darüber). Die Befragten zeigen sich offen und gesprächsfreudig, aber das Ergebnis ist dennoch niederschmetternd. Der eigentlich hoch engagierte Geschichtslehrer berichtet, wie schwierig es ist, in der knappen Zeit, die ihm für die Behandlung von NS-Regime und Zweitem Weltkrieg zur Verfügung steht (gerade einmal fünf Doppelstunden!), der Aufgabe gerecht zu werden. Trotzdem gibt er nicht auf, lädt Zeitzeugen in den Unterricht ein und organisiert Klassenfahrten nach Auschwitz oder Dachau, hat sogar ein Austauschprogramm mit einer Schule in Krakau eingefädelt (das allerdings die polnischen Partner zu PiS-Zeiten wieder einschlafen ließen). Am Lehrer liegt es jedenfalls nicht.
Dann also an den Schülerinnen und Schülern? Eigentlich auch nicht, denn was können sie dafür, dass ihr Wissen über den Zweiten Weltkrieg so riesige Lücken aufweist. Ja, sie haben eine ungefähre Vorstellung von der NS-Diktatur, von Hitlers Eroberungs- und Vernichtungskriegen, von den Konzentrationslagern und vom Holocaust. Die Interessierteren haben das Tagebuch von Anne Frank gelesen oder Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, einige wenige haben sogar vom Warschauer Aufstand gehört (auch wenn schon mal durcheinandergebracht wird, ob der Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 oder der Warschauer Aufstand von 1944 gemeint ist). Doch die disparaten Informationen über Gewalt, Verfolgung und Gräuel vermischen sich irgendwie und überlagern sich gegenseitig, werden dadurch abstrakt. Als die Rede auf die Willkür und die gezielten Demütigungen kommt, denen die Polen unter deutscher Besatzung alltäglich ausgesetzt waren, verstummen sie betroffen.
Nun könnte man sagen, dass junge Menschen in Frankreich oder Dänemark sicher auch nicht mehr über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Polen und in Osteuropa wissen. Stimmt, der Unterschied ist nur, dass eben Franzosen oder Dänen auch nicht verantwortlich waren für die Ermordung von 3 Millionen Polen oder 5 Millionen Ukrainern oder 1,7 Millionen Menschen in Belarus. Damit sind wir bei der besonderen historischen Verantwortung der Deutschen.

„Aktion Zamość“ Ende 1942: Auf Befehl Heinrich Himmlers verschleppten Einheiten der SS, der Ordnungspolizei und der Wehrmacht 110.000 polnische Bauern aus 300 Dörfern im Bezirk Lublin, um dort Raum für die Ansiedlung von „Volksdeutschen“ zu schaffen. Viele der Verschleppten wurden als Zwangsarbeiter deportiert oder in Vernichtungslagern ermordet.
Dass die Deutschen sich bemüht haben, dieser Verantwortung in einer besonderen Erinnerungskultur Ausdruck zu geben, kann niemand bestreiten. Doch weil diese Erinnerungskultur im Zeichen und nach den Logiken des Kalten Kriegs entstanden ist, war sie immer selektiv – schloss immer nur bestimmte Schauplätze und Gruppen eine, andere nicht, vor allem nicht die Polen. Über die Erinnerungskultur der DDR wissen wir Bescheid: Die erzwungene Übernahme des sowjetischen Narrativs über den „Großen Vaterländischen Krieg“ schloss aus, dass an den Hitler-Stalin-Pakt, den Warschauer Aufstand oder die Westverschiebung Polens am Kriegsende erinnert wurde. Auch über die Vertreibungen – die der Polen am Anfang und am Ende des Kriegs oder die der Deutschen – wurde nicht gesprochen. Stattdessen die Pflege der Freundschaft zwischen der russischen Befreiernation und dem sozialistischen Deutschland; in den „neuen Bundesländern“ lebt sie in der weit verbreiteten Russophilie (oder auch Russlandfurcht) nach.
Aber auch die „Vergangenheitspolitik“ der alten Bundesrepublik war, wie der Historiker Norbert Frei gezeigt hat, politisch nicht unschuldig. Der Bonner Staat musste sich die Aufnahme in die westliche Staatengemeinschaft mit teuren Erinnerungsleistungen erkaufen. Im Vordergrund standen das uneingeschränkte Bekenntnis zur Schuld am Völkermord an den europäischen Juden und, materiell, der Abschluss der Wiedergutmachungsverträge mit Israel und der Jewish Claims Conference. Das war nicht nur eine gewaltige finanzielle Belastung, sondern auch eine Zumutung für große Teile der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die damals keineswegs entnazifiziert, noch weitgehend „unfähig zum Trauern“ war. Entschädigt wurde die Bundesrepublik aber dadurch, dass die NATO-Staaten ihr die Pflicht zur Erinnerung an die deutschen Kriegsverbrechen in Polen und der Sowjetunion sozusagen erließen: Der Adenauerstaat durfte das Leid der deutschen Vertriebenen vor die Erinnerung an das vorgängige Leiden der Opfer deutscher Besatzungspolitik in Osteuropa stellen, die kommunistische Unrechtsherrschaft jenseits des Eisernen Vorhangs vor die Verbrechen der Deutschen. Und das lief wiederum darauf hinaus, dass Polens katastrophale Kriegserfahrungen – die systematische Zerstörung von Staat und Gesellschaft, die Ermordung von Millionen von Zivilisten, das Regime der Zwangsarbeit – in Deutschland nicht erinnert, sondern verdrängt wurden.

Links im Bild SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth, „der Schlächter von Warschau“ (August1944). Er kommandierte die Verbände aus SS, Polizei und nicht-deutschen Hilfstruppen, die im Lauf des Warschauer Aufstands über 100.000 Zivilisten und gefangene Aufständische ermordeten. Nach dem Krieg musste er sich in Hamburg einem „Entnazifizierungsverfahren“ stellen, wurde aber 1949 als „entlastet“ freigesprochen; ein Auslieferungsersuchen Polens wurde 1950 abgelehnt. Von 1951 bis 1964 war er Bürgermeister der Stadt Westerland auf Sylt.
Natürlich hat sich das seit den 1970er Jahren allmählich geändert. Die „neue Ostpolitik“ brachte auch eine langsame Öffnung für den Dialog mit Polen. Aber das blieb Langezeit ein Projekt „von oben“; vor allem aber: die Verständigung mit Polen blieb politisch durchweg an das ursprünglich wichtigere Ziel der Verständigung mit der Sowjetunion/Russland gekoppelt. Heute sehen wir, dass auf diesem Boden kaum wirkliche Empathie der Deutschen zu Polen wachsen konnte, auch keine breite Offenheit für dialogische Erinnerung – für die Bereitschaft, die historischen Erfahrungen der Nachbarn zur Kenntnis, sich diese zu Herzen zu nehmen.
Das mag eine Erklärung sein für die großen Schwierigkeiten der jetzigen Bundesregierung und der deutschen Öffentlichkeit, mit Deutschlands historischer Verantwortung umzugehen. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 8. Oktober 2023 waren wir sofort bereit zu bekunden, dass wir jetzt „alle Israelis“ seien (Außenministerin Baerbock) – bereit, das Existenzrecht Israels als Element der deutschen Staatsräson zu verteidigen. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 waren die deutschen Reaktionen verhaltener: Solidarität und Hilfe ja – aber unter nüchterner Abwägung der Risiken, nicht mit der vorbehaltlosen Entschlossenheit der Polen. Müssen wir uns wundern, dass es in Polen Zweifel gibt, ob Deutschland im Ernstfall auch für seine östlichen EU-Nachbarn einstehen wird, historische Verantwortung hin oder her?
