Ewa Maria Slaska
Gedanken über Kreuzberg (1985 – 2023)
Berlin 1985. Ich landete hier als eine politische Emigrantin. Heutzutage nennt man uns Solidarność-Emigranten.
Zuerst eine vorsichtige Erkundung: Ich war doch gegen Kreuzberg als auch gegen Feminismus immun, weil ich aus Polen kam, aus dem Land, in dem Feministinnen wie die Linken ihre tiefste Niederlage erleben mussten. Damals. Ist es jetzt anders?
Nach sechs Monaten fanden wir eine große Wohnung am Chamissoplatz und unsere polnischen bekannten fragten uns, ob wir nicht Angst hätten, weil wir jetzt in Kreuzberg leben müssten, wo so viele Linken, Chaoten und Türken wohnen. Es sei gefährlich.
Bevor ich feststellen konnte, ob es gefährlich war oder nicht, fing unser Leben dort eh abenteuerlich an. Wir wohnten Parterre in einem typischen Kreuzberger Haus aus der Gründerzeit, und am ersten Sonntag wurden wir während des Frühstücks von oben überschwemmt. Ich lief nach oben. Es wohnten dort zwei junge Frauen. Außer, dass sie zuerst die Dusche nicht benutzen dürften, wussten sie ja auch keinen Rat, aber sie nahmen die Einladung ein, mit uns Kaffee zu trinken. Ich glaube nicht an Zufälle. Es musste so gewesen sein, wie es passierte. Wie anders hätten wir uns kennenlernen können? Ich und die deutschen Feministinnen?
Am Montag kamen die beiden nach unten, bagatellisierten meine Ausreden, ich wolle jetzt Mittagessen für meine Familie kochen und wir sind einkaufen gegangen. Wie gewöhnlich wollte ich zu Aldi und wurde informiert, man kaufe nicht in Kettenläden, sondern bei Türken oder in Reformhäusern. Oder sonstwo. Sonstwo war ein interessanter Begriff und könnte alles bedeuten, unter anderen auch den Türkischen Markt am Maybachufer.
Man kaufte und aß kein Fleisch. Es schickte sich irgendwie nicht, als eine bewusste Frau Fleisch zu sich zu nehmen. Ich wusste es nicht, bewusst war ich sicher nicht, aber, Göttin sei es dank, mir schmeckte das Fleisch einfach nicht und ich aß schon in Polen vegetarisch.
Abends sind wir zu dritt Kaffee trinken gegangen. Als ich protestierte und behauptete, eine polnische Ehefrau gehe abends ohne ihren Ehemann nicht aus, wurde ich informiert, eine bewusste Frau – falls sie sich entschloss, eine Familie zu gründen – müsse dafür sorgen, dass da eine gesunde Partnerschaft vorhanden ist. Dementsprechend dürfe ich selbstverständlich mit ihnen in ein Frauencafé ausgehen. Dies war ein Argument. Das wollte ich unbedingt sehen.
Im Frauencafé in der Fürbringerstraße wurde Darjeelingtee aus dem Teepot serviert (damit sollte mir die Ausbeutung der Dritten Welt bewusst sein, selbstverständlich), ohne Zucker (schädlich!) und nur mit gesundem Kuchen. Überall saßen nur Frauen, allein, zu zweit, zu dritt, lasen Frauenzeitschriften (ich dachte naiv, ich weiß sehr genau, was eine Frauenzeitschrift sei: Kinder, Kochen, Mode, Gesundheit, eine Erzählung und ein bisschen Soziales), unterhielten sich oder tanzten miteinander. Dies fand ich außergewöhnlich, gar ein bisschen peinlich, wie während eines Dorftanzabends. Ich erfuhr dabei, dass es auch Frauendiscos gibt (selbstverständlich) und dass wir am Freitag hingehen würden.
Ganz vorsichtig fragte ich, ob sie vielleicht eine Adresse eines guten Frauenarztes wüssten. So etwas erfährt man in Polen immer von einer anderen Frau. Adressen, die gut sind, sind auch rar. In Berlin zeigte sich aber, dass sie überhaupt nicht existieren dürfen. Es gebe keine guten Frauenärzte, das sei eine Männerdomäne, womit sie ihre patriarchalische Macht über den Frauenkörper ausüben. Zuerst wurden wir am nächsten Tag sofort in das Frauengesundheitszentrum gehen, und man würde mir sogleich eine entsprechende Lektüre besorgen, damit ich es genauer wüsste.
Jawohl. Wir sind tatsächlich ins Gesundheitszentrum Stresemannstraße, in die Frauendisco in der Hasenheide und in den Frauenbuchladen im Mehringhof gegangen. Mir mischte sich alles im Kopf. Ab nächster Woche sollte ich an einem Seminar teilnehmen, um zu lernen, wie ich selbst mit Hilfe eines normalen Spiegels und eines Mutterspiegels in meinen Uterus hineinschauen kann. Bevor ich aber so weit war, sollte ich jeden Abend meine Scheide (ich war ganz rot, natürlich, wer spricht so von eigener Scheide?) mit Joghurt Umschläge machen. Ich brauche es nicht zu erwähnen, dass es türkischer Joghurt sein musste. Zugleich wurde ich über die Schädlichkeit der Seife, der Antibabypille und der Spirale informiert.
Ich sollte jede Woche schwimmen gehen – im Schwimmbad Baerwaldstraße gibt es Frauenstunden. Ich sollte am Gymnastikstunden teilnehmen, es gab selbstverständlich auch Frauengymnastik. Vielleicht könnte ich auch tanzen lernen. Frauentanzunterrichtstunden gab es überall. Und bestimmt sei die Gestalttherapie etwas, was ich für meine malträtierte Seele und meinen ungesunden Körper brauchen könnte. Frauengestalttherapie… Nächste Woche gehen wir zusammen.
Nächste Woche war ich schon fortschrittlicher geworden, aber ich war noch nicht auf alles vorbereitet, was mir meine Entdeckungsreise noch bringen sollte.
„Brauch ihr eure drei Zimmer unbedingt?“, fragten meine Freundinnen nächste Woche. „Wieso?“ „Es wir eine Lesbenwoche stattfinden. Frau sucht Schlafmöglichkeiten für die Lesben aus dem Westen und aus dem Ausland.“ Ich brauche es nicht zu erklären, dass ich ein Zimmer zur Verfügung gestellt habe. Wir sind auch bei Vorbereitungen helfen gegangen. Ich beschäftigte mich grundsätzlich mit Fegen, andere Frauenaufgaben waren mir unverständlich.
Dann fand die Lesbenwoche statt und ein Frauenfilmfestival und danach eine riesig große Lesben- und Schwulendisco (Wieso sind Schwule und Lesben immer zusammen? Ach wie? Nicht immer, nur manchmal, aus taktischen Gründen). Ich sollte mir am besten ein paar Lilafarbenen Klamotten aussuchen und auf meine ewigen Kostümchen und Stöckelschuhe verzichten. Eine freie, emanzipierte, selbstbewusste Frau soll wie eine freie, emanzipierte usw. Frau aussehen und nicht wie ein Püppchen. Die Klamotten kauft man in Second Hand Shops in der Bergmannstraße, wo man eigentlich, in Kreuzberg lebend, alles kaufen kann. So ausstaffiert bin ich mit meinen Freundinnen ins Tempodrom gegangen.
Meine Entdeckungsreise hatte die Grenzen Kreuzbergs überschritten. Damals. Heute wäre es immer noch hier, weil der neue Tempodrom zu uns zog. Die Veranstaltung im Tempodrom, damals zum zweiten Mal zum Christopher Street Day organisiert, war so groß und überwältigend, dass ich im Laufe des Abends meine Freundinnen verlor und sie unmöglich wieder finden könnte.
Ich war allein in einer Frauenwelt. Es gab eine Frauenorchester. Selbstverständlich. Und all die Frauen tanzten in einem großen Kreis. Ich schloss mich an. Wir tanzten zusammen und miteinander.
„Wer bist du?“, fragte eine schöne, schlanke, schwarzgekleidete Frau.
„Eine Schriftstellerin aus Polen“.
„Ich wusste nicht, dass es in Polen Feministinnen gibt.“
Ich wusste es auch nicht.
Ob etwas von meiner alten utopischen Frauenrepublik Kreuzberg, von dem Bild des kämpfenden und doch hoffnungsvollen Feminismus, überhaupt geblieben ist?
Man meinte, dass sich die Frauen kontinuierlich neue Räume erobern. Lange Zeit war es so, irgendwann gab es aber keine Eroberungen mehr, es war eh umgekehrt, Fraueneinrichtungen waren im Abmarsch. Meine Kreuzberg-Utopie hat ihre Radikalität verloren, arrangierte sich mit der harten Realität und lernte, Grenzen zu bekennen. Frauenprojekte sind Institution geworden, vielleicht gewannen sie dadurch am Professionalismus und Effizienz, sind aber für Bürokratie und eingeborene Amts-Unflexibilität anfällig geworden. Man könnte behaupten, es ist immer so, im Laufe der Zeit sind alle frische und revolutionäre Ideen lau. Und, oh je!, anständig. Aber war es tatsächlich „nur“ die Zeit, oder gesellten sich dazu noch andere Faktoren? Die Harz IV fegte die ganzen gesellschaftlichen Schichten gleich. Die Mauer ist gefallen, der Weltkommunismus ist zur Strecke gezogen, Globalisierung begann und Digitalisierung, die Hauptstadt ist aus Bonn eingezogen, neue Menschen kamen in die Kreuzberger Welt. Die ehemaligen DDR-le. Die Flüchtlinge. Die Bonner. Die Mafia-Tschetschenen, die Schwaben, die reichen Texaner, die mit heiligen Erasmus einziehenden Studenten, Start-Uper und alle andere junge Menschen aus allen europäischen Herrenländer mit Recht oder Schein, hierher zu kommen, zu wirken, zu hoffen.
Das was vor 40 Jahren ein Problem war, dass die Frauen unbezahlt arbeiten, und wo man 20 Jahre später nur „noch“ zugeben müsste, sieht 2023 wieder anders aus. Viele von uns haben keine bezahlte Plätze mehr. Es gab zuerst eine Reihe der Etatkürzungen, mindestens eine Bankkrise nach der Eklat mit den Lehmannsbrüder in den USA, eine oder zwei Flüchtlingskrisen, eine Pandemie, die Lockdowns und danach der Russlands Krieg gegen Ukraine, Inflation, Energiekrise, HomeOffice und – ganz neu – Angst vor der Künstlichen Intelligenz.
Aber nicht nur der alte Geldmangel und der neugewonnene Professionalismus bestimmen die neusten Züge der Frauenburg-Kreuzberg. Vor allem drückt sich die jüngste (Welt)geschichte in Kreuzberg aus. Der Krieg! 1993 war es Jugoslawien Krieg, inzwischen ISIS und Assad Krieg in Syrien, sowie wieder wütende Talibans in Afghanistan. Jetzt Putins Krieg in der Ukraine. Politische Polarisierung der Rechts- und Linkskräfte; bedrohend wachsender, auch hier im Kiez, gewaltsamer Rassismus, der sich schon nicht mehr mit dem Etikett „Fremdenfeindlichkeit“ tarnt. AfD ist schon Mainstream geworden. Auch im Kiez als Produkt der Gegenreaktion die die Krisen nach sich zogen. Armut, soziale Unsicherheit und steigende Arbeitslosigkeit, die sich nicht mehr durch verschiedene Konzepte, Projekte und ABM-Stellen mildern lassen. Die Kriege und die bedingungslose Niederlage des Weltkommunismus, die ein „schwarzes Loch“ im Gedankengut der Linken gerissen hat – all dies hat das Kreuzberg-Image sehr stark beschädigt. Das spannende Versprechen der alternativer Kultur, sie sei weiblich, ökologisch,glücklich und zukunftweisend, nutzte sich ab. Es ist vorbei mit der Utopie, die harte Wirklichkeit hat sich in Kreuzberg (und nicht nur dort) niedergelassen.
Gibt es hier überhaupt noch Platz, darüber nachzudenken, wie die Lage der Frau in Kreuzberg aussieht? Ist es nicht den nachhaltenden Kämpfen um #metoo und gerechte Person-Benennung samt Pronomen gewichen? Ich lasse es sein. Stattdessen versuche ich nachzuprüfen, wie viele Frauenprojekte es hier immer noch gibt. Haus AWO – Mariposa, alte Schokofabrik in der Mariannenstraße. Die alte Adresse von Weiberwirtschaft wurde zu einem erhobenem Restaurant umfunktioniert, der aber einem billigerem Lokal weichen musste.
Nicht nur politisch hat sich „Mein“ Kreuzberg ändern müssen, auch seine Bausubstanz, die noch aufrechterhaltene „Kreuzberger Mischung“ aus alten Wohnhäusern, zu Wohngemeinschaften verwandelten Fabriketagen, kleinen Geschäften, verschiedenen Beratungsstellen und türkischen Obstläden, wird bald verschwinden. Die großen Bauprojekte, die dem neuerworbenem Rang einer Weltstadt angemessen sind, werden die nächste Zukunft des Kiez erobern. Die Ränder sind schon besetzt. Neben O2 Halle und Touristenmagnet East Side Gallery wächst jetzt ein 100-Etageen-Monstrum vom Amazon. Auf einem Spielplatz, wo Mal auf Deutsch, Serbisch und Türkisch bekanntgemacht wurde, Jugendlichen über 14 Jahre ist der Zutritt verboten, weil er ein Kinderreich sein soll, ist die Zentrale einer Partei entstanden, die sich einmal (aber wann?) auch für die Ökologie und Menschenrechte und eine allgemeine Gerechtigkeit auszusprechen wusste und jetzt eigentlich kaum /kein Programm hat. Die sämtlichen freien Plätze in Kreuzberg wurden schon dicht an dicht mit den zum Verkauf stehenden Häuser bebaut und längst an Vonovia, Mercedes und Amazon weitergegeben.
Die große Welt kam rein. Die Utopie (auch wenn schon etabliert) verschwand. Spurlos? Ging sie raus?
Wohin?
