Monika Wrzosek-Müller
Tu zaszła zmiana [Hier hat sich etwas geändert]
Da ich dieses Thema vorgeschlagen habe, fange ich mit dem Titel einer Erzählung von Maria Dąbrowska aus dem Jahr 1951 an. Der Text war in meiner Schule Pflichtlektüre und erinnere mich dunkel an die Beschreibung eines Blicks aus dem Fenster ihrer Wohnung – dessen, was da alles unten auf der Straße passierte. Sie lebte in Warschau 40 Jahre lang in derselben Wohnung und der Ausblick aus ihrem Fenster diente ihr als eine Art Brennglas, in dem sie die historischen Ereignisse betrachtete, vor allem die in Warschau aber auch in Polen insgesamt, hauptsächlich während des Krieges. War das nicht ein Stück Propaganda, was da nach dem Krieg nicht alles aufgebaut worden war…?
Denselben Titel wählte Krystyna Goldberg für eine Anthologie von Reportagen, Tagebüchern und Erinnerungen aus den Jahren 1944-1974 von namhaften Schriftstellern wie Brandys, Kąkolewski, Kapuściński, Dąbrowska, Putrament und viele anderen, herausgegeben 1975. Natürlich eignet sich die Geschichte eines Kriegs und dessen Endes, dann des Wiederaufbaus sehr gut dazu, Veränderungen zu beobachten.
Ich wollte hier aber eigentlich bloß über die Veränderungen vor den Fenstern unseres Refugiums in Italien schreiben. Dieses Jahr sind wir zu einer anderen Jahreszeit als üblich dorthin gefahren, nach zwei Jahren Abwesenheit. Plötzlich sah alles anders aus, in anderen Licht, die starken Regenfälle im Frühjahr haben dazu beigetragen, alles war grün, frisch, sauber und glänzte fröhlich. Die Temperaturen waren noch eher niedrig, wenige Touristen bewegten sich auf den Plätzen, in den Bars und Restaurants und wenn doch, dann waren das nur Italiener. So sauber und aufgeräumt haben wir unsere Gegend nie erlebt. Seit sechs Jahren fahren wir in die Maremma, den südwestlichen Zipfel der Toskana, der noch ziemlich ursprünglich ist und mit zwei Naturreservaten immer viel Grün und Ruhe bietet. Dazu kommen die beiden Lagunen, die ich hier schon einmal beschrieben habe. Dieses Jahr blühte einfach alles – Mohn und Kornblumen auf den Wiesen, zwischen den Olivenbäumen, und der Ginster entlang der Straßen. Am schönsten und farbenprächtigsten sahen die „Wälder“ blühender Oleanderbüsche aus, überall. Manche Häuserfassaden waren förmlich mit blühenden Bougainvilleas bedeckt, auch viele Kakteen standen in Blüte.
Natürlich sind im Sommer unheimlich viele Menschen in den zahllosen Campingplätzen auf der Giannella und der Verkehr nach Porto Santo Stefano, wegen der Fähren zu den Inseln Giglio und Giannutri , ist gewaltig. Jetzt hielt sich der Verkehr noch in Grenzen, unterwegs waren meistens Schulklassen, die die letzten Wochen vor der langen Sommerpause dafür nutzten, Ausflüge zu machen oder die Segelschulen zu besuchen. Die Gegend ist uns sehr ans Herz gewachsen, so verfolgen wir jede positive Veränderung mit Freude und Wohlwollen.
Dieses Mal beobachtete ich mit großer Begeisterung Segelschiffregatta, die sich zwischen Insel Elba und Monte Argentario ereignete. Die Schiffe waren vom Strand aus wunderschön anzusehen, am Horizont mit riesigen weißen oder auch farbigen Segeln. Es fiel uns aber auch auf, dass viel weniger Motorboote unterwegs waren, dafür mehr Segelschiffe, sogar ganz große Dreimaster und auch einen Fünfmaster haben wir gesehen. Die Regattaboote konnten wir auch im Hafen von Porto Santo Stefano bewundern – so viel Hightech in Verbindung mit der alten Bauweise habe ich selten gesehen. Die Segler kamen aus ganz Europa, die meisten wohl doch aus England, aber es gab auch ein großes Boot aus Frankreich mit dunkelgrünen und eins aus Spanien mit leicht violetten Segeln. Die Mannschaften der Boote gingen dann am Abend an Bord, und man hörte im Hafen alle Sprachen.
Unser Garten hat sehr durch die Palmenpest gelitten; zwei große, wunderschöne Dattelpalmen fielen dem Palmenkäfer (Roter Palmenrüssel) zum Opfer. Geblieben sind große runde Stellen im Gras und es gibt weniger Schatten, aber verschwunden sind die Scharen von Tauben, die sich in den Palmen eingenistet hatten. Die Palmenkatastrophe hat auch die Promenade in Orbetello zur Lagune hin nicht verschont; dort sind unzählige Palmen dem Käfer zu Opfer gefallen; jetzt wurden kleine Fächerpalmen gepflanzt, aber es wird Jahre dauern, bis sie wirklich Schatten spenden. Die ganze katastrophale Verbreitung des Käfers geht angeblich auf die Tatsache zurück, dass dessen Larven, der Sagowurm, in Asien als wichtiges Lebensmittel, sogar als Delikatesse gilt. So wurde der Käfer künstlich gezüchtet und breitete sich dann rasant in immer weitere Regionen der Welt aus. Erstaunlich dagegen ist, dass in Porto Santo Stefano weiterhin die ganze Promenade mit Palmen gesäumt ist, die in großen Behältern gehalten werden und die überlebt haben.
Im Lauf der Jahre haben wir eine wahre Revolution in Sachen Müllentsorgung in der Region erlebt. Die Container wurden immer größer und differenzierter, manchmal auch komplizierter zu öffnen, aber auch rarer. Das trug aber eindeutig zu mehr Sauberkeit auf den umliegenden Straßen bei. Wenn ich bedenke, dass wir ganz am Anfang unserer Aufenthalte auf der Giannella die Container direkt vor unserem Garten hatten, aus denen zugegeben immer wieder Müll rausquoll, und wir jetzt unseren Müll eher mit dem Auto wegbringen müssen, natürlich sortiert in Papier, Pappe, Karton etc, dann extra Glas, Plastik und Bio-Müll und den Rest. Es gab sogar Vorstöße, die Müllcontainer abzuschließen, so dass nur die Anwohner sie mit einer App öffnen konnten. Zum Glück ist daraus nichts geworden. Im Zusammenhang mit den Wegen zu den Müllcontainern fiel mir auf, dass es immer noch eindeutig an Achtung für die Fußgänger fehlt; es gibt kein Trottoir und die Zebrastreifen werden von ganz wenigen geachtet. Der Fußgänger wird im Gegensatz zum Radfahrer diskriminiert und leider fast ganz missachtet; so kann man den Müll nur schwer zu Fuß wegbringen. Die Bushaltestellen haben eigentlich überhaupt keinen Platz für die Wartenden, auch keine Bank und kein Dach, wo man sich vor der Sonne oder dem Regen schützen könnte. Aber eine positive Veränderung fiel mir auch auf: der Sperrmüll wird jede zwei Wochen entsorgt, so dass es keine alten Kühlschränke usw. an den Straßenrändern mehr gibt.
Auch die Sauberkeit der Strände hat sich gewaltig verbessert; wir waren erstaunt, wie wenig Müll auf den noch leeren Stränden lag; ob sie nach dem Winter schon von dem angeschwemmten Plastikmüll gesäubert worden waren, weiß ich nicht. Leider sammelt sich der Schmutz im Laufe des Sommers im Wasser und auf dem Sand dann doch. Auch in den kleinen Städten hat sich die Einhaltung der Sauberkeit enorm verbessert. In der Altstadt werden viele Straßen im Sommer mit Wasser abgespritzt und die Hundebesitzer achten peinlich auf die Entsorgung der Hundekacke. Die Rasenflächen werden gemäht und Bäume beschnitten, es gibt viele bepflanzte Kübel; unser Spazierweg am Meer wurde auch ausgebessert, sodass man auch nach Regengüssen mit Sandalen gehen konnte. In Porto Santo Stefano wurden an vielen Plätzen Bänke oder besser ganze Ruheinseln eingerichtet, für diejenigen, die nicht in die Cafés, Bars oder Restaurants gehen möchten. Das ist sehr angenehm und wird sehr rege frequentiert.
Wie uns sehr positiv aufgefallen ist, wurden die Preise in den Bars überhaupt nicht erhöht. Immer noch bekommt man einen Cappuccino für 1,50 Euro und einen Kaffee für 1,00 Euro, so sitzen überall Leute und gönnen sich eine Ruhepause. Überhaupt ist uns eigentlich kaum ein Anstieg der Preise aufgefallen, nicht einmal in den Restaurants. Überall waren dort sehr viele Menschen unterwegs, denn Anfang Juni gilt für die Italiener als eine Ausflugszeit und unsere Gegend gehört zu den Highlights der Toskana.
Was mir schon früher aufgefallen ist, es gibt in Italien keine extra Bio-Supermärkte, wo für teureres Geld angeblich bessere Qualität gekauft werden kann. In den normalen Supermärkten (Conad, Coop) gibt es aber immer eine Ecke, wo Regionalprodukte, auch Bioprodukte angeboten werden. Sie sind manchmal etwas teurer, oft aber auch nicht. Die Leute haben aber nicht den Eindruck, in einer Zweiklassengesellschaft zu leben, sie gehen in die gleichen Supermärkte. Dass die Preise für die Weine und das Öl aus der Region Toskana teuer sind, versteht sich von selbst. Aufgefallen ist mir dieses Jahr das erstaunlich große Sortiment an Champagner, Sekt, Prosecco, Spumante und schließlich Perlwein Flaschen, in langen Reihen und in verschiedenen Preiskategorien. Offensichtlich trinken die Italiener mehr frizzante…
