Blutbrüder (8)

Anne Schmidt

13. Akten aus Köln

 Jahnke hat inzwischen die angeforderten Akten aus Köln bekommen. Er sitzt im Archiv und liest. Was er liest, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Er setzt immer wieder ab, putzt die Gläser seiner Brille oder macht draussen eine Zigarettenpause.  Ihm wird bald klar, dass dieser schnächtige, schüchterne Junge eine solche Tat nur unter Drogeneinfluss begangen haben kann, aber davon steht nichts im Protokoll. Wahrscheinlich haben die Fahnder damals keine Blutkontrolle veranlasst und keinen Psychologen zur sofortigen Erstellung eines psychologischen Gutachtens hinzuziehen lassen. 

Für sie war Kai ein rachsüchtiger und blutrünstiger Gewalttäter und damit war eine weitere Analyse des Falles überflüssig. Nach fünf Seiten Horror ist Jahnkes Aufnahmekapazität erschöpft. Er beschließt, von zu Hause Herrn Tuncay anzurufen.

Am nächsten Tag sitzen Erol Tuncay und  Rudi Jahnke zusammen in der Leseecke des gerichtlichen Archivs. Tuncay hatte von dem Mordfall der Mordbrüder in Köln gehört und gelesen, aber eine Verfolgung der Ereignisse dort aufgegeben.

Als Kai das erste Mal nicht zum Kreisgespräch erschienen war, hatten die Kumpel in der WG ihm erzählt, Kai sei zu seinem Bruder nach Köln gefahren. Der Bruder sei mit seiner Baskettballgruppe dort in einem Camp.

Tuncay hatte sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben, obwohl es ihn wurmte, dass Kai sich bei ihm nicht abgemeldet hatte. Der Bericht in der Zeitung, den er wenige Tage später las, verunsicherte ihn so sehr, dass er versuchte, Kontakt zur Polizei in Köln aufzunehmen.

Dieser kam jedoch nie richtig zustande, weil die Kollegen in Köln wohl glaubten, einen glasklaren Fall vor sich zu haben: Zwei Stricher aus Berlin haben einen Freier brutal abgeschlachtet und sich danach auf den Weg nach Holland gemacht. Das war die Aussage, die Tuncay von der Polizei in Köln erhielt.

Jetzt liest Tuncay die Einzelheiten nach und auch ihm ist sofort klar, dass zumindest Kai unter Drogeneinfluss gestanden haben musste.

14. Panik

Kai erwacht mit einem Schrei. Er liegt benommen auf seiner Pritsche und sieht um sich herum Blut, viel Blut. Ein Mann liegt auf seinem Bruder, ein Bär von einem Mann;  er tut seinem Bruder so weh , so weh, wie Lehrer Krause ihm getan hat. Sein Bruder jammert unter den Stößen, die dieser Bär in ihn hineinrammt; Olli kann sich nicht wehren, denn seine Hände sind an die Bettpfosten gefesselt und seine Beine verschwinden unter dem Koloss. 

Kai rüttelt den Bären an der Schulter, aber der schüttelt ihn ab wie Fliegenschiss. Kai sieht sich panisch nach einem Instrument um, mit dem er den Bären mehr als zwicken kann. Er sieht eine Schere, eine kleine Nagelschere. Er klappt sie auf und sticht den Mann in die Schulter; doch der scheint nichts zu spüren; er hört nicht auf, in Olli hineinzustoßen und Kai sticht immer wieder zu. Der Koloss schnaubt, lässt aber nicht von Olli ab.  Der kann nur grunzen, denn sein Mund ist mit einem Pflaster verklebt. Da stößt Kai die Schere mit voller Wucht in den Hals des Peinigers unterhalb des rechten Ohres.   

Ein Schwall von Blut spritzt aus dem Loch. Der Mann sackt zusammen und röchelt. Jetzt kann ihn Kai mit einiger Anstrengung von seinem Bruder rollen.

Er schneidet die Fesseln an den Händen durch und reisst Olli das Pflaster vom Mund. Ein unheimlicher Laut, der tief aus Ollis Innerem zu kommen scheint, entringt sich seiner Kehle, gefolgt von heftigem Schluchzen. Ollis Handgelenke bluten und als er sich mühsam vom Bett rollt, sieht Kai mit Entsetzen seinen blutenden After. Er weiss, dass er Olli in dieser Verfassung kaum zu einer schnellen Flucht wird bewegen können. Aber er hat ein paar von den Schmerzpillen dabei, die er an Stelle von Crack aus der Berliner Drogenszene mitgebracht hat. Sie helfen nicht nur gegen Schmerzen, sondern putschen auch auf, machen übermütig und high. Er legt seinem Bruder gleich drei davon auf die Zunge, kippt ein Glas Wasser nach und säubert, während Olli sich langsam erholt, seine Wunden von Blut.  Dann nimmt er selber eine der Pillen, stellte seinen Bruder auf die Füße und hilft ihm beim Anziehen.

Kai drängt zur Eile, denn es kann jeder Zeit jemand aus dem Basketball-Team an die Tür klopfen. Olli zieht seine Dickie hoch, die weit genug ist, um nicht auf die schmerzende Stelle zu drücken. Kai zieht noch Ollis basecap unter dem schlaffen Körper hervor, der in einer riesigen Blutlache auf dem Boden liegt.

Kai öffnet die Augen, um den inneren Film zu beenden, aber es gelingt ihm nicht. Niemals wird er sich von diesen Bildern befreien können. Seine Strafe sind nicht die zehn Jahre Jugendarrest, zu denen er verurteilt wurde, sondern die ständige Gegenwart dieser Bilder in seinem Bewusstsein.

Niemand hatte ihn vor Gericht nach seinem Motiv gefragt, denn das lag augenscheinlich offen zutage: Mordlust und Rache. Seine Vergangenheit hatte niemanden in Köln interessiert.

Kai setzt sich aufrecht auf seine Pritsche, um die Reste des Albtraumes aus sich herauszuschütteln. Er fragt sich zum wiederholten Male, warum er hier ist. Warum haben sie ihn nach Berlin gebracht?

Er wartet auf Jahnke.

Fortsetzung in einer Woche

1 thought on “Blutbrüder (8)”

  1. “Eine sehr tragische, traurige Geschichte, sehr taktvoll geschrieben”.
    Danke…
    T.Ru

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