Die Musiker und die 20 Jahre

Ewa Maria Slaska

Zwanzig und nicht die Zwanzigern! Die Musiker und die 20 Jahre. Eine Bestandsaufnahme aus der Filmindustrie der letzten Jahre und meinem eigenem Leben, aufgeschrieben 20 Jahre nachdem ich in Berlin zwei unbekannte Musiker traf, die in der Wohnung meines Sohnes wohnen sollten. Der Sohn war weg. Ich traf die zwei junge Kanadier auf der U-Bahn, brachte ihnen die Wohnungsschlüssel und führte sie in die kleinen Geheimnisse ein, die jede Wohnung verbirgt. Die beiden waren sehr blass und sehr schlank, oder eigentlich dünn. Sie hatten unglaublich viel Gepäck – das erste mal sah ich damals jemanden, der zwei Rücksäcke trug – einen riesigen auf den Rücken und einen nicht zu kleinen vorne auf der Brust. Handtaschen und Plastiktüten ergänzten den Eindruck, zwei solche vor sich zu haben, die nach Berlin für immer kamen, alles mitbrachten, was sie Mal hatten (viele Musikinstrumente), dass sie sich in Berlin nur der Kunst widmen werden und, na ja, nie zu etwas bringen werden. Sie sahen so aus, wie so viele andere, die mit demselben Ziel nach Berlin kamen und nie zu etwas brachten. Der Trend, der jetzt das ganze Stadtleben prägt, hat gerade angefangen, aber man sah schon genug von denen, um zu wissen…
Wir verabschiedeten uns damit, dass sie ab morgen im Klub Berlin Tokyo spielen werden und ich sei eingeladen. Den Klub kannte ich, er befand sich in einem langem dunklem Hof in der Mitte, direkt neben den anderen Hof, wo sich das Literaturbüro befand, in dem ich damals arbeitete. Relativ oft ging ich ins Kino neben dem Klub. Immer wenn ich dabei den Klubeingang sah, dachte ich, ich soll Mal da reinschauen und sehen, wie es den beiden geht, es kam aber nie dazu. Ein paar Jahre später fragte mich mein Sohn, ob ich mich an die beiden erinnere, ich bejahte, er erzählte, sie machen jetzt Kariere. Wir belassen es dabei.

Erfolgreiche Geschichte nach 20 Jahren.

Gestern zeigte er mir im TIP eine Filmbesprechung: Biopic Shut up and play the piano über Chilly Gonzales. Das ist er, sagte er. Wer? Der Kanadier von damals. Und sie?, fragte ich. Weisst du es nicht? Gonzales und Peaches.
Berlin, schon vereint, im Osten ramponiert, billig, faszinierend. Die Stadt arm aber sexy, noch keine Hipsters, es kommen alle, denken an die große Kariere und versagen, die beiden aber nicht. Elektro-Sound, Spiel mit sexuellen Identitäten, Clubs überall, Chilly Gonzales und Peaches. Und ein Film.

Der kommt heute ins Kino.

Überall im Kino gibt es jetzt Filme über die Musiker. Ich dachte, es begann mit Sugar man, der Sohn wusste (natürlich) besser – Walking the line über Johnny Cash… Klar, ja, aber trotzdem bleibe ich bei der Reihe, die ich gestern angesammelt hatte, der Film über Gonzales eingeschlossen. Dokus, Biopics, Fiction, egal. Die Musiker und die 20 Jahre, auch wenn 20 etwas symbolisch oder gar biblisch ist. Zwanzig Jahre. Noch unsere Zeiten, aber schon Geschichte, schon vergessen.

Gundermann von Andreas Dresen, 20 Jahre nach dem Tod des noch jungen Musikers gedreht. Ein Musiker der zu einem gewissen Ruhm in der DDR gebracht hatte und von dem im Westen kaum jemand kaum was weisst.

Sugar man, ein Film von Sixto Rodriguez, ein Musiker der mit dem Album Cold fact in den Staaten so gefeiert wurde wie Bob Dylan. Und danach als Bauarbeiter in vollkommener Vergessenheit lebt, bis Anfang der Zehnerjahre Malik Bendjelloul ein Film über ihn drehte.
Niko, 1988 alias die Mondgöttin alias Christa Päffgen, die Muse von Andy Warhol – auch hier sind die symbolischen 20 Jahre in der Tat 40. Muse? Göttin? Quatch. Fragen sie auf der Strasse. Niemand weisst was…

Das sind alles wahre Musiker gewesen. Es gibt aber auch Features darüber. Ein Chancon für dich mit Isabelle Huppert und Kévin Azais – eine Geschichte einer Sängerin und ihr coming back nach Jahren… Ein Drama.
Juliet, naked, ein Film nach der Buch Vorlage von Nick Hornby über einen Rockmusiker (gespielt von Ethan Hawke), der vor 20 Jahren plötzlich von der Oberfläche verschwand und erst gerade jetzt auftaucht. Eine Komödie oder, wie man es jetzt sagt, eine romantische Komödie über Liebe und Patchwork-Families.

Den Film habe ich gerade gestern gesehen und schon bei der Vorführung dachte ich über all die anderen Filme nach. Ein wahrer Trend, oder? All diese verschwundene, vergessene, unbekannte Musiker…

Es war eine Pressevorführung dh früh. Die sind immer ziemlich früh, diese Pressevorführungen. Um 13 Uhr gehe aus dem Kino Filmkunst 66 und gehe unter die S-Bahn-Brücke. Jemand spielt Gitarre. Ich gehe zu dem Musiker. Er heisst Leo. Ich frage, ob ich ihn fotografieren darf. Ich erkläre, worüber ich schreiben werde und dass er mit seiner Gitarre einen Abschluss meines Beitrags bilden wird.

OK, sagt er. Kannst schreiben. Ich spiele seit 22 Jahren Gitarre…

Verdammte 20 Jahre.

In Juliet, naked sitzt ein Unidozent mit seiner neuer Arbeitskollegin in der Kantine. Sie sagt, sie glaubt an Kunst, daran, dass die Kunst den Menschen heilt. Er schaut auf die Leute an den Tischen und sagt: die hier… die lassen sich nicht heilen, auch wenn Bob Dylan hier käme und für sie spielte, würden sie den Kopf nicht von ihrem Sudoku heben…

Ich weiss es doch. Ein weltberühmter Geiger spielte letztens unter einer Brücke (In Paris? Ich weiss es nicht). Seine Geige war ein Stradivarius. Er sammelte vielleicht 2 Euro…

Leo

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