… oder wie man Vegetarier wird?
Ewa Maria Slaska
Diese Frage interessiert mich brennend, weil ich selber für sie eine, wie ich finde, außergewöhnliche Antwort habe. Zuerst war sie noch banal: Ich mag kein Fleisch, sagte ich, ich habe es nie gemocht.
Gut, diese Antwort kennen auch Viele in diesem Buch, und überhaupt Viele, die sich an einen Klumpen des durchgekauten Fleisch erinnern, die man nicht imstande war zu schlucken, ebenso sehr aber kein Erlaubnis hatte, den Ekel auszuspucken. Dabei haben diejenige besser, die schnell kotzen konnten, wenn man jedoch, wie ich, eine im Sternzeichen Jungfrau geborene, sich ungern physiologisch der Umwelt mitteilte, war man stundenlang gezwungen am Tisch zu sitzen und das Restfleisch mit den Tränen vermischt in alle Ewigkeit zu kauen. Lange dachte ich, dass es eben diese Erfahrung war, die mir enorm erleichtete, sofort, als ich nur über meine Diät selber entscheiden dürfte, eine Vegetarierin zu werden.
Aber nicht. Irgendwann kam eine andere Antwort, die mir bis heute plausibler klingt, obwohl ich sie in meinem Leben nie von jemanden anderen gehört habe.
Meine Mutter, als sie mit mir schwanger war, kurz nach dem Krieg, litt an Toxoplasmose. Es ist so eine Infektionskrankheit, von Parasiten verursacht, die man von der Katzen bekommen kann, oder vom Essen des nicht ganz durchgekochten oder rohen Fleisches. Dem Träger macht die Krankheit nichts, dem Kind im Bauch dagegen kann sie Vieles antuen. Es kann mongoloid werden, oder blind, und natürlich auch beides. Soviel wurde mir damals erklärt. Erst jetzt beim Schreiben sehe ich genauer in die Materie: Die infizierten Kinder können epileptische Anfälle, kognitive Einschränkungen, Schäden an der Leber, Lunge, Gehirn, Augen, Herzmuskel und Hirnhaut aufweisen. Ein Viertel der vor der Geburt infizierten Kinder durch Toxoplasma gondii haben geistige Behinderungen, Spastiken, Epilepsie, Hydrocephalus und Verkalkungen der Hirngefäße. Jesus! Ich bin “nur” halbblind geboren, dh. eigentlich bin ich glimpfig aus der Falle rausgekommen.
Von meiner Krankheit, oder Mamas Krankheit im Grunde, gab es nie die Rede und dass meine Halbblindheit gerade diesen Grund hatte, erfuhr ich erst als ich selber hochschwanger war. Diese Nachricht kam auf mich wie ein Donner aus dem hellen Himmel. Bis dahin war ich mit meiner Schwangerschaft sehr glücklich, behauptete gar, dass es der beste Zustand in meinem Leben sei. Und dann war es plötzlich gut möglich, dass jetzt mein Kind mongoloid oder blind, und natürlich auch beides werden konnte.
Eine Woche später gebar ich meinen Sohn, ein kerngesundes Baby, dem die verdammte Toxoplasmose von Oma und Mama nichts angetan haben.
Es dauerte aber lange, dass ich selber ruhig darüber nachdenken konnte. Meine Theorie baute sich also sehr langsam auf.
Als Mama noch nicht wusste, dass es die Toxoplasmose war, die mein Leben bestimmte, erzählte sie oft darüber, dass sie während der Schwangerschaft immer wieder einen Heißhunger auf Fleisch hatte, so sehr, dass, als sie von der Kunstschule, wo sie studierte, nach Hause kam, sofort in die Küche ging und aus dem Topf, in dem Oma die Suppe kochte, nicht ganz gekochte Fleischstücke holte, um sie direkt neben dem Herd, heiß zu verzehren. Als die Sache mit der Krankheit plötzlich öffentlich diskutiert wurde, wehrte sich Mama vehement gegen die vermeintliche Beschuldigung (kein Mensch hat sie doch beschuldigt), aber irgendwie verschwand die nicht ganz gekochte Suppe und halbblutiges Fleisch aus den Familienerzählungen.
Erst nach Jahren kam mir in den Kopf ein Bild von mir als Embryo im dunklem warmen Wasser. Wieso? Fragt mich nicht, ich weiß es nicht, sah aber, dass sich dieses noch nicht ganz fertiges Baby sehr stark mit den Armen gegen etwas wehrte. Das Bild kam ziemlich oft, ohne dass ich eine Erklärung dafür wusste. Erst als mir Jemand beiläufig sagte, er kann kein Kummin vertragen, weil seine Mama, als sie schwanger war, eine starke Allergie gegen den Kummin hatte, passten sich plötzlich alle Puzzleteile an: Die Krankheit meiner Mama, ihre Schwangerschaft, meine (gelungene!) Verteidigung gegen den feindlichen Parasiten, meine Ekel dem Fleisch gegenüber, mein kindlicher Drang, Vegetarierin sein zu dürfen (was man natürlich damals auf keinen Fall dürfte).
Mein Vater stammt aus einer tatarischen Familie. Die Tataren gelten bis heute als sehr mutiges Volk. Ich war immer der Meinung, dass ich gerade deshalb, dank meinem tatarischen Erbe, auch relativ unerschrocken und zäh bin. Jetzt sah ich in meinem Kopf ein Bild eines kämpferischen tatarischen Fötus, der sich gegen jegliche Feinde wehrt. Sollen sie sich alle zum Teufel scheren… 🙂
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Das Buch finde ich gut und interessant, obwohl es an manchen Stellen ins so grotesk Ekelhafte ausartet, das man es beim besten Willen nicht lesen kann. Eine Erzälung finde ich aber so schön, dass ich sie direktemang hier euch zum lesen anbieten muss 🙂
E.L. Greiff, Großraumwagen
Der Autor schreibt Fantasy-Bücher und dies erklärt doch viel. Sein Herausgeber gibt von ihm relativ viel preis: E. L. Greiff, 1966 in Kapstadt geboren, lebt heute in den Niederlanden. Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik in Bochum und Berlin, anschließend zahlreiche freie Regiearbeiten. Greiff schreibt Essays, Reisereportagen, Kommunikationskonzepte und Reden für Führungskräfte.
Erst von einem Foto erfährt man, dass “der Autor” in der Tat “die Autorin” ist. Genauso verhält es sich mit der / dem Protagonist/in dieser Erzählung.
Die obige Möglichkeit es Euch zu lesen zu geben, die ich im Netzt gefunden hat, bricht kurz vor dem Ende der Erzählung ab. Ich nehme an, in der Annahme, jetzt werdet ihr das Buch kaufen (bitte sehr, z.B. HIER), um zu erfahren, wie es endet.
Ich bin aber ein guter Mensch und schreibe Euch die letzten 1,5 fehlenden Seiten hier ab (das Buch könnt ihr natürlich der anderen Erzälungen wegen kaufen):
Zweiundvierzig Leute sind damals aus diesem ICE ausgestiegen, der irrtümlicherweise an einem Provinzbahnhof angehalten hatte, anstatt durchzufahren. Keiner von uns bekam eine Entschädigung von der Bahn, wir hätten ja nicht aussteigen müssen, hieß es, schließlich sei dort auch nicht Endstation gewesen – eine gleichlautende Durchsage hätte es niemals gegeben. Ich jedenfalls hatte auch keine gehört. Nickelbrille gab später zu, er habe ebenfalls nichts gehört. Jemand anders hätte ihm das mit der Endstation gesagt, wer, wusste er nicht mehr.
Als wir knapp zwei Stunden später allesamt in einen verträumten Regionalzug einstiegen, erregten wir einiges Aufsehen beim Zugbegleiter, und ein Mann aus unserer Gruppe, in den Dreißigern, erklärte ihm die Situation. Oder das, was er und wir alle dafür hielten. Dieser Mann, ich nenne ihn der Einfachheit halber Herrn Erster, ist bis heute so etwas wie unser Anführer; er ließ damals eine Liste herumgehen, in die wir uns alle mit Adressen und Telefonnummern eintrugen für die Sammelbeschwerde gegen die Bahn, die er vorbereiten wollte. Die Beschwerde hat er eingereicht, aber es wurde wie gesagt nichts daraus.
„Wo ist eigentlich der Typ in dem langen Hemd?“, fragte Nickelbrille. Er ließ seine kleinen Augen über die kunstledernen Sitzenreihen des Bummelzugs huschen, während ich meinen Namen in die Liste kritzelte. Ich wusste sofort, wen er meinte.
„Ist abgehauen. Direkt nach dem Halt.“
„Junger Mann“, mischte sich die ältere Dame mit dem Halstuch ein . „Das war kein Typ. Das war eine ausgesprochen hübsche junge Asiatin. Ungewöhnlich groß allerdings.“
Wir hatten alle die Gestalt gesehen, alle etwas aus der Papiertüte genommen, alle zweiundvierzig. Es war ,wenig überraschend, bei jedem etwas anderes gewesen: ein besonderes Bonbon, eine exotische Frucht, etwas Salziges, Scharfes, Saures. Herr Erster hat im Laufe der folgenden Jahre viele Interviews mit jedem Einzelnen von uns geführt, auf unseren Treffen sind wir die Sache immer wieder durchgegangen. Es hat bei jedem etwas anderes bewirkt, nicht auf dem ersten Blick Spektakuläres. Nickelbrille hat das Rauchen aufgegeben. Die Halstuchdame, sie ist vor ein paar Jahren gestorben, hat eine Vorliebe für hochpreisige Bordeauxweine entwickelt. Ich habe aufgehört, Fleisch zu essen. Außerdem habe ich mein Leben in den Griff bekommen, und so gern ich mir das selbst zuschreiben würde und nicht einem Teigbällchen, oder zwei, weiß ich doch, dass seitdem alles besser geworden ist.
