Im Sommer 2012 starb Ursula Passier, geboren 1909. Sie hinterließ in ihrer Wohnung, in der sie 56 Jahre gelebt hat, unzählige Zettel und Notizen aus den letzten Jahren. In ihnen hält sie die Zeit fest, kommuniziert mit verstorbenen Liebenden und schwingt den Stift wehrhaft gegen Störer wie Nachbarn, Pflegepersonal und Anrufer. Sie berichtet von Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Langeweile und das nahende Ende des Lebens. Dazu streift sie immer wieder in die Vergangenheit, ihren zweijährigen Aufenthalt in Afrika in den frühen dreißiger Jahren und in ihre Kindheit. Aus den letzten Gedanken ihrer Großmutter hat Melina von Gagern einen fragilen, ernsthaften und intimen Text gestaltet, von dem ich jetzt ein Paar Fragmente veröfentlichen dürfte.
Melina von Gagern lebt als freie Schauspielerin in Berlin.
Melina von Gagern
Stellt den Sarg hochkant und tanzt! Tag- und Nachtgedanken einer Hundertjährigen
Schlafunterbrechung – wie jede Nacht! Mit Getränk und Schnittchen. Die S-Bahn rattert und erinnert mich daran, dass ich in Berlin bin.
Am: wieder einmal 11.00
Ich finde keinen Schlaf!! Nun sitze ich an der Bettkante mit einem guten Kaffee. Wieder wie so oft und immer wieder wandern die Gedanken rückwärts. Während meines Lebens fand ich an meinem Leben nichts Ungewöhnliches. Aber wenn ich es rückblickend bedenke, war vieles doch ungewöhnlich. Es war nicht absichtlich ungewöhnlich. Es ergab sich ohne Anstrengung und Absicht. Sozusagen ( wenn man müde ist und nicht schlafen kann) es lebte mich. Ich habe ein gutes Leben gehabt und habe mit Allen und allem einen heiteren Frieden geschlossen. Unebenes konnte ich Glätten. Selbst Enttäuschungen kann ich Heute einen Sinn geben. Wenn ich dieses Buch nicht hätte würde ich nichts aufschreiben. Und oder aber meine weitaus Erstbeste ist Armgard, unabhängig was ich für sie bin. Und weitaus Zweitbeste habe ich sehr, sehr viele. Und Zweitbester zu sein – ist doch auch viel!
Datum—- schreibe ich morgen
Manchmal erlebe ich Dinge, die bemerkenswert und zum aufschreiben geeignet sind. Es war schönes Wetter und ich frühstückte bei Henning draußen. Da tritt ein älterer Herr an meinen Tisch ( ich schätze 50 – 60 jährig) und sagt: „ Es ist mir peinlich, Sie mit „Tante Ursel“ anzureden, aber ich weiß nicht, wie sie heißen. Ich wohne hier ganz nah. Eines Tages sehe ich sie hier frühstücken. Ich erzählte das meiner Frau und die sagte: „ Sprich Sie an.“ Und dann berichtete er mir, er sei bei mir in der Assmanshauser im Kindergarten gewesen. „ Und ich war ganz aus dem Häuschen, als ich sie frühstücken sah. Ich habe vieles vergessen, aber Tante Ursel aus dem Kindergarten in der Assmanshauser, die habe ich nicht vergessen.“ Das stelle man sich vor; da trifft ein betagter Herr seine „Kindergartentante“ und gerät darüber aus dem Häuschen!!!! Noch mehr Lob gibt es kaum.
Eben ging Manuela.
Sie verabschiedete sich bis morgen früh.
Sie gehen heute um den Grunewaldsee, trinken dann irgendwo einen Kaffee (mit Familie)
Ich habe es gut hier im Sessel und mache meine Gedankenwanderungen.
Da gibt es viele Erinnerungswege. Ich liebe dieses Gedankenwandern. Aheu!
Also! Jetzt wandere ich los! „Aheu!“ Der Stift, mit dem ich schreibe ist gut. Aber für meine altersgeschwächten Augen etwas schwer zu lesen
Also denn!! Aheu! Ich wandere los!!
Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust. Es ist auch meine Lust Ahoi! Ahoi!
Es ist immer der gleiche kleine Vogel, den ich höre
Ich bin zufrieden.
Marianne ist nicht zufrieden. Für sie schade!!
Die „grosse Fliege“ kommt auf mich zu. Ich bemühe mich zu warten, bis Armgard Zeit hat- Jetzt hat sie keine. Irgend wer wird dann schon da sein. Man lebt zusammen. Aber die „grosse Fliege“ muss man allein schaffen. Möge meine „grosse Fliege“ sanft und friedlich sein, ohne Schmerzen.
„14 Engel“ werden bei mir sein
2 zu meinen Häupten
2 zu meine Füssen
2 zu meiner Rechten,
2 zu meiner linken
2 die mir weisen den Weg ins Paradies. Der Weg ist hell. Ich werden den Weg finden! Mit meinen Engeln
Ich bin nicht allein. Ich bin zufrieden. Dank allen für alles.
