Eine protestantische Pfarrfamilie in schwierigen Zeiten (1)

Brigitte von Ungern-Sternberg

Pfarrhäuser bewohnt von Familien mit 5/6 Kindern und mehr waren in der Zeit als ich Kind war keine Seltenheit. In solch einer kinderreichen Familie bin ich aufgewachsen. Von 1940-1949 (!) wurden sechs Kinder geboren, erst drei Jungen und dann drei Mädchen. Die Pfarrfrau war in solchen Familien nicht berufstätig, ihr Mann war der Alleinverdiener. Der Etat einer vielköpfigen Familie war durchaus knapp und überschaubar. In dieser Situation gab es allerdings etwas von unschätzbaren Wert:

          die    D i e n s t w o h n u n g –

mitunter ein    H a u s mit großem Garten mit einer niedrigen Miete, die man auf dem freien Markt für ein solches Objekt nicht hätte finden können!

Für das Soziotop ‚kinderreiche Pfarrfamilien‘ stellten die Landeskirchen den Platz zur Verfügung, in denen es sich entfalten konnte.

Ihre erste D i e n s t w o h n u n g hätten meine Eltern in Riga beziehen sollen – so war es geplant. Sie heirateten 1939, als mein Vater nach dem Studium der Theologie eine Stelle an einer Kirche in einem Rigaer Aussenbezirk bekam. Die politischen Ereignissen machten einen Strich durch die Rechnung.

Nach dem Stalin/Hitler Abkommen 1939 sahen die Deutschbalten in Lettland und Estland keine sichere Zukunft mehr. Sie folgten dem Ruf ‚Heim ins Reich‘, de facto erfüllten sie mit der Umsiedlung die nationalsozialistische Germanisierungspolitik im REICHSGAU WARTHELAND kurz ‚Warthegau‘. Dieses Gebiet wurde nach dem Polenfeldzug so genannt. Es existierte bis 1945. Die Deutschbalten wurden einfach umgesetzt, sie hatten meist keine Wahl. Hitler wollte sie nicht im ‚Reich‘, er brauchte sie in Polen.   

Lodz lag im Warthegau und wurde einfach umbenannt in Litzmannstadt. In Lodz gab es, seit es im 19.Jh. zur großen Stadt mit Textilindustrie wurde, drei große ethnische Bevölkerungsgruppen: Polen, Juden und Deutsche. Die große Trinitatis-Kirche im neuromanischen Stil am Eingang der Piotrowska  war eine eindrucksvolle protestantische Kirche, mein Vater bekam eine Stelle als Pfarrer und zog mit Frau und dem ersten Sohn in eine vermutlich geräumige ‚Dienstwohnung‘. In welchem der umliegenden Häuser sie sich befand, konnte ich bei einem Aufenthalt in Lodz nicht ermitteln. In schneller Folge wurden zwei Söhne geboren und 1944 ich als erstes Mädchen. Mit dieser Kinderschar, drei Buben, ein Mädchen traten meine Eltern 1945 die Flucht an, diesmal wirklich ‚heim ins Reich‘. Ich war ein Baby und erinnere mich natürlich nicht.

Fortsetzung folgt

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