Michael G. Müller
Am 17. März 1658 zelebrierte die Heilige Inquisition in Palermo einen feierlichen actus fidei (Autodafé), um die übers Jahr gefällten Urteile der Inquisitoren gegen Hexen, Gotteslästerer und Häretiker öffentlich zu verkünden. Diesmal waren dafür auf dem Domplatz eigens Holztribünen für die vielen geistlichen und weltlichen Würdenträger errichtet worden; die Volksmassen konnten das Geschehen von der Straße aus verfolgen. Die Angeklagten (eigentlich schon Verurteilten), es waren 30, wurden in einer von bewaffneten Adligen begleiteten Prozession zum Dom geführt, dort mussten sie sich einzeln dem Inquisitionskollegium stellen, um die verhängte Strafe zu vernehmen. Der spektakulärste Fall dieses Tages war der von Diego La Matina, eines Augustinermönchs aus dem Städtchen Racalmuto. Er hatte sich nicht nur (angeblich) der Häresie schuldig gemacht, sondern auch, ein Jahr, zuvor (tatsächlich) den amtierenden Inquisitor in verzweifelter Gegenwehr gegen die Folter bei einem Verhör erschlagen. Mit Ketten an ein Holzgestell gefesselt wurde er jetzt vor die Inquisitoren geschleppt. Diese verkündeten das erwartete Todesurteil und übergaben La Matina zur Urteilsvollstreckung der „weltlichen Hand“. Noch am selben Abend, aber an einem anderen Ort in der Stadt, wurde er bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Nie wäre ich auf diese Geschichte aufmerksam geworden, hätte ich nicht den Palazzo Chiaramonte-Steri in Palermo, den frühen Sitz der sizilianischen Inquisition, besichtigt und, dadurch neugierig geworden, das Buch des legendären sizilianischen Schriftstellers Leonardo Sciascia über den Fall La Matina („Tod des Inquisitors“, 1964) gelesen. Im Palazzo Chiaramonte sieht man die Zellen, in denen die zahllosen von der Inquisition Verfolgten die Mauern mit großflächigen Bildern, frommen Sentenzen und Beschwörungen versehen haben; für ihre Grafitti benutzten sie den Abrieb der roten Terracotta-Fliesen, den sie in Wasser auflösten, oder den Ruß ihrer Kerzen. Ein Grafitto an der Mauer von La Matinas Zelle zitiert den berühmten Spruch aus Dantes Göttlicher Komödie: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“. Scascias Buch wiederum – kein Roman, sondern eine minutiöse historisch-kulturelle Studie – öffnet uns die Augen dafür, wie das Regime der spanischen Inquisition die Gesellschaft Siziliens bis ins 18. Jahrhundert prägte. Im Detail beschreibt es die Verfolgungspraxis der Inquisitoren und analysiert die Logiken, nach denen sie handelten.
Was mich überrascht hat: Die Inquisition war eigentlich keine blutrünstige Institution – keine Organisation von Glaubensfanatikern, die in erster Linie danach gestrebt hätten, vermeintliche Häretiker aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Die Zahl der Todesurteile, die in Fällen „erwiesener“ Häresie unweigerlich verhängt wurden, blieb über die Jahrhunderte erstaunlich gering. In die Tausende gingen dagegen die Urteile wegen geringerer Glaubensverfehlungen, die mit unterschiedlich harten Strafen geahndet wurden – Kerkerhaft oder Zwangsdienst auf Galeeren, Geldstrafen oder vollständiger Eigentumsverlust, zum Beispiel auch der Zwang, lebenslang ein Büßergewand zu tragen. Die finanzielle Dimension spielte allerdings fast immer eine Rolle. Sowohl die verhängten Geldbußen als auch sämtliche eingezogenen Vermögen und Güter fielen dem „Sacrum Officium“ zu. Das auch der Grund, warum die Inquisition, obwohl so etwas wie eine staatliche Institution, keinerlei Zuwendungen vonseiten der spanischen Krone erhielt; sie finanzierte sich selbst.
Doch war die Inquisition nicht nur ein Instrument der Bereicherung, sondern auch, und wahrscheinlich vor allem, ein Herrschaftsinstrument. Da man über Glaubensfragen nicht rational streiten oder juristisch verhandeln konnte und das „Heilige Amt“ hier die letzte Urteilsinstanz war, hatte die Inquisition grundsätzlich Macht über jeden Einzelnen. Jeder konnte durch die Glaubenswächter ins Visier genommen oder von persönlichen Gegnern denunziert werden; und die eigene Glaubenstreue zu beweisen, schien fast unmöglich, sobald der Verdacht einmal in der Welt war. Wer etwas zu verlieren hatte in der Gesellschaft – Vermögen, Ämter, Ansehen – tat also gut daran, sich vorsorglich auf die richtige Seite zu schlagen. Viele aus dem hohen und niederen Adel, viele bürgerliche Honoratioren, Kaufleute und Handwerker taten das, indem sich als „familiari“ der Inquisition direkt in deren Dienst stellten; unweigerlich kommen einem die „informellen Mitarbeiter“ der Stasi in den Sinn.
In La Matinas (übrigens auch Scacias) kleinem Heimatort Racalmuto gab es neben etlichen königlichen Beamten vier offizielle Bedienstete der Inquisition und mindestens dreimal soviel „familiari“ – mehr Kontrolleure und Aufpasser also, als, wie Scascia weiß, das Städtchen heute an Polizisten aufbieten kann. Ähnliches galt für Palermo, für das ganze Königreich Sizilien. Bedenken wir außerdem die enge, unauflösliche Verflechtung zwischen dem königlichen Machtapparat und dem „System Inquisition“, dann erkennen wir hier eine beinahe perfekte totalitäre Herrschaftsordnung.
Warum und unter welchen Umständen der junge Augustinermönch Diego in die Fallstricke dieses Systems geraten ist, lässt sich letztlich nicht rekonstruieren. Ziemlich sicher ist, dass er keine häretischen Schriften verfasst, auch keine häretischen Lehren verbreitet hat, wie ihm die Inquisitoren unter anderem vorwarfen. Ohnehin: Für wen hätte Diego häretische Gedanken zu Papier bringen, wen durch sein Predigen vom rechten Glauben abbringen können – in Siziliens ländlicher Gesellschaft, die in ihrer abergläubischen Frömmigkeit überhaupt weit entfernt war von einem halbwegs vertretbaren Verständnis des Christentums? Die Inquisition selbst schaffte es mit ihren theologisch ausgefeilten Expertisen zwar, jeden beliebigen Angeklagten fachgerecht des Irrglaubens zu „überführen“; die Bevölkerung wirklich zum christlichen Glauben zu bekehren, vermochte sie aber auch nicht.
So geht es eher um die Frage, wem Diego La Martina in seinem Umfeld in die Quere gekommen sei, mit wem er sich, bewusst oder unbewusst, angelegt haben mochte. Unterschiedliche Quellen deuten Streitigkeiten mit den örtlichen Honoratioren und obrigkeitskritische Äußerungen an; aber es scheint auch eine örtliche Affäre um seine Schwester gegeben zu haben. Letztlich kommt es auf den eigentlichen Grund aber auch nicht an. Sein Fall zeigt exemplarisch, dass jeder irgendwo in diesem System totalitärer Herrschaft anecken und in das Mahlwerk des Gewaltapparats geraten konnte. Woran lässt uns das heute denken? Was Leonardo Scascia an dem Fall fasziniert hat, war nicht das lange zurückliegende Ereignis an sich, sondern die bedrückende Einsicht, dass sich, über die Epochen hinweg, Religion und Ideologie mit Macht und Gewalt immer wieder auf diese Weise verbunden haben und verbinden.
