Olympiade 2026

Monika Wrzosek-Müller

Eiskunstlaufen

Diesmal schaue ich mir viele Wettbewerbe im Eiskunstlaufen an. Vor Jahren, wirklich vielen Jahren, noch in Polen, in Warschau, trainierte ich selbst Eiskunstlaufen in einer Eiskunsthalle, jetzt Arena COS Torwar genannt. Leider war meine Wirbelsäule lädiert und für „große Sprünge“ hat es nicht gereicht. Doch die Faszination für diese Sportart blieb mir über all die Jahre erhalten. So wurde ich vor etwa drei Jahren auf einen Eiskunstläufer aufmerksam, der die Grenzen des auf dem Eis Möglichen wirklich sprengte; ich meine Ilja Malinin. Dass er dieses Jahr nicht mit einer Goldmedaille nach Hause fährt, kann passieren. Er ist erst 21 Jahre alt und hat schon mehrere Goldmedaillen zu Hause liegen. Natürlich wird unterstrichen, dass er als einziger Eiskunstläufer einen vierfachen Axel vorführt, aber für mich ist das Wichtigste, wieviel Energie, Schwung, Grazie und Begeisterung für die Bewegung dieser Eiskunstläufer auf dem Eis aufbietet, auch wieviel Lebenslust daraus entsteht. Seine Programme, seine Kür ist immer ein Ereignis, auf das Viele warten. Im Unterschied zum Kurzprogramm, in dem bestimmte Elemente gezeigt werden müssen, sind die Eiskunstläufer bei der Kür in der Zusammenstellung der Elemente freier. Also, Ilja Malinin wählte kräftige jugendliche Musik zu seinen Programmen und lief sie mit einer Begeisterung, die sich auf den Zuschauer übertrug, die für Gänsehaut-Momente sorgte. Ich schaute immer wieder die Weltmeisterschaften und seine Auftritte nahm ich besonders wahr; er steht in der Tradition der russischen Eiskunstläufer und wurde von den Eltern trainiert. Ich denke, daher kommt die enge Verbindung zur Musik und zur Körperbewegung, vielleicht dem Ballett, um so exakt synchron mit der Musik zu laufen. Bei ihm habe ich wirklich das Gefühl: dieses Eiskunstlaufen ist sein Leben und es gibt nichts anderes, es gibt keine andere Option.

Wunderschön präsentieren sich immer auch die Paare, die wirklich auf der Eisfläche schweben und oft akrobatische Elemente zeigen. Das Niveau steigt auch jedes Jahr; das französische Paar Laurence Fournier Beaudry und Guillaume Cizeron hat bei dieser Olympiade geradezu Unheimliches auf der Eisfläche gezaubert. Interessant ist wirklich überall die Präsenz der Japaner, die in allen Kategorien super Künstler aufzubieten haben, ob es sich um Frauen oder auch Männer handelt. Auch beim Paarlaufen haben dieses Jahr Japaner die Goldmedaille gewonnen: Miura/Kihara. Es bilden sich eben Schulen, die hervorragende Eiskunstläufer ausbilden.

Ich erinnere mich noch an meine Zeiten mit Eiskunstlauf, als man bei den Tanzpaaren auf dem Eis immer von Engländern gesprochen hat. Überhaupt erinnere ich mich an lange Nachmittage, an denen ich am Fernsehen klebte und alle Sprünge, die damals höchstens zweifach ausgeführt wurden, bewunderte; auch die Pirouetten, die damals viel kürzer und einfacher ausgeführt wurden. Die Entwicklung in dieser Sportart ist wirklich rasant, welche Pirouetten vollführt werden, welche Schrittkombinationen, welche Geschwindigkeit erreicht wird, die Intensität von all den Elementen. Das alles erzeugt andererseits aber unheimlichen Druck auf die jungen Menschen, man spürt das direkt, auch wenn man die einzelnen Wettbewerbe nur im Fernsehen verfolgt. Irgendjemand sagte dann: das gehört eben dazu, sie müssen damit fertig werden. Viele aber werden nicht so einfach damit fertig und verzweifeln. Das Aufbauen von Stars zu Göttern, der Gebrauch von Begriffen wie „Vierfach-Gott“ bei Ilja Malinin, schadet eher dem Sportler/Künstler, als dass es ihn aufbaut. Dann der Hass und die Verdammung, die auf eine ungelungene Kür in den Massmedien folgt, sind für junge Menschen sehr gefährlich.

Um etwas über Eiskunstlaufen fachsimpeln zu können, müsste man sich besser mit den vielfältigen Sprüngen beschäftigen. Hier eine kurze Einweisung:

  1. Toelopp – der Getippte; ein, vorsichtig gesagt, ziemlich einfacher Sprung, der in den 20er Jahren in den USA von Bruce Mapes eingeführt wurde.
  2. Salchow – der schwungvolle Sprung, zwar elementar und in jeder Form immer noch beim Eiskunstlauf präsent, aber als nicht so schwierig empfunden. Benannt wurde der Sprung nach dem Schweden Ulrich Salchow, der ihn 1909 erfand.
  3. Rittberger (Loop) – der Eingesessene. Es ist ein Kantensprung im Rückwärtslauf. Er verdankt seinen Namen dem deutschen Eiskunstlauf-Weltmeister Werner Rittberger, der ihn um 1910 eingeführt hat. Im englischsprachigen Raum wird er oft loop genannt.
  4. Flip – der riskante, schwierige Innenkanten-Stoß, dem Lutz ähnlich. Nach dem englischen Ausdruck „Flip“, der schnippende Bewegung bedeutet
  5. Lutz – nach dem Österreicher Alois Lutz benannt, der ihn 1913 zum ersten Mal im Wettbewerb vorführte. Auch ein im Rückwärtslaufen, meist vom linken Bein angefangener Sprung, soll aber von der Außenkante abgestoßen werden, sonst gilt er als Flip.
  6. Axel – der König der Sprünge und der anspruchsvollste. Doch er wurde schon 1882 von dem Norweger Axel Paulsen eingeführt. Natürlich wichtig ist die Zahl der Drehungen in der Luft. Wenn jetzt von Ilja Malinin vom Vierfach-Gott gesprochen wird, bezieht sich das auf seine vierfache Ausführung eben dieses Sprungs.

Neben allen diesen Sprüngen gibt es bei den Paaren Synchronsprünge und auch die Wurfsprünge; neuerdings wurde auch der Salto wieder salonfähig gemacht, allerdings nur, wenn man auf einem Bein landet. Das allerdings führt, soweit ich weiß, nur Ilja Malinin aus.

Gestern schaute ich sehr lange, bis in die Nacht hinein das Frauen-Kurzprogramm (früher Pflichtprogramm) an. Es waren unheimlich viele sehr gute, fantastische Läuferinnen dabei. Die Konkurrenz groß, die Anforderungen hochgeschraubt, die Punkte für einzelne Elemente werden dabei nach ganz rigiden Regeln vergeben. Trotzdem finden viele junge Frauen dabei zu sich, laufen zu ihrer Musik, versuchen auch ihre Seele zu befriedigen; natürlich sieht das alles sehr schön aus, sie schweben, gleiten sehr gefühlvoll über die Eisfläche. Sie vollführen Pirouetten, die im Ballett nicht möglich wären. Es ist ein Gesamtkunstwerk aus Präzision auf dem Eis aber auch Kostümen, Make-Up und Musik; alles wird auf die einzelne Läuferin abgestimmt; es kommt oft zu Gänsehaut-Momenten. Wieder war für mich auffällig, wie viele Japanerinnen dabei sind; die Russinnen, die früher immer vorne waren, werden inzwischen von anderen Nationen verdrängt, auch wenn viele von den Trainern aus Russland im Exil offensichtlich ihre Schulen weiterleiten. Alles verändert sich, nichts bleibt stehen, aber die Schönheit, die man in einzelnen kurzen Augenblicken erlebt, entsteht beim Eiskunstlauf immer wieder.

Ich habe nebenbei gehört, dass sich der Eiskunstlauf bei dieser Olympiade besonders großer Beliebtheit erfreut (das Eisstadion ausverkauft). Nun, es ist vielleicht die beste Ablenkung von der dunklen, sich in eine gefährliche Richtung verändernden Welt und das spüren und verfolgen wir alle.

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