Ich habe gerade ein Berlin-Buch, ein Kreuzberg-Buch, ein Feminismus-Buch gelesen und war begeistert. Das, was Autorin beschreibt, ist die Geschichte eines langsamen Aufstiegs und dann eines Niedergangs aller unseren Idealen. Und wie wahr ist diese Beschreibung, wie gut, und wie lustig dazu… Es geht, wie die Autorin es formuliert, um »Geburt eines Mythos«. Ich bin sehr zufrieden, dass ich dabei war!

Hier nun eine Leseprobe. Der Beginn des Buches. Der 1. Mai 1987 in Krezuberg. Ich war ja auch dabei.
Kapitel 1
(…)
Es gab Strickstrümpfe aus Lametta, Kerzenhalter aus Heizungsrohren, Gürtel aus Mercedessternen und jede Menge Ledertaschen. Ich sah mir an den Ständen auch Hefte an, die aus alten Bravo-Ausgaben zusammengeklebt waren. Es gab Kerzen, Schmuck und Holzspielzeug. Politische Initiativen verteilten Infomaterial. Kaffee und selbst gebackenen Kuchen konnte man beim »Besetzerkollektiv« kaufen. Der erste Vollkornkuchen meines Lebens schmeckte nach Staub und trockenem Gras.
»Garantiert ohne Zucker« war leider total ohne Zucker. Die Frau, die ihn mir verkaufte, trug eine Frisur auf dem Kopf, die wie eine große Nusstorte aussah. Die Haare zu einem dunkelbraunen Wagenrad zusammengeflochten, gespickt mit Muscheln, Holzsplittern oder vielleicht doch tatsächlich Nüssen? Die Frau scherzte mit mir, sie habe Flugblätter geschreddert und in ihren Kuchen eingebacken. Ich lachte über diesen Witz, es schmeckte aber, als ob es stimmen könnte. Ich probierte auch Köfte, unheimlich scharf gewürzte und ziemlich verkohlte längliche Frikadellen. Danach brannte mein Mund wie Feuer, und ich suchte nach einem Stand mit Getränken.
Doch in dieser Sekunde kippte die Stimmung. Kinder rannten kreuz und quer, alles geriet in Bewegung. Ich hörte Geschrei und Gebrüll und dazu ein dumpfes Rauschen, das immer lauter wurde. In Panik flohen die Menschen vom Platz. Tapeziertische kippten um und gingen zu Bruch, alles flog auf die Straße, alte Leute kamen zu Fall, die Punks stürmten von der Bühne, Mütter schrien nach ihren Kindern. Und dann sah ich eine Kette von Polizisten mit weißen Helmen auf mich zurennen. Bestimmt zwanzig in einer Reihe. Wer sich ihnen in den Weg stellte, zu langsam war oder hinfiel, wurde verprügelt.
Ich spurtete in Richtung der großen Kirche, sprang über ein Gebüsch und warf mich auf einem Spielplatz in den Sand. Die Polizei feuerte Tränengasgranaten ab. In Sekunden war alles voller Rauch. Meine Augen brannten wie verrückt. Ich heulte und hustete, ich war vollkommen orientierungslos, wie durch Watte hörte ich Menschen schreien, immer begleitet vom durchgängigen Tatütata der Polizeisirenen.
Dann wurde ich auf einmal hochgerissen. Links und rechts griffen mir zwei kräftige Hände unter die Arme und zogen mich nach vorne. Ich wurde angeschrien und angetrieben: »Los! Lauf!« Und ich lief. Über Bordsteine, kaputte Gehwegplatten, über Straßenpflaster, über Teer. Ich rannte. Ich rannte blind. Ich stolperte, kam aus dem Tritt, konnte aber nicht fallen. Ich wurde festgehalten von zwei kräftigen Frauen, die Taucherbrillen trugen und dicke Tücher über Mund und Nase. Die wilde Hatz endete in der Lausitzer Straße, in einem Abbruchhaus, wo jemand »Die future is female« neben den Eingang gemalt hatte. So viel konnte ich noch erkennen, bevor sie meinen Kopf in einem provisorischen Badezimmer in einen Wassereimer tauchten.
So lernte ich Gabriele und Dorothea kennen.
»Geht’s wieder?«, fragte die Größere der beiden, die sich als Gabriele vorstellte. Sie reichte mir ein Handtuch. Ich nahm sie nur verschwommen wahr. Sie sah aus wie Gabriela Sabatini, die Tennisspielerin, die ich sehr verehrte, die vielen Haare gebändigt von einer roten Wollmütze.
Dorothea, die Kleinere, kam mit einem Becher Kaffee ins Bad und wartete geduldig, bis ich in der Lage war, ohne zu zittern, eine Tasse zu halten. »Supertag«, sagte sie, »das kann ja noch was werden.«
Dorothea fehlten an der linken Hand Zeigefinger und Mittelfinger. In ihrem schwarzen Overall sah sie aus wie eine Kampfpilotin. Mehr konnte ich noch nicht erkennen. Meine Augen waren immer noch zugeschwollen. Von weiter weg hörten wir ohne Pause Sirenen.
»Das geht jetzt stundenlang so weiter.«
»Wo bin ich?«, fragte ich.
»Im Frauenkollektiv«, sagte Gabriele, »im Lilalatzhosenwunderland.« Sie lachte und klopfte mir auf die Schulter. »Komm erst mal mit in die Küche.«
Wir gingen einen dunklen Flur entlang, der am Ende in einen großen Raum mündete. Er war Wohnzimmer, Küche und Gästezimmer in einem. Alles wirkte provisorisch, die abgenutzte Couch musste noch aus Vorkriegszeiten stammen. Ein Doppelstockbett stand neben dem Fenster an der Wand. Vier alte Sessel, die Armlehnen abgebrochen, standen wie zufällig im Raum verstreut. Das Spülbecken hing in einem zurechtgesägten Bettgestell. Der Herd bestand aus einem Blech mit vier Kochflammen, das über einen Schlauch an einen Gasbehälter aus Stahl angeschlossen war. An den Wänden hingen Poster von Patti Smith und Joan Jett und das Plakat einer »Bauarbeiterinnenparty«, auf dem für »Klasse Mucke, Toffe Görls« geworben wurde. Darüber war die vergilbte Tapete mit einem Schriftzug besprüht. »Auf die Dauer Frauenpower«.
Eine einzelne Hängelampe gab ein schummriges Licht ab, das einzig und allein den wuchtigen Esstisch beleuchtete, der mitten im Zimmer stand. Drei Frauen saßen da und unterhielten sich leise. Niemand sagte Hallo.
»Darf ich vorstellen«, sagte Gabriele etwas lauter und schob mich nach vorn an den Tisch, »das sind Veronika, genannt Ronnie, und die gute Linda, und das ist Frau Pahlke aus dem Hinterhaus.« Frau Pahlke streckte müde die Hand nach mir aus. Ihr Gesicht war voller Trauer, wie ich es noch nie im Gesicht eines Menschen gesehen hatte. Sie nahm meine Hand, drückte sie einmal kurz und ließ den Arm wieder auf den Tisch klatschen, wo sie dann ein Tischtuch glatt strich, das es gar nicht gab. Die anderen rührten sich nicht. »Und das ist?« Gabriele gab mir einen kleinen Stoß in den Rücken, sodass ich noch einen Schritt nach vorne machte und gegen den Tisch stieß. »Ich bin Susanne.« Ich war viel zu eingeschüchtert, um nur ein einziges Wort mehr zu sagen.
Ich versuchte, mir die Namen einzuprägen. Veronika-Ronnie war die, die ganz links saß. Sie war die im Schlafanzug. Das konnte ich mir gut merken, denn mein Vater hatte genau den gleichen Pyjama. Schiesser, dunkelblau, mit weißer Paspel und kleiner Brusttasche. Veronika trug als scharfen Kontrast zum stylischen Nachtgewand eine feuerrote Punkfrisur. Sie sagte zu Gabriele: »Wo habt ihr die denn aufgegabelt? Was will die hier?«
Daneben Linda, die aussah wie meine Freundinnen in Kiel: halblanges Haar, sauber gekämmt, adrett in beiger Bluse, mit freundlichem Blick und erschreckend ungepflegten und abgekauten Fingernägeln. Sie sah mich direkt an und sagte: »Wir sind voll.«
Ich wollte mich schon umdrehen, da legte mir Gabriele beschützend eine Hand auf die Schulter und schob mir mit der anderen einen Stuhl in die Knickehlen, sodass ich mich automatisch setzen musste. »Susanne hat ein bisschen viel Tränengas abgekriegt«, sagte Gabriele, »macht euch locker.« Dann schob sie sich selbst einen Stuhl an den Tisch und sagte etwas leiser zu mir: »Ist hier ein bisschen hart, aber herzlich.«
Dass auch Frauen Häuser besetzt hielten, davon hatte ich noch nie gehört. Ich erfuhr, dass das gesamte Vorderhaus vom Frauenkollektiv bereits wieder instand gesetzt worden war. Der Wohnküche fehlte nun nur noch der neue Anstrich und eine bessere Ausstattung. »Wir machen hier alles selbst. Wir schaffen uns unsere eigene Welt. Harte Arbeit. Alles erlaubt. Nur keine Männer«, sagte Dorothea aus dem Hintergrund.
»Verstehen viele nicht. Aber wir machen einfach unser Ding und fertig. Sieht auch gut aus mit einem Mietvertrag.«
Gabriele sprach jetzt leise mit Frau Pahlke. Die schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf. Gabriele drehte sich zu mir um: »Frau Pahlke kommt häufiger zu uns. Immer wenn ihr Mann mal keinen guten Tag hat, stimmt’s, Frau Pahlke?«
»Besser man kommt ihm nicht in die Quere«, sagte Frau Pahlke fast ohne Ton und starrte auf ihre gefalteten Hände, die wie zwei Pfund
Hackfleisch aussahen. Jutta und Manu gehen manchmal rüber, um Herrn Pahlke ordentlich was zu husten«, sagte Gabriele. »So kann es jedenfalls nicht weitergehen, Frau Pahlke.«
»Nützt ja nischt«, sagte Frau Pahlke und strich mit ihren roten Hack-fleischhänden noch einmal das nicht vorhandene Tischtuch glatt.
Dorothea zog einen Sessel zu uns ran. »Frau Pahlke ist ‘ne arme Sau. Wenn es ganz schlimm wird, schläft sie da.« Dorothea deutete auf das Stockbett. Nicht nur ich nahm Maß und dachte, wie soll die dicke, alte Frau Pahlke da überhaupt reinpassen? Auch Frau Pahlke drehte ihren Kopf in dieselbe Richtung, und ich sah, dass ihr Ohr keine normale Form mehr hatte, sondern aussah wie eine aufgerollte Socke. Das Blut war getrocknet. Es sah schlimm aus.
Ich beugte mich nach vorne und sagte leise zu Dorothea: »Ein Fall für die Polizei.« Die riss sofort die Augen auf, als hätte ich ihr einen Trommelrevolver in den Mund gesteckt, schubste mich heftig zurück auf den Stuhl und sagte: »Spinnst du? Keine Bullen! Im Leben nicht! Niemals!«
»Wir regeln das schon, wenn es nötig wird«, sagte Veronika ganz ruhig. »Seitdem Herr Pahlke weiß, dass wir kommen, werden die Ausfälle weniger.«
»Der Alkohol«, sagte Linda.
»Ja, der Alkohol! Apropos. Wer möchte ein Bier?«, rief Dorothea, sprang auf die Füße und riss die Kühlschranktür auf.
Sie reichte mir eine Flasche Beck’s, und ich malte mir aus, wie wohl Herr Pahlke reagierte, wenn nicht die Polizei, sondern zwei unerschrockene Frauen aus dem Vorderhaus vor der Tür standen. War wahrscheinlich gar nicht so verkehrt.
»Ich würde mal sagen, wir sind da recht effektiv«, sagte Veronika, »jedenfalls effektiver als die Polizei, und vor allem sind wir schneller da.«
Die Polizei brauchen wir nicht. Der Staat tut nichts für uns und wir nichts für den Staat«, sagte Gabriele und zündete sich eine Zigarette an. Sie war in den Sessel umgezogen und machte es sich bequem. Sie trug eine schwarze Lederhose, die an den Seiten von geflochtenen Bändern zusammengehalten wurde. »Die Bullen schützen nur die Reichen. Und die Reichen sind alles Männer. Reichtum gäbe es gar nicht, wenn es keine Armut geben würde. Männer brauchen Armut. Sonst gäbe es keinen Reichtum.« Ich hörte nicht richtig zu, das war mir echt zu theoretisch, stattdessen überlegte ich, wo man in Kiel eventuell so eine Hose kaufen könnte.
»Verstehst du?«, fragte Gabriele und blies den Rauch in die Luft.
»Männer brauchen Polizei. Wegen ihrer Besitzansprüche. Denen gehört einfach alles. Ihre Frauen, ihre Häuser, ihre Autos. Alles ihr Eigentum. Frag mal Frau Pahlke.«Dorothea lehnte sich zurück: »Du bist doch auch aus Westdeutschland, oder?« Sie sprach in einem komischen Singsang-Dialekt, den ich nicht zuordnen konnte.
»Aus Kiel«, sagte ich trocken und versuchte ein paar Momente lang so zu tun, als wäre ich schon länger in Berlin und nicht nur diesen einen verrauchten Tag lang. »Und ihr?«
Dorothea kam aus einem Dorf in der Eifel mit original altrömischen Vorfahren (»Das sieht man, oder?«). Aber ich hatte keine Ahnung, woran man das hätte sehen können. Die schwarzen Haare? Die Nase? Die Sandalen? Keine Ahnung. Drei ältere Geschwister und ein traumatisierter Vater, der nach der Heimkehr aus dem Krieg kaum noch ein Wort sprach. »Ich wollte einfach leben und nicht nur funktionieren. Gleich nach der Tischlerlehre bin ich weg aus der Eifel und hin nach West-Berlin. Zwei Finger habe ich allerdings in der Tischlerei gelassen.« Sie streckte ihre linke Hand zur Zimmerdecke und lachte. »Fünf Bier für die Frauen vom Sägewerk.«
Gabriele wiederum stammte aus Lübeck und war im letzten Moment vor einer Verlobung mit einem Rechtsanwalt geflohen. »Ich hatte Horror, dass ich mit einer Kiesauffahrt ende.« Stattdessen machte sie jetzt eine Ausbildung zur Krankengymnastin und sanierte nebenbei dieses Haus hier, in dem mittlerweile mehr als fünfundzwanzig Frauen wohnten. Eine genaue Zahl gab es nicht, die Fluktuation war doch ganz schön groß. Und was machst du?«
»Ich bin für einen Job in Berlin. Und ich wollte mir Kreuzberg mal ansehen.«
»Was ist eigentlich mit deinen Haaren passiert?«, fragte Gabriele mit besorgtem Gesichtsausdruck.
Ich hatte schon lange nicht mehr in den Spiegel gesehen. Penatencreme, Spielplatzsand, Tränengas, Wassereimer. Wahrscheinlich besser gleich abrasieren.
»Sieht aus, als hätte dir jemand Bauschaum auf den Kopf gespritzt«, sagte Dorothea. Ich fasste mir an den Kopf, fühlte etwas undefinierbar Klumpiges und bat darum, mir noch die Haare waschen zu dürfen.
»Sehr gerne, aber wir haben nur kaltes Wasser«, sagte Dorothea.
»Du kannst heute Nacht hier schlafen.« Gabriele zeigte auf das Stockbett. »Wir können dir einen Schlafsack geben.«
»Nein danke. Ich wohne bei einer Bekannten in der Zossener Straße. Ich muss morgen arbeiten.«
»Hm. Schwierig. Gefährlich. Überall sind Bullen. Du kommst hier heute nicht mehr raus aus diesem Bezirk«, sagte Dorothea und tippte auf ein Flugblatt, das auf dem Tisch lag. Volkszählungsboykott. »Hier ist voll die Randale. Wir wehren uns seit Wochen gegen diese Schnüffelei. Wer will schon vom Staat durchleuchtet werden?«
Volkszählungsboykott. Da kannte ich mich aus. Das war auch in Kiel ein Riesenthema. Sollte jemand klingeln, keinesfalls die Tür öffnen. Das war die Devise überall. Seit Wochen tobte schon der Widerstand. In Berlin war die Situation nun offenbar eskaliert. Dorothea hatte alle aktuellen Infos: »Die Polizei hat heute Nacht das zentrale Boykottbüro gestürmt. Ohne richterlichen Beschluss. Die haben einfach alles mitgenommen. Alle Plakate, alle Flugblätter. Alles. Sind einfach einmarschiert und haben das VoBo-Büro verwüstet. Das gibt Ärger. Da gibt es heute richtig Krawall. Aber so richtig.«
Wie aufs Stichwort wurde es laut im Flur, zwei Mädchen stürzten in die Küche, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt. »Leute, die haben Bolle geknackt. Der Supermarkt ist offen. Kommt! Wir gehen einkaufen!« Mit einem Satz waren alle auf den Beinen.
»Komm mit«, sagte Dorothea und warf mir eine Lederjacke zu. »Zieh das an. Das hält ein bisschen was ab.« Noch mal da raus? Nein danke. Ich lehnte freundlich ab. Das ging mir alles zu schnell. Das war mir zu gefährlich. Das erste Tränengas meines Lebens hatte mir gereicht. Ich hatte immer noch diesen metallischen Geschmack im Mund und spürte dieses fiese Brennen auf den Augen, als wären die Innenseiten meiner Lider mit Sandpapier ausgekleidet. Ich wollte da nicht noch mal raus.
»Mädchen aus Kiel!«, rief Ronnie. »Das Leben besteht aus Herausforderungen! Wir gehen volles Risiko.«
»Nein. Wirklich. Nein.«
»Du hast echt kein Format«, sagte Ronnie. »Mach mal was für dein Karma! Wo bleibt die Solidarität?« Also griff ich nach der Lederjacke und hängte mich dran an den Pulk. Dieses Mal würde ich besser aufpassen.
Zögerlich trat ich auf die Straße. Dort war ordentlich Betrieb. Zwei Rentner in beigen Blousons machten sich mit einem Brecheisen an einem Zigarettenautomaten zu schaffen. Mit einem Ruck hatten sie das Schloss am Stahlriegel aufgeknackt und plünderten, was der Automat hergab.
Der Bolle-Supermarkt an der nächsten Straßenecke sah schon reichlich ramponiert aus. Die Schaufenster waren ein-geschlagen, die Glastür existierte nicht mehr. Im Innern staPelten sich die Leute. Es war dunkel. Alles Teure war schon
ausverkauft«, Schnaps und Bier waren weg. Käse, Wurst, Fleisch, Obst, Gemüse – verschwunden. Es waren gar nicht die
Szeneleute«, die hier die Regale plünderten, sondern ganz normale Menschen aus den Wohnhäusern ringsherum. Paare, Rentner, Kinder stopften sich die Taschen voll. Viele schoben Einkaufswagen vollgepackt mit Konserven raus aus dem Laden auf die Straße. Ich sah einen schlaksigen Mann, der einer alten Frau den Beutel mit Schokolade und Keksen vollmachte. »Gibt es auch Marzipan?«, fragte sie. Kinder bewarfen sich gegenseitig mit Eiern, bis der Vater wütend dazwischenging. »Schluss damit! Helft Mutti beim Tragen!«
»Ich kenne Sie doch aus dem Kirchenkreis«, hörte ich eine Frau zu einer anderen sagen. »Sie waren schon lange nicht mehr da. Ist was passiert?« Der Laden war rammelvoll.
Die Frauen aus dem Abbruchhaus hatten einen Einkaufswa-gen ergattert und waren dabei, teure Marmelade, Nutella und Honig einzusammeln. Dazu Berge von Toastbrot. »Denkt auch an Frau Pahlke, die hat doch nüscht zu beißen.« Von hinten rief jemand: »Die trinkt gerne Jägermeister.« Aber Jägermeister war schon weg, nur vorne neben der Kasse gab es noch ein paar kleine Fläschchen. »Susanne, hol den Jägermeister für Frau Pahlke. « Ich tat so, als hätte ich es nicht gehört. Immerhin bestand die Gefahr, dass mich hier doch jemand erkannte. Was wäre, wenn die Polizei draußen auf mich wartete? Ich wollte etwas ganz anderes, ich wollte zu dieser Rassehundeschau. Ich wollte nicht in etwas hineingezogen werden, das schon wieder
schwierig« war. Ich wollte nicht den nächsten Unfall. Ich sah mich schon zusammen mit Guido im Auto auf der Heimfahrt nach Kiel, und auf der Rückbank saß fett und ranzig: die Enttäuschung.
»Susanne!«, rief Ronnie noch einmal mit Nachdruck aus dem Getümmel. »Der Jägermeister!« Und ich richtete mich auf, spannte die Muskeln an, lief nach vorn zur Kasse, räumte mit einer einzigen ausholenden Bewegung alle Jägermeister-Fläschchen aus dem Regal und ließ sie in einen Karton fallen, den ich im Gang gefunden hatte. Es waren genau elf. Und weil daneben noch eine Miniflasche Chantré stand, drehte ich kurzerhand den Deckel ab und trank den Weinbrand in einem Zug. Mir wurde heiß. Die Enttäuschung nahm nun richtig Fahrt auf und verließ die Spur. Meine Mutter würde von »schiefer Bahn« sprechen.
»Erledigt!«, rief ich nach hinten, da zog plötzlich jemand an meiner Jacke. Als ich mich umdrehte, sah ich einen kleinen Jungen, vielleicht acht Jahre alt. Seine Schuhe waren kaputt, die Hose zu kurz. Er fragte, ob ich ihm oben aus dem Regal ein Paket Kaffee holen könnte. Er sagte, er möchte seiner Mutter etwas mitbringen.
»Welche Sorte?«
»Jacobs Krönung.«
Ich zögerte kurz, gab ihm dann aber den Kaffee. Gleich zwei Pakete. Und dazu eine Schachtel Melitta-Kaffeefilter. Ich tat es einfach. Alle machten es. Der Junge packte alles ein in seine Bolle-Plastiktüte. Dann spannte er sie auf, damit ich reinsehen konnte.
»Kiek ma«, sagte er. »Ich habe zwei Schreibhefte, einen Kugelschreiber, ein Paket Filzstifte und einen Tintenkiller. Und jetzt noch den Kaffee.« Er blieb mit der geöffneten Tüte vor mir stehen und musterte mich von oben bis unten. Ich war irritiert.
Wollte er jetzt von mir hören, dass es okay ist, diese Sachen einfach so mitzunehmen? Es war ja immerhin für die Schule.
Bevor ich ihm Absolution erteilen konnte, sagte er trocken:
»Und du, hol dir mal Shampoo.« Das war frech. Aber ein guter Hinweis. Doch Shampoo war längst alle.
Als wir wieder auf der Straße standen, schoben zwei türkische Frauen in knöchellangen dunklen Mänteln einen Kleiderständer vorbei, voll mit weißen Hochzeitskleidern. Jedes war sorgfältig in Folie eingewickelt. Die Frauen warfen uns misstrauische Blicke zu und hatten es elig. Ein Kind stolperte hinterher und schleppte sich mit zwei riesigen Teddybären ab, die fast so groß waren wie es selbst. Unter jedem Arm klemmte einer. Man hätte annehmen können, bei einer spektakulären Tombola um die Ecke wurden ausschließlich Hauptgewinne verteilt.
Undauch ich trug am Ende eine Trophae davon. Es handelte sich um einen außerordentlich schweren und schön geschwungenen einzelnen Buchstaben, ein Schreibschrift-»F«, mindestens so lang wie mein Arm, gegossen oder geschmiedet, keine Ahnung. Eisen, Stahl oder Blech? Ich kannte mich nicht aus.
Der Buchstabe lag einfach auf der Straße. Es war das »F« der Fleischerei von nebenan. »leischerei« blieb übrig an der schmutzigen Fassade über dem Schaufenster. Ich nahm ihn mit. Er ließ sich schlecht tragen, deshalb hievten wir ihn nach ein paar Metern gemeinsam auf den Einkaufswagen und eierten damit Richtung Herberge, zum besetzten Haus, in dem die Frauen wohnten. Ich schleppte das »F« dann auf dem Rücken in den dritten Stock, den langen, dunklen Flur entlang und platzierte es in der Wohnküche neben dem Stockbett.
F wie Frauenpower«, sagte Gabriele und trat ein paar Schritte zurück, um das »F« besser im Raum wirken zu sehen, »das passt hier super rein.«
»F wie Feminismus«, ergänzte Dorothea.
Und ich dachte mir: F wie Flucht. Ich kann nicht länger hierbleiben. Ich muss mich um die Hunde in den Messehallen kümmern. Ich muss mich vorbereiten. Sobald es draußen ruhiger wird, mache ich mich auf den Weg. Dann würde auch die Enttäuschung wieder verschwinden, die mir permanent von der schiefen Bahn aus zuwinkte. Ein paar Minuten gab sie mir noch Zeit.
Ich betrachtete mein Werk. Das »F« hatte seinen Platz. Die Bude füllte sich. Aus allen Etagen kamen die Bewohnerinnen zusammen, mehr und mehr frauen fanden sich in dieser Wohnkuche ein, und dann begossen alle meinen Fund mit Unmengen von »F« wie Fernet Branca. Und ich fing mit dem Rauchen an und schmiss die Kippen einfach auf den Boden. Es war auf einmal alles so egal und gleichzeitig so wahnsinnig wichtig.
Ich war schnell betrunken und doch seltsam klar im Kopf. Es war irre laut, trotzdem verfolgte ich alle Gespräche ganz genau.
Es ging um die Ratten im Hinterhof, die durch die Abflussrohre bis in die oberen Etagen kletterten, und wie man diese Plage loswird. Mit Maschendraht oder Gift. Es ging aber auch um die Freiheit. Der Tiere. Es ging um Motorräder, Yamaha 500 XT und SR und wie man sie am besten ankickt, wenn sie abgesoffen sind. »Also bestimmt den Hebel zehnmal locker durchtreten, so mache ich das immer«, fachsimpelte ich durch die Gegend. »Lieber zehn Minuten stehen lassen und dann noch mal probieren«, hörte ich aus einer Ecke. » Also Kickstarter langsam durchtreten, bis man diesen starken Widerstand fühlt. Dann den Dekohebel ziehen und ein paar Zentimeter weitertreten. Dann den kleinen Hebel kommen lassen und kräftig durchtreten.«
Ich bin voll in meinem Element.
»Aber man muss echt aufpassen, der Kickstarter schlägt echt brutal zurück«, tönte es von woandersher. Es ging um alles Mögliche. Es ging auch um »Die tödliche Dorisk«, ob sie sich nun endlich auflöst oder nicht. Ich fragte nach. Eine Künstlergruppe. Okay.
Jemand legte eine neue Kassette ein und drehte voll auf. Aus der Stereoanlage brüllte Nina Hagen: »Warum soll ich meine
Pflicht als Frau erfüllen? Für dich nicht. Für mich nicht. Ich hab keine Pflicht!« Es wurde wild getanzt und mitgegrölt, besonders laut bei »Unbeschreiblich weiblich, WEIBLICH!«. Ich ruckte und zuckte und machte große Sprünge Richtung Decke und dachte nicht mehr an den NDR und nicht an die Rassehunde, nicht an die Enttäuschung und nicht an meine Zukunft.
Später hingen wir erschöpft in den Sesseln, ein paar lagen auf dem Fußboden herum, auch das Stockbett war belegt, draußen tobten Straßenschlachten, es war zwei Uhr nachts, es roch nach Feuer, und es gab viel, viel Toastbrot mit Nutella. Ich traute mich nicht einzuschlafen, um nichts zu verpassen. Ich war auf einer fremden Insel, in einer Zone des Gefährlichen, Verwerflichen, Rauschhaften. Ich hatte mich hineinziehen lassen und die Kontrolle verloren. Aber morgen würde alles vorbei sein, und ich hätte in Kiel einiges zu erzählen. Ich sah Gabriele, wie sie mit ihrer Zigarette Luftschlösser in die Schummrigkeit malte. »Morgen machen wir dann weiter«, sagte Gabriele und ließ die Zigarette zu den vielen anderen auf den Boden fallen, wo die Glut sehr langsam immer weniger wurde.
»Womit?«, fragte ich.
Am Ende sah ich nur noch einen winzigen Funken und schlief ein.
Ich bekam nichts mehr mit von den Krawallen, die in dieser Nacht apokalyptische Züge annahmen. Das nach drei Seiten von der Berliner Mauer eingeschlossene Kreuzberg wurde buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Der Bolle-Supermarkt, den wir vorhin noch ausgeraubt hatten, brannte bis auf die Grundmauern nieder. Es brannte am Heinrichplatz, am Moritzplatz, am Kottbusser Tor. Kein einziges Auto blieb heil in diesem Bermudadreieck. Die Oranienstraße sah am nächsten Morgen aus wie ein Trümmerfeld, alle Scheiben zerschlagen, vierunddreißig Geschäfte waren geplündert und zum Teil in Brand gesteckt worden, die U-Bahn-Station Görlitzer Bahnhof verwüstet. Die U-Bahn fuhr nicht mehr, weil die Stromkabel verbrannt waren. Es gab mehr als vierhundert Verletzte.
Eine gigantische Entladung hatte stattgefunden, die schon kurze Zeit später in den Zeitungen als »Geburt eines Mythos« bezeichnet wurde. Ein Moment des Übergangs, sinnbildlich festgehalten in einem Schnappschuss, auf dem alle abgebildet sind, die irgendwie beteiligt waren. Ich bin auch auf dem Foto. Zufälligerweise. Und dann auch noch mit dieser bekloppten Frisur. Dieser 1. Mai wurde zu einem verbindenden Element zwischen Kreuzberg und mir. Und das veränderte mein Leben.
