Monika Wrzosek-Müller
Meister und Margarita, der Film
Schon wieder blühen die Korn- und Mohnblumen, die Felder, Wiesen und Wälder leuchten in allen Grüntönen, das Gelb der Rapsfelder ist fast verschwunden. Soweit das Auge reicht, herrscht majestätische Ruhe. Nur die Vögel zwitschern und die Störche sitzen in ihren Nestern, ziehen ihre Kleinen auf; auf fast jedem Schornstein oder Mast ein Storchenpaar. Der Himmel zieht sich aber öfters zu, es kommen dicke Wolken und manchmal plötzliche Gewitter mit Platzregen über das weite Land. Unten bleibt die Welt von Konflikten, Kämpfen, Habgier und Hass beherrscht. Vieles könnte man lösen, zumindest verbessern. Bleibt uns der Schwung, die Kraft für diese Anstrengung erhalten?
Wir sind doch in den Film in das „richtige“ Kino gegangen und haben uns Der Meister und Margarita nach dem Roman von Bulgakov angesehen. Ich erinnere mich, wie meine Freunde und ich in den 70er Jahren das Buch unter dem Tisch oder unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe gelesen haben. Es hatte bei uns Kultstatus und jeder, der was auf sich hielt, wollte den Roman lesen. Er galt als zum Teil autobiografisches Werk Bulgakovs, der 1930 an die Regierung der UdSSR schrieb „Ich bin vernichtet“ und um eine Ausreisegenehmigung für sich und seine Frau bat, die ihm jedoch verwehrt wurde.
Ehrlich gesagt, habe ich damals nicht viel verstanden; in Erinnerung blieb mir die Margarita, auf einem Besen über Moskau fliegend. Die Romanhandlung ist sehr verwoben, verflochten, sie spielt auf so vielen Ebenen und hat so viele Stränge, Fäden, Helden, dass ich verloren war. Ein russischer Film jetzt, ich hatte etwas Gewissensbisse, ihn überhaupt anzuschauen, aber die Handlung und das Thema des Romans sind so eindeutig antiautoritär, so klar gegen Herrschaftssysteme ausgerichtet, die Menschen unterdrücken, dass ich meine Bedenken fallen ließ.
Der Meister und Margarita, 2023, Fantasy/Drama, 2h37. Regie führte Michael Lockshin, Produktionsland war Russland; die Drehorte: Moskau, Petersburg, Kroatien; Produktion: Ruben Dischdischjan, Leonard Blavatnik. Sowohl die Produzenten als auch der Regisseur leben in den USA bzw. Großbritannien und haben sehr illustre Lebensläufe vorzuweisen. Leonard Blavatnik, einer der reichsten Menschen der Welt, bezeichnet sich inzwischen als Kunstmäzen und Philanthrop, besitzt einige Filmstudios, Theater, Galerien auch die Warner Musik Group gehört ihm – ganz zu schweigen von aberwitzig teuren Immobilien in London, New York und wo auch immer, und natürlich von seinen Firmen, die buchstäblich mit allem Geld und Geschäfte machen; er wurde sogar von der englischen Königin Elisabeth zum Ritter geschlagen. Die Schauspieler leben eher in Russland: Julia Viktorovna Sniger und ihr Partner Evgenij Tsyganov, sehr bekannt und wunderbar anzusehen, ein deutscher Schauspieler August Diehl, die übrigen Schauspieler sind alle Russen. Wir müssen auch festhalten, dass der Film vor dem russischen Überfall auf die Ukraine fertiggestellt wurde, eigentlich schon 2021. Es gab danach aber viele Probleme mit dem Kinostart; der Filmverleih Universal Pictures zog sich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 zurück. Zum Glück kam der Film vor einem Jahr dann aber doch in die russischen Kinos und spielte gleich in der ersten Woche über 2 Milliarden Rubel ein, er gilt als einer der kommerziell erfolgreichsten Filme in Russland. So kann man vielleicht hoffen, dass sich in Russland etwas regt. Zwar wurde der Regisseur umgehend als Volksfeind beschimpft, aber die Aktualität des Filmgeschehens im Blick auf die russische Realität nach dem Angriff auf die Ukraine hat alles übertroffen. Manchmal eben entzünden so kleine kulturellen Ereignisse ein Feuer in der Gesellschaft; wie war das mit der Aufführung von Dziady von Kazimierz Dejmek im Nationaltheater in Warschau; die Proteste gegen das Verbot weiterer Aufführungen führten, soweit ich mich erinnern kann, letztendlich zur Studentenrevolte von ´68 in Polen.
Der Film wurde sehr aufwendig an Originalschauplätzen und mit unheimlichen Spezialeffekten gedreht, die nicht übertrieben wirken, sondern das Groteske und Absurde der Situationen unterstreichen. Für mich gibt er die Stimmung, die Seele des Romans wieder. Ein gefeierter Schriftsteller, Dramatiker erfährt, dass sein Stück über Pontius Pilatus abgesetzt wird und er selbst kurz darauf aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wird. Die Szenen aus dem Verband sind großartig überzeichnet, zeigen mit beißender Satire, wie die Unterdrückung der Künstler funktioniert, wie abhängig sie vom staatlichen Apparat sind, wie schnell man dann in die Mühlen der stalinistischen Kulturpolitik gerät. Erstaunlicher Weise hilft dem von nun an mittellosem Künstler ein Mann, sehr eindringlich von dem deutschen Schauspieler August Diehl gespielt, der sich mit schwarzer Magie beschäftigt und eine Personifizierung des Teufels/Mephistos ist. Er tritt mit seiner Truppe und einer großen Katze in einem Varieté-Theater auf. Die Figur spielt eine wichtige Rolle, die riesige, dicke und fantastische Katze von Voland, die sich wie ein Mensch verhält und ihn immer begleitet. Irgendwann fällt auch das ironische Zitat: „Man weiß nicht, warum alle die Katzen duzen, obwohl wahrlich keine Katze mit jemanden Bruderschaft getrunken habe.“ Voland gefragt: „Nun gut, wer bist du denn? Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Die Anspielungen an Goethes Faust sind offensichtlich. Noch bevor der Schriftsteller in die psychiatrische Klinik eingewiesen wird, lernt er eine wunderschöne Frau kennen – Margarete, die zwar mit einem höheren Beamten verheiratet ist, aber sich augenblicklich in den Künstler verliebt. Sie begleitet und unterstützt den schikanierten Künstler überall hin, schließt sogar einen Pakt mit Mephisto, um ihren Geliebten zu rächen. Die Szenen in der wuchtigen, weißen aber düsteren Klinik, wo der Schriftsteller-Meister mit anderen festgehalten wird sind herrlich. Auch hier wird deutlich, dass die Mehrheit der Insassen einfach Gegner der stalinistischen Paranoia ist.
Voland-Mephisto rächt den Künstler in Moskau an dessen Peinigern. Das Panorama dieses futuristischen, fantastischen Moskau ist beeindruckend; es wird immer exzentrischer, immer mehr Fantasy Elemente treten ein; doch der Kern der Aussage, sowohl die des Films als auch die des Romans, bleibt immer gleich, der Kampf mit dem stalinistischen System. Zwar wird kein happy End für das Paar, den Meister und Margarita, angeboten; sie entkommen irgendwie ins Jenseits. Der Film endet in einer orgiastischen Feier, bei der Margareta als Hausherrin fungiert.
Die Geschichte der Verfilmungen des Romans ist lang. In Polen drehte Andrzej Wajda schon 1971 den Film Pilatus und andere; 1972 kam die Adaptation von Aleksandar Petrovic, 1994 die von Juri Kara. 2005 gab es eine zehnteilige Fernsehserie für das russische Fernsehen unter der Regie von Vladimir Bortko. Oft wurde die Handlung, manchmal in Ausschnitten, auf Theaterbühnen aufgeführt, auch in Deutschland. In Polen steht der Roman heute als Pflichtlektüre für die dritte Klasse des Gymnasiums auf dem Programm.
Draußen blühen dieses Jahr die Akazien ungeheuer prächtig, fast gleichzeitig mit den Linden. Den Duft spürt man überall. Nach den letzten Regengüssen ist die Sonne herausgekommen und sie scheint auf das unendliche Grün. Israel hat gerade einen Krieg gegen den Iran begonnen. Die Zukunft ist wieder einmal völlig unsicher.

Monika Wrzosek-Müller schick den polnischsprechenden Lesern noch so ein Kommentar: https://youtu.be/rYVAFuXGyGg?si=N6SQ_Nl73NpWX3sZ