Meine Kriege. Geschichte.

Heute jährt sich zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Aus diesem Anlass werde ich hier in der nächsten Woche oder gar in den nächsten zehn Tagen Beiträge über den Krieg veröffentlichen. Ich lade die Leser ein, weitere Texte einzureichen.

Ewa Maria Slaska

Ich wurde kurz nach dem Krieg geboren. Mein Kindheitskrieg habe ich schon im Bauch meiner Mutter bekommen. In meinen Träumen sah ich die Straßen wo die Häuser brannten. Meine Mutter und ich liefen unter den Flammen. Ich war immer nur mit meiner Mutter.

Als kleines Kind habe ich Todesangst vor dem Krieg, dem, der vorbei war und dem, der kommen wird. Ich hatte Angst. Um mich herum alles behauptete, dieser Krieg stehe kurz bevor oder käme wieder und die Deutschen würden uns wieder töten.

Ich wusste nichts über das besondere Problem, während des Krieges Jude zu sein, noch darüber, dass die Polen sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Sowjets kämpften. Der Krieg waren die Deutschen. Deutsche gegen Polen.

Als ich zur Schule ging, hatte der Krieg sein Gesicht verändert, jetzt war er ein Produkt von Propaganda. Er war jedoch von Menschen und für Menschen gemacht, die alle seine Grausamkeiten erlebt hatten. Während anderswo die Propaganda sich sehr von dem unterschied, was die einfachen Menschen dachten, war der Krieg eine gemeinsame Erfahrung aller Erwachsenen, und daher standen sich die Propaganda und die Familiengeschichte sehr nah.

Das Stoff, aus dem der Krieg konstruiert wurde, war der Film, es gab immer Soldaten, Flugzeuge, Bomben, Leichen, Flammen. Ein Alptraum.

Viel seltener wurde uns der Krieg durch die Erzählungen der Menschen nahe gebracht. Dies geschah nur in der Öffentlichkeit, denn in der Familie hat man geschwiegen. In die Schule kamen Leute, die uns erzählten, wie es während des Krieges war, meist – ehemalige Gefangene. Bei einem dieser Treffen hörte ich das erste Mal das Wort Konzentrationslager.

Als ich Gymnasiastin war, machten die Propagandafilme über den Krieg eher unmerklich eine Umwandlung durch und begannen zunächst, den Ruhm des polnischen Soldaten zu verkünden und wechselten dann vom Heldentum zum Humor.

Gegen Ende des Gymnasiums tauchte auch erstmals ein neues Gesicht des Krieges auf, der Krieg mit Sowjets, das von der Propaganda totgeschwiegen war. Wir haben es aus illegalen Publikationen erfahren.

Zu dem Krieg kam es aufgrund des deutsch-sowjetischen Pakts. Am 17. September 1939 marschierten sowjetische Truppen in Polen ein und besetzten die östlichen Gebiete des Landes, Gebiete, die Polen nie wieder zurückgewinnen würde. Dies bedeutete Liquidierung des polnischen Staates. Das Dritte Reich und die Sowjets begannen somit den Zweiten Weltkriegs.


1985 entdeckte ich, dass ich Jüdin bin. Niemand hat es mir gesagt, ich bin von selbst darauf gekommen wegen meiner Träume und Assoziationen. In den Träumen mussten meine Mutter und ich zu Fuß ins Vernichtungslager gehen. Wir kamen nie dort an, was der Realität entsprach, denn meine Mutter war weder im Ghetto noch im Lager. Aber die Gefahr, dorthin geschickt zu werden, lastete auf ihr so schwer, dass ich es geerbt habe.

Nach dem Krieg beschlossen die Überlebenden meiner Familie, dass sie keine Juden mehr werden, so wie sie bereits während des Krieges aufgehört hatten, Juden zu sein. Dies erwies sich als wirksamer Weg und ermöglichte ihnen das Überleben. Nach dem Krieg benutzten sie dieselben falschen Papiere, die sie schon während des Krieges benutzten, vernichteten alle Hinweise und Erinnerungsstücke und schwiegen. Immer und überall waren sie nur noch gläubige, katholische Polen. Doch auch ein enges Geflecht unwahrer Erzählungen wird irgendwo durchschlagen. Irgendwo in den Familiengeschichten gab es Widersprüche und Lücken, die mir das Familiengeheimnis eröffnet haben. Als ich nach 35 Jahren des Lebens in diesem Raster nach Deutschland ausgewandert bin, wachte ich eines Tages mit der Gewissheit, dass ich eine Jüdin bin.

Seitdem habe ich viele Jahre an meiner eigenen Geschichte sinniert. Endlich konstruierte ich meine Identität als in Deutschland lebende polnische Schriftstellerin jüdischer Abstammung. Dann begann ich zu fragen, wie meine Familie den Krieg erlebt und überlebt hat? Dreißig Jahre nachdem ich entdeckte, dass ich Jüdin bin, veröffentlichte ich ein Buch über meine jüdische Familie und ihr jüdischen Krieg. Man kann es in einem Satz zusammenfassen: Der Tod lauert überall und man muss ständig sein Ich verstecken. Schweigend. So haben sie den Krieg und den Kommunismus überlebt. Indem sie geschwiegen haben. Erst ich habe dieses Schweigen gebrochen.

Die lange Zeit des Friedens in Europa und das Ende des Kalten Krieges schufen die Illusion einer Welt ohne Krieg. Für immer. Die Kriege von damals spielten keine Rolle mehr, und es sollte auch in Zukunft keine geben. Es wurde durch die aktuelle Politik gerechtfertigt, die auch die schönste Sache der Welt zu sein schien. Wir, die Menschen, die Solidarność gemacht hatten, hatten gewonnen. Die Berliner Mauer fiel, das kommunistische System brach zusammen, der Ostblock verschwand, der Kalte Krieg endete, ein neuer Frühling der Völker begann.

Die Geschichte hörte auf zu existieren. Es gab nur noch die Gegenwart. Konflikte wurden diplomatisch gelöst. Kein Krieg! Es sollte uns für immer gut gehen.

Natürlich ging es uns nicht gut.

Es begann mit Putins Einmarsch auf der Krim im Jahr 2014. Sowjetische Truppen besetzten strategisch wichtige Punkte in Simferopol. Es fand ein manipuliertes Referendum statt und die Krim wurde „freiwillig“ Teil Russlands.

Wir Menschen aus dem ehemaligen Ostblock wissen, was der Krieg mit Russland bedeutet, wie wertlos solche Referenden sind und was das Wort „freiwillig“ bedeutet, oder die Information, dass die Bevölkerung eines Landes um Hilfe bat, oder dass die Ukraine die Krim aufgegeben hat, weil es ihr egal war.

Wir wissen, aber Deutsche wissen nicht, dass der Angriff auf die Krim der Beginn eines Krieges war, der bis heute andauert. Dann hat die Ukraine genauso freiwillig Donezk und Lugansk aufgegeben, und dann gab es eine Pause für andere Ereignisse, von denen wir nicht wissen, ob sie von Putin ausgelöst wurden oder ob er nur von ihnen profitiert hat. Sie überzogen die ganze Welt, schienen unkontrollierbar zu sein, destabilisierten alles und erleichterten es Putin, Verwirrung und Unsicherheit zu stiften. Und der Westen hat diese ganze Zeit über weiterhin nichts verstanden. Die Folgen dessen, was in diesen zehn Jahren geschah, sind bis heute spürbar. Das waren:

– Die Flüchtlingskrise von 2015, als plötzlich Millionen von Menschen aus armen Ländern des Globalen Südens nach Europa strömten. Es gab Hinweise darauf, dass jemand Kärtchen an sie verteilte, die es versprachen, dass wenn sie nach Deutschland kommen, wartet dort auf sie ein Job, ein Auto und ein Haus. Die Tatsache, dass Angela Merkel beschloss, die Flüchtlinge aufzunehmen, beendete die Krise nicht. Als der Fluchtweg über Griechenland und Italien versperrt wurde, begannen Fluggesellschaften ahnungslose Flüchtlinge nach Weißrussland zu bringen, von wo aus sie an die polnische Grenze gebracht wurden und werden.

– Schulklimastreiks 2018 – 2019. Greta Thunberg initiierte Fridays for Future, die zusammen mit der Last Generation bewiesen, dass wir in einer permanenten Klimakatastrophe leben. Scheinbar war es zu spät und wir sind kurz davor, wie die Dinosaurier vor 60 Millionen Jahren zu verhungern und zu verdursten. Schüler in 150 Ländern beteiligten sich an Streiks.

– Die Pandemie, die im Dezember 2019 ausbrach und eine dramatische Panik auslöste. Die Todes- und Krankheitswelle, der vielerorts Impfzwang und die Lockdowns zerrissen die sozialen Bindungen, legten die Wirtschaft lahm und stürzten die Gesellschaften in eine Dauerkrise.

– Brexit: Im Januar 2020, auf dem Höhepunkt der Pandemie, verließ das Vereinigte Königreich die EU.

Und am 24. Februar 2022 hatte Russland bereits aufgehört, so zu tun, als wolle es die Städte und Regionen zurückerobern, die darum baten, sondern zog mit aller Macht „das Seine zurückzuholen“. Damit begann der offizielle Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Und darüber hinaus

– Im Jahr 2023 gab es eine Explosion der Künstlichen Intelligenz

– In der Nacht des 7. Oktober 2023 fand der Angriff der Hamas auf Israel statt, bei dem 1200 Menschen getötet und 251 entführt wurden Dies leitete einen grausamen Krieg ein, in dem beide Seiten Völkermord begingen. Dieser Konflikt sollte gerade jetzt beendet sein, es ist jedoch immer noch nicht der Fall.
Kaum ein politischer Konflikt wird in Deutschland so kontrovers diskutiert wie die Frage des Krieges Israels mit der Hamas. Als am 7. Oktober der brutale Angriff der Hamas auf Israel stattfand, war die Weltöffentlichkeit empört und verurteilte diese terroristische Aktion. Als Israel jedoch sofort eine brutale Vergeltungsaktion einleitete und sich an die Zivilbevölkerung Gazas rächte, wandte sich die Welt mit gleicher Wucht gegen Israel. In Deutschland ist gesetzlich verankert, dass der deutsche Staat und alle seine Einwohner solidarisch mit Israel sind. Israel darf nicht kritisiert werden unter dem Vorwurf des Antisemitismus, der strafbar ist.

– Im November 2024 gewann Donald Trump die US-Wahl und am selben Abend löste der deutsche Bundeskanzler die deutsche Regierung auf; im Januar 2025 wurde Trump Präsident und Elon Musk beginnt seine unkontrollierte Herrschaft, indem er alles abschafft, was er will. Seit Februar zwingen Trump und Musk die Ukraine, einem Frieden zu ihren Bedingungen, d.h. zu Putins Bedingungen, zuzustimmen. Die „Friedensgespräche“ werden über die Köpfe der Ukrainer und Europas hinweg geführt. Und der einzige Mann mit Mut ist in diesem Konflikt der Ukraine Präsident Vladimir Zelensky Er hat Mut, den beiden Welt-Despoten zu trotzen. Slava Ukrainu, Gierojom chwala.

– Am 23. Februar 2025 hat die CDU die Bundestagswahl gewonnen und wird in einer Koalition mit der SPD regieren; die rechtsextreme und populistische AfD erhielt 20 % der Stimmen.


Die Haltung Deutschlands und der Deutschen gegenüber dem Antisemitismus ist ein Erbe des Zweiten Weltkriegs. Wegen der Ungeheuerlichkeit des Holocausts hat die deutsche Gesellschaft in bester Absicht beschlossen, dass sich die verbrecherische Verfolgung der Juden nie wiederholen darf. Aus dieser grandiosen Prämisse leitete man die mathematisch-politische Gleichung ab, dass Israel, der jüdische Staat, die Juden bedeutet und nicht kritisiert werden darf, selbst wenn er einen Völkermord begeht. Die brutale Ausrottung von Zivilisten als Strafe für Partisanenaktionen wurde während des Zweiten Weltkriegs in den von Deutschland besetzten Gebieten angewandt. Und siehe an! das moderne Deutschland distanziert sich von den Kriegsverbrechen seiner Vorfahren, stellt sich aber gerade deshalb auf die Seite der anderen Verbrecher.

Ukraine. Was sich in Deutschland seit dem Einmarsch Putins in die Ukraine abzeichnet, nennt man „deutschen Pazifismus“. Er vereint deutsche linke und rechte Ansichten zu einem harmonischen, in sich stimmigen Ganzen, das aus Feigheit, Faulheit, Heuchelei, Gier und Bequemlichkeit besteht. Aber mit guten Absichten!

Der linke deutsche Pazifismus hat seinen Ursprung in den Friedensbewegungen der 60er und 70er Jahre, als die junge Generation ihren Eltern zu Recht vorwarf, den Nationalsozialismus während des Kriegs zu unterstützen. Neue Parteien entstanden, aus denen die heutigen Grünen hervorgingen, alle jungen Leute marschierten, niemand studierte und die cultur cancel hatte bereits begonnen. Die Ostermärsche wurden in den 60er Jahren zu einer großen Tradition der neuen deutschen liberalen Gesellschaft. Es kristallisierte sich daraus nicht nur der deutsche Antisemitismus, sondern auch der deutsche Pazifismus heraus: Da Deutschland für die Verbrechen des Ersten und Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist, ist es den Deutschen eine Beteiligung an jedem kriegerischen Konflikt verboten. Nie wieder darf in Deutschland ein Krieg geboren werden. Im Laufe der Zeit bedeutete diese schöne Parole auch, dass sich deutsche Soldaten nicht an bewaffneten Konflikten auf der ganzen Welt beteiligen dürfen und dass Deutschland weder Waffen noch Geld an ein Land liefern darf, das sich im Krieg befindet. Deutschland! Deutsche Firmen schon! Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen gerechten Krieg handelte. Ein Krieg ist ein Krieg, und Deutschland will „den Frieden gewinnen, nicht den Krieg“. Der Pazifismus ist sakrosankt. Ab Februar 2022 bedeutete dies, dass die Ukraine nicht kämpfen sollte, sondern Putin demütig übergeben, was er genommen hatte. So wie die Ukraine selbst nach 2014 die Krim, Lugansk und Donezk an den Aggressor abgegeben hat.

Unterdessen wurde der bemerkenswert nützliche Begriff „Pazifismus“ von den deutschen Konservativen aufgegriffen. Sie waren wie die Liberalen der Meinung, dass die Ukraine sofort aufhören sollte zu kämpfen, da eine Fortsetzung einen europäischen Konflikt und damit den Dritten Weltkrieg auslösen würde. Damit verbunden war jedoch das Gefühl, dass die Ukraine weit weg und jedem im Westen Wurscht war. Man kümmerte sich nur darum, dass wenn der Krieg Deutschland einzieht, würden die Deutschen das verlieren, was sie inzwischen erworben haben: Wohlstand und Komfort.

Außerdem begannen viele Linke, sich dem konservativen Pazifismus anzuschließen, weil sie ihr eigenen Wohlstand verdient oder geerbt hatten. Sie brauchten nicht einmal ihre Rhetorik zu ändern. Wohlhabende Linke schwärmen weiterhin davon, dass es nie wieder Krieg geben wird. Und dass sie damit etwas anderes meinen als früher? Nun ja …

Angesichts des Pazifismus der Linken und der Rechten erwies sich Olaf Scholz als unfähig zu einem kohärenten politischen Denken, ohne jegliche Ehre.

Dazu hat er genauso wie seine Vorgänger Schröder und Merkel sich dafür verantwortlich gemacht, die deutsche Wirtschaft zu zerstören, sie in die Hände von Putin und China zu legen und Deutschland seiner Verteidigungsfähigkeit zu berauben.

Hinzu kommt schließlich die verständliche Abneigung des einfachen Menschen gegen Kampf, Schmerz, Verlust von Gesundheit und Leben. Gegen den Krieg halt. Stell dir vor, der Krieg ist da und niemand wird hingehen. Wie der Antisemitismus und Pazifismus auch diese Slogane ethisch gemeint war und sich in eigenen Gegensatz umwandelte. Die deutsche Erzählweise ist ansteckend. Als Europa angesichts von Trumps Initiative böses Erwachen erlebte und beschloss, doch noch „etwas zu tun“, wurde deutlich, dass es keinen Anführer für harte Zeiten und keinen Plan gab, der über die Aufrechterhaltung des eigenen Wohlstands hinausging. Und so wie es niemandem gelungen ist, Putin die Stirn zu bieten, bietet auch Trump niemand die Stirn. Kein Wunder, dass beide Herrscher Europa aus den Friedensverhandlungen heraushalten, mehr noch, dass beide damit drohen, Europa für das zu bestrafen, was es in den letzten zehn Jahren getan und nicht getan hat. Nur Vladimir Zelensky. Gott sei es Dank. Seine Streit mit Trump in Weißen Haus letzter Woche hat Europa geweckt. Ob es wirkt, wissen wir noch nicht. Die Zeit wird es zeigen. Aber jetzt wissen wir mindestens das eine: Der Krieg ist überall um uns herum, nur dass wir Glück haben, weil auf uns noch keine Bomben fallen.

Noch.

Berlin, März 2025

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