Frauenblick auf dies und das, zum Beispiel Ballett

Monika Wrzosek-Müller

Ballettaufführung von William Forsythe

Die gestrige Aufführung in der Deutschen Oper hat mich wirklich entschädigt für den martialischen Empfang an der deutsch-polnischen Grenze – durch eine junge deutsche Polizistin mit einer Maschinenpistole, in voller Rüstung. Da war auch ein Artikel von Konrad Schuller in der FAZ am Sonntag aus Anlass des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz, der mich besänftigt hat. Alles letztens Anlässe, die zusammenwirken und sich verbinden und doch leider den Himmel über uns verdunkeln.

Wirklich schade, dass das Mädchen an der Grenze sich offensichtlich nicht bewusst war, welchen Eindruck sie in diesem Aufzug auf Polen zu diesem Jahrestag hinterlässt; sie war sich wahrscheinlich dessen nicht bewusst, weil sie in der Schule zu wenig über die Staaten Ostmitteleuropas gelernt hat, die zwischen Russland und Deutschland liegen, und über deren Leiden durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Diese Staaten existieren für sie wahrscheinlich gar nicht, daher die Arroganz und Empathielosigkeit auch gegenüber der Ukraine.

Doch ich wurde entschädigt mit der Ballettaufführung von William Forsythe: Approximate Sonata 2016, One Flat Thing reproduced, Blake Work; drei Stücke, die, so lese ich, inzwischen Klassiker im modernen Ballett geworden sind. Wirklich Meilensteine für die Verständigung über modernes Ballett. Da hat – für mich – der Tanz die Gabe, die Fähigkeit, Wissen und Gefühle auszudrücken, die man nicht mal in Worte fassen kann. Da entstehen Assoziationen, die man so sprachlich nicht vermitteln kann. Forsythe schuf die bildhaft-sinnliche Sprache der Bewegung, des Tanzes außerhalb von allen klassischen Ballettschulen, doch mich hat vor allem die Ironie, Präzision und Perfektion dieser Aufführungen begeistert. Das Überschreiten von Grenzen, frei für alle Möglichkeiten des Körperlichen; alles scheint möglich zu sein, sogar das Unmögliche. Natürlich braucht man da auch entsprechend agierende Tänzer und die sah ich vor mir. Dabei habe ich erfahren, dass Weronika Frodyma, eine Polin, gerade zur Primaballerina des Staatsballetts in Berlin befördert wurde. Nicht dass sie dabei war, aber welche körperlichen, psychischen Fähigkeiten man als Solotänzerin besitzen muss, kann ich mir kaum vorstellen; das Niveau ist grandios.

William Forsythe stammt zwar aus Amerika, hat aber seine größten Erfolge als Ballettdirektor an der Oper Frankfurter/Main gefeiert, dort etablierte er auch The Forsythe Company. Als Choreograf hat er das moderne Ballett weiterentwickelt, befreit aus dem Korsett der Vorgaben des klassischen Balletts, spielte mit allen nationalen Ballettschulen, vornehmlich mit der französischen.

So eben das erste Stück, das ich gestern gesehen habe: Approximate Sonata 2016 besteht aus einer Reihe von Pas de deux aber auch Pas de Trois – es ist ein Wechselspiel, ein aufeinander zugehen, sich verwehren ein Spiel mit Zuneigung, Abneigung; die Tänzer agieren für den Zuschauer auf performative Weise, sie brechen die Regeln und benutzen sie aber auch, setzten sich darüber hinweg, erkunden das Mögliche und das Unmögliche. Sie können mit ihrem Körper wirklich alles ausdrücken. Dabei ist das Bühnenbild äußerst sparsam, fast spartanisch, Akzente werden eher mit Licht, durch die Beleuchtung gesetzt. Der zweite Teil gefiel mir vielleicht weniger, der Tanz mit den Tischen – was ist oben, was ist unten, was sehen wir, was bleibt im Dunkeln. Doch es war auch grenzöffnend gegenüber alten Ballettstrukturen. Mich erinnerte es an etwas Maschinenhaftes und Kombiniertes, nicht synchron, obwohl Elemente davon auch da waren.

Erst das dritte Stück Blake Works (nach der Pause) spielte dezent mit der blauen Farbe der Kostüme, aber wieder äußerst sparsam. Da ließ wohl auch am stärksten die Ähnlichkeit zum klassischen Ballett erkennen; sie tanzten in größeren Gruppen, bewegten sich im Takt der Musik. Doch für mich ironisierte der Choreograf das klassische Ballett, führte einen Dialog mit der alten französischen Schule des klassischen Balletts, bricht sie auf, führt kleine neue Elemente ein, die sich den alten, verkrusteten Vorgaben verweigern. Das alles fein und sehr behutsam, ohne etwas zu zerstören, eher weiterführend. Ich fragte mich: Was spüren die Tänzer, wenn sie diese Art von Ballett tanzen und dann doch wieder zum klassischen Ballett zurückkehren, ist das möglich und was macht das mit ihnen? Fühlen sie sich freier, oder lernen sie neue Ausdrucksformen, die sie wieder in andere Schranken weisen? Ich persönlich spürte manche Bewegungsabläufe wirklich körperlich bei mir, sie waren so entwaffnend perfekt und öffnend. Auf jeden Fall ein magischer Abend.

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