Monika Wrzosek-Müller
Tropische Wälder
Wie sich Lebenswege kreuzen, verknüpfen, verbinden, abrunden… Kaum eine Geschichte kommt aus dem Nichts, irgendwo, oft tief in der Vergangenheit, hat sie ihren Ursprung. Manchmal erst im Nachhinein werden die Linien, die Verbindungen sichtbar. Es passiert mir immer wieder, dass sich ein Kreis plötzlich schließt und manchmal öffnet sich aber der Blick etwas weiter oder richtet sich auf etwas Anderes, auf jeden Fall taucht man für ein Moment in die Vergangenheit ein.
Wir fahren mit der S-Bahn, es ist ziemlich voll und wir sind eine größere Gruppe älterer Menschen. Auf den frei gewordenen Plätzen rücken wir dann zusammen, damit alle einen Sitzplatz bekommen. Ich sitze neben Astrid, mit der ich eigentlich nie länger gesprochen habe, obwohl wir schon seit einiger Zeit einen Literaturkreis bilden. Gut also, wir haben uns über Bücher, den nächsten Termin des Literaturkreises ausgetauscht, eben über unsere Lektüren und manchmal kurz über unsere Urlaubspläne und Reisen. Wir sind alle Rentner, verfügen über genug Zeit für eigene Projekte, die manche unheimlich ernst, die anderen nur mit zugedrücktem Auge wahrnehmen. Oft bleibt das ewige Thema unsere Wohnanlage und die unmögliche Hausverwaltung. Ich erfahre jetzt aber auch nebenbei, dass die beiden Schwestern im Winter für zwei Monate nach Afrika verschwinden wollen, und bewundere insgeheim ihren Mut. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Land handelt, das sie schon kennen und schon früher dahingeflogen sind. Wir plaudern darüber ungezwungen, vor allem über die weiten und langdauernden Flüge und eben über die Horrorsitzstunden in Flugzeugen und die Verspätungen und ob wir uns das noch antun sollen und wollen.
Da erzähle ich von einer Freundin von mir, die schon seit Langem im Mittelamerika wohnt und mich dorthin immer wieder einlädt. Doch ich hätte eben Angst vor der Fliegerei, sonst würde ich sie sehr gerne besuchen. Ich füge auch hinzu, dass sie mir schon die Flugroute vorgeschlagen hat, über Amsterdam/Schiphol und dann Miami, leider zum Schluss mit einer kleinen Maschine in eine auch kleine Stadt in einem sehr kleinen Land. Astrid runzelt die Stirn, schaut mich nachdenklich an und erwidert, sie wäre ähnliche Route, allerdings via Madrid, vor Jahren auch auf Einladung einer Bekannten geflogen. Sie wäre dann an Ort und Stelle wirklich länger geblieben, weil sich die Fliegerei sonst eben nicht lohnen würde. Es war schon alles sehr abenteuerlich, die Bekannte hätte sie dann mit einem Pick-up abgeholt und sie mussten noch einige Stunden auf Landwegen bis zum Ziel fahren. Sie wohne fast im Urwald, am Rande von einem Dschungel. Da rutscht mir der Name meiner Freundin raus: Sigrid, heißt sie nicht zufällig Sigrid? Da höre ich schon ihren Nachnamen laut von Astrid ausgesprochen, ich bin aber so baff, dass ich in dem Moment immer noch nicht begreife, dass es sich um dieselbe Person handelt.
Wir schauen uns beide total überrascht und verwundert an; nun beginnen wir von dem Lehmhaus, dem Schwimmbad, der Bananenplantage durcheinander zu erzählen. Ich kenne das alles nur von Fotos, Astrid war dort; ihr Aufenthalt liegt schon Jahre zurück, doch an der Umgebung und den Zuständen da hat sich offensichtlich nicht viel geändert. Ich erzähle ihr von meiner Bewunderung für die dortige Vegetation, für Sigrids lange Wanderungen im Dschungel, für die Farbenpracht und die wunderschönen bunten Vögel und die Tierwelt, vor der ich vielleicht Angst hätte – das alles kenne ich von Fotos und habe Sigrid immer bewundert. Allerdings auch, dass Sigrid da am Rand des Urwalds lebt, mit einem Hund, einem Pick-up, einer Hängematte, aber ansonsten, und das bekomme ich bestätigt, eher alleine. Astrid meint, wahrscheinlich hätte sich da auch jetzt vieles verändert, sie hätte kaum Kontakt mehr zu ihr. Auf den Fotos scheint Sigrids Welt ein immerwährendes Paradies mit Sonne, Wärme, üppigen Grün, überall blühenden Blumen, Pflanzen, Baumarten, die ich nicht kenne, sogar die Eichhörnchen sehen anders aus. Natürlich zieht mich das alles magisch an, wie früher auch Indien, die Exotik und die Farbenpracht, die Weite einer unbekannten Welt, das Versprechen von etwas Neuem, Unbekannten…
Eine Weile schweigen wir und dann kommen geballt auch die Fragen, wie wir uns denn damals jeweils kennengelernt haben. Es stellt sich heraus, dass, nachdem ich nach Italien gegangen war und wir uns aus den Augen verloren hatten, Sigrid bei einer anderen Organisation als die Volkshochschule, wo wir beide zusammengearbeitet hatten, Deutschkurse für Ausländer gab – und da haben sich Astrid und sie eben kennengelernt. Irgendwann ist Sigrid nach Westdeutschland gegangen, hat West-Berlin den Rücken gekehrt. Wir haben uns beide später wieder durch WhatsApp gefunden und seitdem sind wir in ständigem Kontakt. Inzwischen ist unsere Gruppe bei unserer S-Bahnstation angekommen, wo wir aussteigen. Wir beschließen, zusammen ein Foto zu machen und es Sigrid zu schicken.
Ich sitze in unserem Kreis dann ziemlich schweigsam, denke an Sigrid und meine ersten Jahre in Berlin nach; wie viele solche schicksalhaften Zufälle mir wohl noch passieren werden, denke ich. Inzwischen ist ihre Zahl deutlich angewachsen und jedes Mal, kann ich es nicht fassen, dass mir so etwas passiert, die Vergangenheit holt mich buchstäblich ein.
Erstaunlich, Sigrid war wiederum gar nicht so sehr über das Foto überrascht, fragte nur kurz nach, ob wir uns auch bei Deutschkursen kennengelernt hätten, was ich verneinen musste.
Anmerkung der Administratorin: Sucht durch die Suchfunktion (rechts oben) die anderen Texte von Monika über ihre kleine große Welt – faszinierend.
