Zerschnittenes Leben

Michael G. Müller

„Zerschnittenes Leben“ (Życie przecięte) – so der Titel eines 2008 in Warschau erschienenen Buchs von Joanna Wiszniewicz, einer Sammlung von Interviews mit jüdischen Menschen in Polen, deren Leben vierzig Jahre zuvor, durch die antisemitische Kampagne des Gomulka-Regimes von 1968 radikal verändert worden war. Buchstäblich über Nacht verloren viele polnische Jüdinnen und Juden ihre Arbeit oder ihren Studienplatz, ihr soziales Umfeld; viele wurden zur Emigration gezwungen oder kamen der Marginalisierung durch freiwillige Auswanderung zuvor. Für viele ein ebenso unvorhersehbarer wie radikaler und nicht zu kittender Bruch der eigenen Biographie – zerschnittenes Leben.

Natürlich gab und gibt es sehr viel schlimmere kollektive Schicksale. Diese sind uns gegenwärtig – jedenfalls soweit sie, wie die Shoah, Bestandteil unseres Geschichtsbewusstseins bzw. institutionalisierter Erinnerungskultur geworden sind. Viel weniger gegenwärtig ist uns, wie auch die Brüche, die nicht in Massenvertreibungen oder in den Tod münden, als lebensgeschichtliche Katastrophen erfahren werden. So verstehen wir eben auch oft nicht wirklich, was es für Ukrainerinnen und Ukrainer bedeuten mag, nach der Flucht vor dem Krieg das eigene Leben neu entwerfen zu müssen.

Wir sprechen mit unserer ukrainischen Freundin – nennen wir sie Vera – über das, was sie hier in Deutschland Tag für Tag beschäftigt. Um ihr Leben und das ihrer Kinder muss sie jetzt nicht fürchten. Für das Nötigste ist vorerst gesorgt – Wohnung, Kita und Schule, Deutschkurse. An Arbeit allerdings ist wegen der Kinder erst einmal nicht zu denken; der tägliche Kleinkrieg mit Haushalt und Einkäufe, Behördengängen, komplizierten Reisen zu Kita, Schule und den Deutschkursen mit den immer noch nicht ganz vertrauten öffentlichen Verkehrsmitteln ist auch mehr als genug. Irgendwann sagt sie: „Ich bin jetzt 38 Jahre alt und ich weiß eigentlich nicht, was werden soll.“ Ja, der Krieg wird irgendwann enden, aber ihr altes Leben, zu dem sie in die Ukraine hätte zurückkehren wollen, gibt es nicht mehr: Die Ehe mit dem weiter in Kiev lebenden Vater ihrer Kinder steht nach mehr als zwei Jahren Trennung und unendlichen Streitigkeiten in Frage. Die Eltern und eine Schwester leben im russischen Besatzungsgebiet – unerreichbar, selbst wenn sie es wollte. Es gibt also kein Heim mehr, keine Familie, keine Arbeitsstelle, auf die sie zurückkehren könnte. Ihr altes bürgerliches Leben als arbeitender Mensch, geborgenes Familienmitglied, gut situierte Ehefrau und Mutter hat sich in Luft aufgelöst.

Bei uns ist oft davon die Rede, dass die Menschen sich in den verschiedenen Lebensphasen immer wieder neu erfinden müssten. Fein, aber eine neue Berufskarriere kann man eben nicht erfinden, wenn man alleine für zwei Kinder sorgen muss und die eigenen Berufsqualifikationen im fremden Land überhaupt nicht anerkannt werden, also letztlich nur der gelegentliche (schwarze) Putzjob bleibt. Man kann sich auch nicht eine neue Familie erfinden, so als ob die alte, die wirkliche mit ihren Bindungen nicht mehr existierte und einfach ersetzbar wäre. Und schon gar nicht kann man seine ursprüngliche Lebenswelt willkürlich gegen eine neue eintauschen, in der nichts von dem mehr gilt, was dem alten Leben Halt gegeben hat – nicht die Sprache, nicht die überkommenen Umgangsformen unter den Menschen, die emotionalen Codes, die vertrauten, für Sicherheit sorgenden Rituale.

Wenn das Leben zerschnitten ist, hilft die Weisheit vom Sich-neu-Erfinden-müssen nicht viel weiter. Es braucht Tag für Tag unendlich viel Kraft und Mut, am Leben zu bleiben, nicht in der Leere einfach zu erstarren, nicht aufzugeben. Irgendwie wird Vera das gelingen, so wie den meisten anderen auch. Aber was braucht es und wie lange wird es dauern, bis sie ein neues Weltvertrauen und neue Sicherheit entwickeln kann? Daran sollten wir manchmal denken, wenn wir auf die zu uns geflüchteten Menschen aus der Ukraine treffen – und wenn darüber laut nachgedacht wird, ob es nicht bald ein Ende haben muss mit unseren „Leistungen“ an die Ukraine und für die von dort Geflüchteten.

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