Frauenblick: Der Kulturpalast

Monika Wrzosek-Müller

Pałac Kultury i Nauki PKiN

Vor ein paar Tagen habe ich im Spiegel einen Artikel mit dem Titel „Ein Teufel von einem Turm“ gelesen. Er handelte von dem Warschauer Kulturpalast und davon, wie dieser Bau, ein Geschenk Stalins, von den Polen zuerst gehasst, dann aber zum Symbol einer selbstbewussten, modernen Stadt wurde; die Warschauer lieben ihn inzwischen und können sich ihre Stadt ohne den protzigen Kolos nicht mehr vorstellen.

Da habe ich selbst nachzudenken begonnen, wann ich den Kulturpalast bewusst zum ersten Mal wahrgenommen habe. Natürlich stand er für mich immer da, er hat mich mein Leben lang begleitet, gehörte sozusagen zu meiner Stadt; dass sie im Zweiten Weltkrieg so komplett zerstört wurde, habe ich eigentlich erst später richtig verstanden und wahrgenommen. Der Platz rundherum und die Dimensionen des Palasts waren für ein Kind unfassbar groß. Wir wohnten im sogenannten grünen Warschau; ins Zentrum zu gelangen, dorthin, wo der Kulturpalast steht, bedeutete, eine kleine Reise zu unternehmen. Meinen Eltern war der Kolos irgendwie auch nicht geheuer, man sprach nicht darüber. Erst Jahre später fuhr mein Vater mit seinem Enkel zum Schlittschuhlaufen am Kulturpalast; da gab es eine Kunsteisbahn. Leider war ich noch zu jung, um den legendären Auftritt der Rolling Stones 1967 zu erleben, war dann aber irgendwann später mit meiner Oma und meiner Tante in einer Aufführung des Jugendensembles Gawęda, hörte auch das Lied Grajmy w kolory [Wir spielen mit den Farben], war begeistert, auch eingeschüchtert von der Größe der Säle, der Korridore, des Foyers, der Ausstattung der Lifte, der riesigen Toiletten. Na eben alles war riesig, glänzte und blinkte, von den gläsernen Kandelabern bis zu den Messingklinken und den marmornen Fußböden. Später besuchte ich immer die Internationalen Buchmessen im Kulturpalast, aber auch die sehr gute, über mehrere Sälen sich erstreckende Buchhandlung. Nicht zu vergessen der Kongresssaal mit seinen Plüschsesseln, in dem immer das Jazz Jamboree eröffnet wurde oder endete und alle Berühmtheiten spielten. Irgendwann, schon im Gymnasium konnte ich dank unserem Sportlehrer das Schwimmbad, unten im Keller des Kulturpalasts, besuchen; einmal bin ich vom 10 Meter-Turm gesprungen. Die Schwimmhalle war wiederum riesig, mit marmornen Tribünen, das Becken 50 m lang und 4,80 m tief, enorm. So merke ich jetzt, dass sich alle meine Erinnerungen an den Kulturpalast gigantisch anfühlen; ja, der einzelne Mensch kam sich darin eher klein vor, nicht immer verloren aber auf jeden Fall unbedeutend.

Irgendwann besuchte ich auch die Theater, die dort ansässig waren: das Teatr Dramatyczny oder mein Theater Studio von Szajna; es waren diese Aufführungen, die mich damals gefesselt, auch meinen Geschmack geprägt haben. Die Arbeit mit Worten aber auch mit Pantomime, Mimik, Schatten, Gesten, spartanischem Bühnenbild. Das alles hinter den Kolonnaden, riesigen Türen; doch Józef Szajna konnte mit seinem Ensemble seine mutigen Vorstellungen schon damals realisieren, die wirklich weit von der grauen und tristen Wirklichkeit des sozialistischen Polen entfernt waren.

Interessant, wie der Bau sich von seiner Geschichte, den Erbauern und der Zeit, in der er entstanden ist, emanzipiert hat. Für meine Eltern existierte er als gewichtiges Symbol der Unterdrückung und der Zugehörigkeit zu den sowjetischen Ostblockstaaten. Es gibt Beschreibungen, in denen die Menschen ihn abscheulich und horrend fanden. Viele alte Grundeigentümer wurden enteignet, um auf dem riesigen Terrain, einem Trümmerfeld, bauen zu können. Die Beschreibungen aus dem Buch von Tadeusz Konwicki Die polnische Apokalypse (Mała apokalipsa) zeigen, wie bedrückend der Riese sein konnte, und doch prägte er, wie in Konwickis Roman, in dem der Hauptheld jeden Tag ihn aus dem Fenster sieht, den Alltag. Auch auf dem Cover des Buches war er zu sehen. Besonders in der Zeit des 1981 verhängten Kriegszustands empfand ich die Silhouette als bedrohlich, sie beherrschte die Umgebung, stach hervor. Von den Fenstern da oben konnte man alles beobachten, unter Kontrolle halten.

Zugleich bot der Kulturpalast mit seinen 3.288 Räumen, 44 Stockwerken und 31 geräuschlosen Aufzügen unheimlich viel Platz für alle möglichen Aktivitäten, war mit seiner Zuckerbäckerarchitektur immer etwas anderes, Besonderes. Nur die Aussichtsplattform zieht immer noch jedes Jahr Tausende von Touristen an und ich erinnere mich noch gut, dass ich auch meinen Sohn und seine Freundin gleich dahingeschleppt habe. Für mich war das selbstverständlich der beste Ausblick auf Warschau. Mein Sohn aber war durchaus eher an dem neuen Wolkenkratzer von Liebeskind interessiert und meinte, da wäre die Aussicht vielleicht noch besser.

Heutzutage ist er für mich und für ganz viele Polen nicht wegzudenken aus der originellen Skyline von Warschau. Doch es gab Momente, wo seine Existenz nicht ganz sicher war; sogar der heutige polnische Außenminister hat einmal gefordert, ihn abzureißen: „Warschau hat einen zentralen Park wie Hyde Park in London oder Central Park in New York verdient“. 2017 forderte die PiS Regierung den Abriss des Kolosses, als Befreiung vom Symbol der Unterdrückung; es scheiterte an den Kosten eines solchen Unternehmens. Im Laufe der Jahre haben die Polen bewiesen, dass sie über die Unterdrückung erhaben sein können. Die Mehrheit konnte und kann sich Warschau ohne Kulturpalast nicht mehr vorstellen. Es siegte der Pragmatismus und der Wille zum Erhalten; schon im Jahr 2000 wurde eine riesige Uhr (angeblich fast größte in Europa) auf der Turmspitze montiert (das Zifferblatt hat einen Durchmesser von 6,30 m). Viele wichtige Ereignisse finden weiterhin hier statt, immer noch gibt es den Palast der Jugend mit seinen Musik-, Sport- und Theaterkursen, auch die jährliche Buchmesse. Die Konzerte und Events in dem Kongresssaal gehören weiterhin zu den Highlights der Hauptstadt; zuletzt saßen da Hunderte von Menschen und verfolgten die Liveübertragung der Vereidigung des neuen Premierministers Donald Tusk. Die Fassade wurde immer wieder in verschiedenen Nationalfarben angestrahlt: den polnischen Rot und Weiß, aber auch den ukrainischen Gelb und Blau. Für viele Ukrainer wurde es zu einem Signal, dass sie schon in Sicherheit waren, und auch zum Fluchtort. Bei den Frauenprotesten gegen das Abtreibungsverbot erstrahlte ein roter Blitz als Symbol dieser Bewegung.

Bald wird das neue weiße Gebäude des Museums für Moderne Kunst auf dem Plac Defilad [Defileeplatz] direkt vor dem Kulturpalast eröffnet und das riesige Areal rundherum soll als Parkanlage den früheren enormen, ausbetonierten Parkplatz ablösen; alles gute Veränderungen für das Klima und für die Menschen.

Und doch manchmal verschwindet die Spitze in den Wolken, manchmal sammeln sich die Nebelschwaden um das Gebäude und es ist nicht mehr ganz deutlich zu sehen, was für ein Riese da eigentlich steht, und das ist auch gut so…

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