Aus der Reihe “Eine Buchseite auf der Strasse”

Ewa Maria Slaska

Treue Leser:Innen dieses Blogs wissen, dass ich immer ausgerissene Buchseiten auf der Strassen sammele und versuche, den Buchtitel zu finden, dann kaufe das Buch, lese es und darüber schreibe. Oft waren es sehr gute wertvolle Bücher und ich wunderte mich immer wieder, weshalb man solche Bücher nicht behalte, mehr noch, ihnen die Seiten ausreisst?

Für Weiteres siehe hier: https://ewamaria.blog/2024/06/04/eine-seite-die-ich-auf-der-strasse-gefunden-habe/

Diesmal aber war es ganz anders. Es lagen viele Seiten auf der Strasse und der Titel war sofort da, auf jeder Seite oben. Der Treck der Kinder.

Der Treck der Kinder (Allgemeine Reihe. Bastei Lübbe Taschenbücher) Taschenbuch – 1. Januar 1995

Der Fakestempel “Buchtip des Monats” und Prädikat “Ein wundervoller Roman” versprechen schon sehr viel. Dazu kommt, dass man den Autors Name auf den ersten Blick falsch liest. Aber natürlich ist der Thomas Eidson nicht Thomas Alva Edison, der Glühbirne-Erfinder und der Verlag ist bekannt als kaum besser als Harlequine. Also alles in allem das Buch verspricht wenig, aber ich komme aus Polen und dort lasen wir alle in den 50. und 60. eine zeitgenössische Jugendliteratur-Serie von Alfred Szklarski über einen Jungen Namens Tomasz (Tomek), ich glaubte also etwas entsprechendes auf Englisch / Deutsch gefunden zu haben.

Ich habe diese Bücher vor mehr als 60 Jahren gelesen und sie blieben mir im Gedächtnis als interessant. Klar, es ist demnächst nicht “meine Literatur” gewesen, sehr schnell habe ich schon was anderes gelesen, unglaublich schnell gar Marcel Proust (obwohl mir das niemand glaubt), aber generell sind mir die Tomek-Bücher nicht schlecht in der Erinnerung geblieben. Tomek war ein kluger und mutiger polnischer Junge, der aus jeder Falle heil auskamm und unglaublich viel erlebt hat. Also alles in allem waren es koloniale Bücher, geschrieben für eine Nation, die ihre gewisse koloniale Vergangenheit hatte und von einer kolonialen Zukunft träumte, aber man kann sagen – so waren die Zeiten. Ihre koloniale Jugendliteratur stellte jede weißhäutige Nation in ihrere eigener Sprache her und dies seit mindestens einen Jahrhundert. Im Franzosichen war es der Jules Verne, aber auch Comichefte über Tintin, auf Englisch Rudyard Kipling, in Deutschland selbstverständlich Karl May, auf Polnisch halt Alfred Szklarski. Er ist 1912 geboren und 1992 gestorben, gehörte also wesentlich späteren Generation, als seine Vorbilder, aber er ist aus dieser Sorte und wollte es sein.

Die „Tomki / kleine Thomase “, schreibt der Portal culture.pl, wie Szklarskis Romane in Polen liebevoll genannt wurden, brachten seinem Verlag (Śląsk / Silesia) viele Leser und eine Nachfrage nach hohen Auflagen. In den 60er bot der polnische Lesemarkt jungen Menschen vor allem langweilige sozialrealistische Literatur. Szklarski machte etwas ganz anderes. Seine Bücher haben den unheimlichen, würzigen Duft von fernen Dschungeln und Prärien, die Frische von Meeresbrisen und schneebedeckten Bergen, und seine Figuren sind so charmant, dass man sie schnell wie eigene Familie lieb gewinnt. Tomek ist ein Held ohne Furcht und Gewissensbisse, ein polnischer Indiana Jones, intelligent und menschlich, ein romantischer Eroberer neuen Typs, der die Weiten der Erde nicht aus Profitgier, sondern aus Wissensdurst erobert. Und sein Vater und Jan Smuga sind die wahren polnischen Intellektuellen der Vergangenheit, Männer von Ehre, echte Ritter.

Interessant, dass keine von uns wußte, dass Szklarskie ein Kolaborateur war, der während des 2. Weltkriegs fünf Jahre lang mit den deutschen Besatzer als Autor zusammengearbeitet hatte. Nach dem Krieg wurde ihm deswegen ein Prozess gemacht und er saß im kommunistischen Gefängnis, bis er 1953 durch die Amnestie nach Stalins Tod entlassen wurde. Von beiden Fakten gab es nie die Rede. Wir lasen die Bücher in vollkommener Unwissenheit und kein Erwachsener hat uns darüber informiert.

Wie machen die Leute so? Schämen sie sich nicht? Offensichtlich nicht.

Mein Strassenfund, das Buch von Eidson ist noch später geschrieben als die Bücher von Szklarski. Ich nehme erste belibige Seite in die Hand (Seite 249) und finde so grausame Beschreibung des Apachen-Mordlust, dass mir meine Leselust gänzlich entgeht.

Aber die Geschichte ist Edel. So schreibt Jemand auf Amazon darüber.

Juli 1858: Nat Swanson, ein fünfunddreißigigjähriger Rancher, der auf der Flucht ist, stößt in der Wüste von New Mexico auf eine Wagenburg, die von Apachen belagert wird. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Indianer dieses Treck bezwungen haben. Nat Swanson will schon weiterziehen, als er zwischen den Planwagen ein Frauengesicht erblickt. Zu seiner grenzenlosen Überraschung ist es eine Nonne. Auch wenn es aussichtslos erscheint, Nat muß ihr helfen. Mit seiner Armbrust, seinem Maultier und seinem namenlosen Hund kämpft er sich zu den Belagerten vor. Die Nonne heißt Schwester Agnes und wird von zwei Ordensschwestern begleitet. Ihre Mission scheint selbstmörderisch: Sie wollen sieben Kinder in Sicherheit bringen, denen die Sklaverei droht.

Thomas Eidson ist ein amerikanischer Autor, geboren 1944. Sein berühmtestes Buch war  The Last Ride, 2003 gefilmt von Ron Howard als The Missing. Er ist Autor von vier Büchern geschrieben im Western-Stil.

Also, wer will, soll das Buch lesen, scheint interessant zu sein. Ich verzichte drauf.

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