Frauenblick: Paul Auster

Monika Wrzosek-Müller

Mit Paul Austers Tod geht auch ein Stück der Bohemien-Welt von NY von uns. Für mich war er als Schriftsteller, neben Woody Allen, der Inbegriff des New Yorkers. Er gehörte in diese Stadt der Städte, war von ihr fasziniert, liebte sie; alle seine Romane spielen mehr oder minder dort. Er selbst, den ich nur von zahlreichen Fotos kannte, sah für mich sehr leidenschaftlich, sinnlich und interessant aus. E wurde immer als ein sehr angenehmer und höflicher Mensch beschrieben.

1947 in New Jersey geboren. Seine Eltern waren polnische Juden, sie kamen aus Stanisławów, damals einer polnischen Stadt, heute Iwano-Frankiwsk in der Ukraine. Es war eine Stadt der Sommerfrische für die Bürger, vielleicht die Elite Lembergs (Lviv); ich erinnere mich an ein Foto meiner Familie mütterlicherseits, die zahlreich am Schwimmbad neben einer Holzvilla in Stanisławów, im Stil des „Swidermajer“, steht oder sitzt; meine Mutter und ihre beiden Schwestern mit anderen Kindern in Badeanzügen. So ist er mir noch näher ans Herz gerückt – wie durch die anderen Tatsachen, wie z.B., dass er für Dostojewski und Kafka schwärmte und sie zu seinen Vorbildern zählte. Aber auch, dass er die Initiative Writers against Trump gründete; in einem Interview in Deutschland hat er gesagt: „Ich ertrage diesen Mann nicht. Er hat ein Vokabular von 16 Wörtern, sagt jeden Satz doppelt und jeder ist gelogen.“ Eigentlich wurde Auster in Europa, besonders in Frankreich und Deutschland viel mehr gelesen als in Amerika. Er war auch erst 1974 von seinen Studien und ausgedehnten Reisen und Aufenthalten in Europa nach Amerika, oder besser nach NY zurückgekehrt und arbeitete da gleich als Übersetzer, Drehbuchautor und Schriftsteller, eine Zeitlang unterrichtete er auch, doch nachdem er finanziell durch eine Erbschaft unabhängig geworden war, widmete er sich nur dem Schreiben.
Wir haben ihn von Anfang an gelesen, aus der New-York-Trilogie: Die Stadt aus Glas, auch die nachfolgenden Romane. Es waren untypische Kriminalromane, die sich eigentlich mehr mit den Problemen der menschlichen Identität beschäftigten als mit den Kriminalfällen. Irgendwann, schon später, als er berühmt und bekannt war, las ich den schrecklich dicken Roman 4321, fast 1300 Seiten. Es war ein wichtiges Werk für ihn: „Das Buch meines Lebens. Auf dieses Buch habe ich all die Jahre hingearbeitet. Jetzt habe ich´s getan. Aber ich weiß nicht, was ich davon halte. Ich bin nur froh, dass ich es getan habe.“ Mir ist besonders die Frage in Erinnerung geblieben, die vielleicht öfters in den jüdischen Familien gestellt wurde: was wäre wenn? Und die Macht des Zufalls wird erörtert, obwohl ich persönlich eher an eine zufällige Schicksalhaftigkeit glaube. Also der Held von 4321 durchlebt sein Leben in vier Varianten, am Anfang aber kommt sein Großvater in Ellis Island an und wird nach seinem Namen gefragt. Er antwortet dann müde und erschöpft von der langen Überfahrt auf Jiddisch, er kann ja auch kein Englisch: „Ich hob fargessen“. Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabad (Archibald) Ferguson. Von seinem Enkel Archie Ferguson handelt dann der Roman.
In der ersten Variante verliert er seinen Vater, in der zweiten erlebt er einen schweren Autounfall, in der dritten geht er seinen homosexuellen Neigungen nach und in der vierten wird er vom Blitz getroffen und stirbt. Ich erinnere mich, dass in allen Varianten Baseball und Basketball eine Rolle spielten, sowie unheimlich lange Sätze, ohne Punkt und Komma, die über mehrere Seiten gingen und den Gedankenverlauf wiedergeben sollten, doch zum Lesen sehr mühsam waren; und ich muss zugeben, dass ich irgendwann aufgegeben habe.
Er schrieb unermüdlich und bis zuletzt, noch im letzten Jahr (2023) ist sein neuer Roman Baumgartner erschienen; er beschäftigte sich mit einer für Amerika sehr wichtigen Frage, wie kommt es zu dieser Waffengewalt und den Amokläufen; er schrieb 2023 auch die Abhandlung Bloodbath Nation.
Erst jetzt, nach seinem Tod habe ich vom Tod seines Sohns und der Enkelin infolge von Drogenkonsum erfahren, dass muss ihn sehr belastet und tief getroffen haben; er war sehr gefühlsbetonter, empathischer Mensch.
Er war zweimal verheiratet, in der zweiten, langen Ehe mit der schönen und klugen Schriftstellerin Siri Hustvedt. Nach einer schrecklichen Krankheit, die mir auch meine beste Freundin genommen hat, dem Lungenkrebs, ist er am 30. April 2024 von uns gegangen.

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