Frauenblick auf die Schönheit

Monika Wrzosek-Müller

Kunstbetrachtungen in grauen Tagen

Die Tage sind eher unfreundlich, wir haben einen richtigen Winter; die Traktoren mit unzufriedenen Bauern rollen über die Straßen, auf den Gehwegen türmt sich der nicht geräumte Schnee. So habe ich angefangen, an schöne Dinge, an Schönheit zu denken und mir sind die letzte Ausstellung über Hayez in Turin und der Film über die Vermeer-Ausstellung eingefallen, und dann war ich letztens auch in dem Film über die Künstlerfamilie Giacometti. Ist euch aufgefallen, dass es im Kino immer mehr sehr gute Dokumentarfilme gibt (nur 2023: Joan Baez: I Am a Noise, Lagunaria, Anselm-Das Rauschen der Zeit, Heaven can wait etc…)? Was bedeutet das, was sagt das über uns aus, über unsere Zeit? Sehen wir uns gerne unsere glorreichen Storys an, Menschen mit großen Talenten – so als ob wir Angst hätten, unsere Zeit würde keine solchen Genies mehr hervorbringen, oder wollen ihnen gedenken?…

Ich habe also über die Schönheit sinniert und darüber, worum es eigentlich bei der Kunst geht? Darf man jetzt, in unseren Zeiten, ganz einfach über Schönheit in der Kunst schreiben, sprechen, nachdenken? Bringt uns Kunst Erleichterung, bedeutet sie auch Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, Momenten? Oder sorgt sie für das gute Gefühl, erhaben zu sein, über den Problemen zu stehen? Bestimmt geht es um tausend anderer Sachen und es gibt dazu auch genug theoretische Ausführungen, Begriffe und Meinungen. Ich merke nur an mir selbst, dass es mir guttut, mich der Schönheit, der Kunst zuzuwenden, wenn um mich herum dünne Luft herrscht, wenn ich bedrückt bin und nicht weiß wohin, wozu, warum? Also Kunst als Trostpflaster???

Noch komplizierter wird es, wenn man von der Schönheit der Frauen auf den Gemälden sprechen will; ohne im Kontext, ohne Kontextualisierung zu bleiben, ohne gleich Tausende von Begriffen zu bemühen und die Theorien dahinter? Wahrscheinlich gelingt es gar nicht, weil alles so komplex geworden ist und die Schönheit davon nicht unbelastet bleibt, gerade die Schönheit der Frauen. Andererseits ist es nicht so, dass sie, die Schönheit eben unser Leben entlastet, es lebenswerter, leichter macht, wir wachsen über den Alltag hinaus, sie beflügelt uns? Fragen über Fragen.

Die Ausstellung von Francesco Hayez – L´officina del pittore romantico. [Die Werkstatt des romantischen Malers] findet immer noch in der GAM [Galeria Arte Moderna] in Turin statt. Es war für mich ein Maler, den ich nicht kannte, allerdings musste ich einige Bilder in Venedig gesehen, sie aber damals nicht so richtig für mich registriert haben. Es handelt sich um einen Künstler, der hauptsächlich in Mailand und Venedig tätig war und aus der Schule der Romantiker stammte, allerdings erinnern mich seine Werke an die englischen Präraffaeliten, vielleicht an Botticelli, dann später an die Maler der Sezession (vor allem der Wiener Sezession). Seine Darstellungen der Frauen und Selbstbildnisse sind derart schön und vollkommen, dass ich völlig sprachlos vor den meistens großen Gemälden stand. Sie haben mich tief beeindruckt und verzaubert. Vor allem die von ihm porträtierten Frauen sind allesamt schön. Sie wirken auch sexy in unserem Verständnis, weil sie filigran, zart, leicht, elegant und, manchmal hatte ich den Eindruck, fast pornografisch wirken. Auf Italienisch schrieb jemand: „un cantore della belleza, dell´amore“. In der Ausstellung sah man auch seine Zeichnungen, seine Skizzen; er war einer der größten Porträtisten. Die Feinheit der Darstellung von Stoffen, von Ausschnitten der Landschaften, das wunderschöne Licht erinnert mich mehr an die italienische Renaissance. Es gibt aber auch ganz viel Präzision in dieser Malerei, die Frauen sind allesamt perfekt gebaut (viele Nacktszenen), das Aktzeichnen hat er auf die Spitze getrieben. Geübt hat er die Porträtkunst offensichtlich an sich selbst; es existieren unzählige Selbstporträts. Selbstporträt mit Tiger und Löwen, in einer Gruppe von Freunden, mit 57 Jahren, mit 69 Jahren und mit 88 Jahren. Er hatte ein großes Talent, die flüchtige Schönheit des Augenblicks im Gesicht festzuhalten und zu verewigen.

Er wird aber auch als politischer Maler beschrieben, der sich für das italienische Risorgimento engagierte, und er malte große allegorisch anmutende Werke. Schon zu seiner Zeit erlangte er großen Ruhm, war sehr angesehen und verkaufte seine Arbeiten gut, was für ihn, der aus einer ganz armen Familie stammte, wichtig war. Als Maler war er sehr produktiv, es existieren sehr viele Bilder von ihm.

Ganz anders der andere Maler, der mir in den Blick kam. Die große Ausstellung über Vermeer in Amsterdam ist vorbei. Doch der Film über die Ausstellung und somit über den Maler, „Vermeer – Reise ins Licht“, ist noch zu sehen. Mich interessieren vor allem wieder die Frauen, denn die malte er offensichtlich auch am liebsten. Von seinem eher schmalen Oeuvre sind nur vier Bilder nicht den Frauen gewidmet, d.h. in denen die Frauen nicht die Hauptrolle spielen. Sogar die Bildunterschriften seiner Genrebilder zeugen davon: Spitzenklöpplerin (sein kleinstes Bild), Mädchen mit Flöte, Junge Frau mit Wasserkanne, Das Mädchen mit dem Wein, Der Soldat und das lachende Mädchen, Mädchen mit rotem Hut, Herr und Dame beim Wein, Lautenspielerin am Fenster, Junge Dame mit Perlenhalsband, die Gitarrenspielerin, Frau mit Waage, Dienstmagd mit Milchkrug, Briefleserin am offenen Fenster, Briefleserin in Blau, und natürlich das Mädchen mit dem Perlenohrring. In alle diese meistens jungen Frauen kann man sich verlieben, sie sind mit solcher Präzision und Zuneigung gemalt. Er malte verschiedene Typen von Frauen aus oberen gesellschaftlichen Schichten, wir würden heute sagen aus der bürgerlich-städtischen Elite, aber auch Dienstmägde. Manchmal spielt auch das ambivalente Verhältnis zwischen der Dame (der Hausherrin) und der Dienstmagd eine Rolle. Sie sind aber alle elegant, schön, zurückhaltend mit Anmut, in der Stille und mit Konzentration führen sie meistens ihre Hausarbeiten aus, aber wir sehen sie auch bei ihren intellektuellen Beschäftigungen, briefeschreibend oder musizierend. Bei aller gedämpften und eher zurückhaltenden Atmosphäre der Bilder schimmern oft ihre Kleider in den wunderbarsten Farben, wir sehen ganz genau, was die Frauen dieser Zeit getragen haben mussten. Das sanfte Licht fällt meistens auf ihre Gesichter, sie sind voller Geheimnisse. Einerseits sind sie greifbar nah durch die fast fotografische Präzision der Darstellung und doch versonnen entrückt in ihrer Zurückhaltung. Es entsteht eine magische Atmosphäre, Anziehungskraft um sie herum, und je mehr wir sie betrachten, desto mehr entfernen sie sich von uns. Wunderbare Werke, die man stundenlang betrachten kann.

Der letzte Film „I Giacometti“ erzählt ausführlich die Geschichte der Künstlerfamilie Giacometti. Vieles habe ich nicht gewusst und vieles ist gut recherchiert; doch die wichtigste Erkenntnis aus diesem Film und vielleicht über diese Familie ist kurz und bündig: ohne den Familienzusammenhalt wären sie nicht das geworden, was sie waren – nämlich eigentlich allesamt künstlerisch erfolgreich. Beginnend mit dem Vater, der ein angesehener impressionistischer Landschaftsmaler im Schweizer Bergell war, dann Alberto, dem allseits bekannten Bildhauer, der seine erst einmal winzigen Figürchen schuf, die später größer, dafür aber ganz dünn und lang wurden. Sein Bruder Diego wurde für seine originellen Designobjekte bekannt und der kleinste Bruno als Architekt sehr anerkannt. Nur die Schwester Ottilia ist zu früh gestorben. Der Film ist sehr in der Landschaft, in ihrem Leben verortet, arbeitet auch mit alten Fotos, Filmaufnahmen, Zeitzeugeninterviews. Vielleicht etwas zu monoton, zu viele Details und zu wenig der Genialität der Skulpturen von Alberto. Doch das ist nur meine persönliche Sicht.

Leave a comment