Puccini – Il Trittico

Monika Wrzosek-Müller


Die letzten Tage waren wirklich alles andere als lichtvoll und optimistisch, auch wenn die Weihnachtsmärkte überall mit dampfendem Glühwein einladen. Noch wenn Schnee liegt, erscheint die Welt heller und sauberer, eben weiß, aber mit dem Dauerregen ist alles zwar gewaschen und nass, doch auch dunkel, feucht und unangenehm. So war die Flucht in die Opernwelt sehr angebracht und willkommen, zumal es eigentlich drei Oper in einer sind.

Triptychon assoziieren wir mehr mit einem Altargemälde, das aus drei Teilen besteht. In der Mitte meistens die wichtigste Szene, flankiert von zwei Darstellungen aus dem Leben eines Heiligen (es waren ja meist Kirchenaltäre und dargestellt wurden Szenen aus der Bibel). Meistens waren die Flügel beweglich, man konnte sie schließen, und so gab es noch mehr Fläche für die Darstellungen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind, in der Marienkirche in Krakau darauf gewartet habe, dass der Altar geöffnet wurde; dabei handelt es sich um ein Pentaptychon, also mit fünf Teilen: der Mittelaltar und die beidseitig bemalten Flügel an den Seiten. Die Öffnung des Altars war immer ein besonderer Moment, meistens ertönte auch Orgelmusik und die Lichter gingen an.

Puccini bedient sich dieser Formel, um drei allenfalls entfernt miteinander in Verbindung zu bringende Erzählungen an einem Opernabend anzubieten. Es geht in allen drei Teilen um wichtige Ereignisse im menschlichen Leben und die damit verbundenen Emotionen – Tod, Geburt, Liebe, Verrat, Eifersucht und Hass, so wie das in der Oper immer der Fall ist. Die drei Teile heißen: Il tabarro [der Mantel; es handelt sich um einen besonderen Mantel, eher einen Umhang aus dicker fester Schurwolle, ich hätte ihn eher in England vermutet], Suor Angelica [Schwester Angelika] und Gianni Schicchi.

Der erste Teil behandelt ein Beziehungsdrama, ein Paar hat sich nach dem Tod des gemeinsamen Kindes voneinander entfernt, entfremdet. So findet Giorgetta einen Liebhaber und träumt mit ihm von einem Leben in Paris, mit den Glanzlichtern der Großstadt. Ihr Mann dagegen führt einen Lastkahn und begnügt sich mit dem Leben auf dem Fluss. Er ahnt, dass seine Frau ihn betrügt und als er den Liebhaber Luigi auf frischer Tat ertappt, bringt er ihn um.

Der zweite Teil spielt in einem Nonnenkloster. Die aus einem hochadligen Haus stammende Schwester Angelika musste der Gemeinschaft beitreten, weil sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat. Nachdem sie bei einem Besuch ihrer Tante, der Fürstin, die über das Vermögen der Familie verfügt, von dem Tod ihres Kindes erfährt, bricht sie zusammen. Ihre Arie „senza mamma, bimbo, tu sei morto“ ist wunderschön und gerade bei dieser Aufführung singt junge Maria Motolygina diesen Part fantastisch.

Der dritte Teil spielt wiederum in einer ganz anderen Umgebung, er handelt von reichen Florentinern. Buoso Donati stirbt und hinterlässt ein Testament, in dem er sein ganzes Vermögen einem Kloster vermacht. Doch die Familie, die auf ihren Anteil nicht verzichten will, heckt einen Plan aus, den sie auch ausführt. Da noch niemand, nicht einmal ein Arzt, von Buoso Tod erfahren hat, will Gianni Schicchi in der Rolle des Sterbenden schlüpfen und ein anderes Testament aufsetzen. Ein Notar kommt und Gianni diktiert ihm sein Vermächtnis, und zwar so, dass der größte und wichtigste Teil des Vermögen ihm selbst, also Gianni Schicchi zufällt. Dieser dritte Teil wird, so habe ich gelesen, am meisten aufgeführt, bietet auch komödiantische Momente mit einer sehr bekannten und melodischen Arie „O mio babbino caro“.

An sich bin ich kein Opernfan, als Kind wurde ich von meiner Mutter in die Opern mitgeschleppt und langweilte mich da, die Frauenstimmen waren mir zu grell, schrill und laut, die Männerstimmen zu ernst; ich verstand auch kaum etwas und doch sammelte ich Begleithefte jahrelang, trennte mich von ihnen erst bei meinem Umzug nach Deutschland. Jetzt merke ich, dass mich gerade Opern faszinieren mit ihrer Zeitlosigkeit, universellem Menschenbild, Problemen-Themen, die immer aktuell sind und mit einer bunten, faszinierenden Welt voller Fantasie und schöner Musik vertreiben sie die schlechte Stimmung.

Bei der jetzigen Inszenierung waren das Bühnenbild und die Kostüme eine wirkliche Augenweide. Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme und Dramaturgie lieferten nur Frauen, sogar ziemlich junge Frauen. Das im ersten Teil eingeblendete Zitat aus Dantes Göttliche Komödie „Lasciate ogni speranza voi ch´entrate“ lässt genauso viel Ernsthaftigkeit, wie nötig; die alltägliche Hölle der unglücklichen Beziehung, die sich dann in die Hölle für die Schwester Angelika steigert, wird in Gianni Schicchi verlacht. Ich denke, im dritten Teil karikiert Puccini die gierige und geizige Florentiner Gesellschaft. Das Ganze balanciert auf Messers Schneide zwischen der Ernsthaftigkeit, dem Witz, den komödiantischen Momenten, es könnte leicht Richtung Klamauk mutieren, doch die Kraft der Aufführung, der Stimmen und der Musik macht es zu einem sehr angenehmen und unvergesslichen Abend. Das Bühnenbild erinnert uns immer wieder daran, dass die Teile doch zusammenhängen und die Rolle des Mantels, der alles verdeckt wird mehrmals bemüht.

Puccini stammt aus Lucca, wurde dort, in dieser wunderschönen toskanischen Stadt mit einer ovalen Piazza, 1858 in einer Musikerfamilie geboren. In seinem Geburtshaus befindet sich jetzt ein Museum. Schnell erkannte man sein Talent, schnell konnte er von seinem Schaffen gut leben; er war bekannt für seine Vorliebe für Sportautos und schnelles Fahren (schon damals!), hatte sogar einen schweren Autounfall. Die Information, dass er einige Jahre in Orbetello einen alten Turm bewohnte, nimmt mich für ihn ein, denn das ist mein Ort am Meer in der Toskana. Dann zog er nach Viareggio um, offensichtlich war es ihm zu ruhig in dem eher naturbelassenen und spanisch angehauchten Orbetello. Seine Opern wurden an den berühmtesten Opernbühnen uraufgeführt: an der Mailänder Scala, an der Metropolitan Opera in New York, im Fürstentum Monaco. Auch in Berlinern Opern wird er regelmäßig gespielt. Alle kennen wir: Manon Lescaut, La Bohéme (hat sich um die Verbreitung dieses Begriffs verdient gemacht), Tosca, Madame Butterfly, Turandot, aber schon weniger La fanciulla del West oder Le rondine, und Aufführungen des Trittico als Ganzes sind eher selten. Also nichts wie hin, das Publikum applaudierte und es gab Ovationen, die Künstler traten mehrmals auf.

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