Gedanken zum Tag der Einheit

Brigitte von Ungern-Sternberg

Geschrieben am Tag der Einheit, 3. Oktober 2023:

Ich habe vor kurzem auf youtube die vierteilige Serie ‚Deutsche und Polen‘ (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg, 2002) wiedergesehen – in allen Teilen eine sehr sehenswerte, wertvolle Fernsehproduktion!

Der letzte Teil betitelt ‘Vertreibung, Erstarrung, Versöhnung‘  hat mich am meisten bewegt.  Es geht um die Geschichte einer Nachbarschaft in der langen Phase der Nachkriegszeit, in der ich aufgewachsen bin in den Jahrzehnten des ‚eisernen Vorhangs‘,  des Fallen dieses ‚Vorhangs‘  1989 und den Folgejahren darnach. 

Diese Geschichte wurde in Polen und den beiden deutschen Staaten DDR und BRD sehr unterschiedlich erlebt, herrschende Ideologien spielten dabei eine maßgebliche Rolle. Diese Geschichte-n werden in der Sendung detailliert beschrieben, anschaulich mit reichem historischen Filmmaterial, begleitet von Interviews, den Äußerungen von Politikern und den Kommentaren namhafter polnischer und deutscher Historiker. 

Was wusste ich als Kind/Schülerin von Polen? In meinem bayrischen Schulatlas stand auf den ‚Territorien’ jenseits von Oder/Neiße der Vermerk ‚unter polnischer Verwaltung‘, eine Erklärung dafür gab es nicht. Von der polnischen Geschichte erfuhr ich nicht viel mehr, dass es drei polnische Teilungen gab. Warum!?!  In meinem Pass stand als Geburtsort Litzmannstadt, jetzt steht da Lodz (Łódź). Mein deutschbaltischer Vater bekam dort  seine erste Anstellung als  Pfarrer einer lutherischen Gemeinde, umgesiedelt  aus Riga mit einer jungen Frau. Sie lebten in dieser Stadt von 1940 – 1945 und traten die Flucht an  mit vier Kleinkindern.

Jedes Jahr am 3. Oktober, also heute,  feiert man in Deutschland den Tag der Einheit. Zu dieser Einheit auf der Grundlage des 2+4 Vertrag wäre es nicht gekommen, wenn es in Deutschland in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit,  besonders in den 70iger Jahren, nicht  einen gewissen Reifeprozess gegeben hätte. Ohne diesen hätten die Vertragspartner, d.h. die Besatzungsmächte der Nachkriegszeit, einer deutschen Einheit nicht zugestimmt, für das Nachbarland Polen wäre es ohne ein gewandeltes Deutschland ein Albtraum gewesen. 

Maßgeblich für eine neue Ostpolitik in den 70iger Jahren war Bundeskanzler Willy Brandt, auf einen kurzen Nenner gebracht sollte diese Politik einen ‚Wandel durch Annäherung‘ beinhalten. Mit seinem Kniefall vor einem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos  setzte Willy Brandt 1970 vor der Welt  einen  neuen, glaubhaften Anfang.

Was gab es v o r dieser neuen Ostpolitik, besonders in den Zeiten des Bundeskanzlers Adenauer? Dazu gibt es viel zu sehen und zu erfahren in Teil 4 ‚Deutsche und Polen‘.

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