
XXV SEPTEMBER
für hannelore
zuletzt schleppte sich eitelberg auf das dach und sprang in die tiefe
er lebte im siebten stock und unter seiner loggia wuchsen die zwergkiefern
er wollte auf numer sicher gehen,
darum erklomm er
mit letzter kraft die sechs etagen und stürzte sich
vom dreizehnten stock
auf die betonplatten; genau dort wo siebenhundert bewohner des hauses tagein tagaus
vorbeigehen; einen monat lang trat aus den poren des steines sein blut heraus
und färbte rostrot das grau, zwei handflächen gross.
neunundvierzig tage wollte ich an ihn denken.
manchmal legte ich eine wildrose, zog die mütze ab und blieb eine minute stehen,
doch meistens blieb es nur beim rose werfen und mütze ziehen
(szybciej, franek, szybciej);
einmal wachte ich in der nacht auf, genau um die zeit als er sprang,
und fragte mich: warum?
(ich suchte dann die brahmsplatte aus, weil bei ihm die träne, die von dem auge fällt
das herz erleichtert);
ein paar mal sprach ich für ihn das vaterunser
(so wie ich es die ganze kindheit und jugend tat, wenn jemand starb);
manchmal meditierte ich am seeufer oder dachte an ihn beim schwimmen;
doch es gab auch tage wo ich eitelberg komplett vergaß;
es ging schnell – so reisst sich leben von dem tode weg und versucht zu fliehen.
es ging schnell: zuerst verschwand die leiche, dann die polizei, die gaffer und die reporter;
reinigungsarbeiter schütteten den sand und kamen drei tage hintereinander mit den besen;
keiner legte einen blumenstrauss oder zündete eine kerze – tschüss, erledigt;
– eeyyy!!! läßt es liegen…- rief ich einmal so laut wie ich konnte,
als irgendwelche idioten meine blume zertraten
(sie wurden plötzlich zehn zentimeter kleiner und bogen im rudel brav um die ecke), es war mitternacht und
später, viel später,
kurz vor dem sonnenaufgang,
flog das reiherpaar mit dem jungen am rostroten himmel vorbei und dahin.
am siebenunddreißigsten tag fing es zu regnen an;
die wolken kamen aus dem westen
und brachten näße drei tage lang;
dann fuhr ich weg auf die insel gepeitscht vom wind
und von zweifel; doch die ließen bald nach, als ich die wellen umarmte, sanddorn pflückte und schnitt ab den
flundern die köpfe; es wurde stiller und stiller; bis die feuerquallen an den strand kamen und tanzten im seichten
gewässer;
sie waren rostrot;
doch ich ging am fünfzigsten tag
mit undine
in das blau
an ihnen vorbei.
2009

anmerkungen (1):
4 wers od dołu
“(…)ich ging am fünfzigsten tag(…)
– siehe “tibetanisches totenbuch” 49 meditationen über die auflösung des korpers;