Frauenblick: Arno Geiger

Monika Wrzosek-Müller

Das glückliche Geheimnis oder eher die Veränderungen in der Zeit

Meistens begleitet einen ein nicht so glückliches Geheimnis durchs Leben, doch wahrscheinlich jeder trägt eines mit sich; auf Polnisch sagt man auch: „Co chatka to zagadka“, was ungefähr so viel bedeutet wie: „In jedem Häuschen gibt es ein Geheimnis“.

Schön, dass der Schriftsteller Arno Geiger ein glückliches Geheimnis mit sich trägt und uns es auch mitteilt. Besonders für Menschen, die immer wieder schreiben, ist das Buch sehr empfehlenswert. Das eigene Geheimnis als Quelle für die Themen, die man dann bearbeitet, ist auch nicht zu verachten. Worum geht es? Der junge, aufstrebende Arno kommt auf die Idee, in Papiercontainern nach brauchbarem Material zu suchen. Einerseits bessert er seine damals noch bescheidenen Einkünfte als ewiger Student damit auf, dass er einige der unter dem Abfallpapier gefundenen Bücher und Postkarten auf Flohmärkten verkauft. Manchmal findet er auch richtige Schätze, die er entweder für seine Romane verwendet oder auch wirklich gewinnbringend verkauft. Denn immer wieder entledigen sich die Menschen ihrer Sammlungen nicht nur von Büchern, sondern auch von Briefen oder Tagebüchern, die ihrerseits dem angehenden Schriftsteller helfen, neue Themen, neue Geschichten zu finden. Er beschreibt auch die Aufarbeitung dieses Materials als die eigentliche Schule für seine Schriftstellerei; dabei lernt er, bescheiden und ehrlich mit sich und den Themen umzugehen, versteht, dass das geschriebene Wort wirklich das meint, was es besagt, dass da Vorgänge beschrieben werden, die es gegeben hat, Emotionen, Zustände, die die Menschen erlebt haben. Im Laufe der Zeit entwickeln sich seine Erkundungen, Suchen, die Runden, wie er es nennt, zu einem regelrechten Ritual. Er durchforstet bei seinen Fahrradtouren immer mehr Papiercontainer, seine Funde werden immer interessanter.

Für mich am lehrreichsten war die Stelle, an der er über die Veränderungen der Umwelt, der Welt, der Umgebung bei seinen Runden durch Wien, schreibt, welche sich auch in seinen Funden selbst, abbilden.

Zu meiner Rechten die Häuser, in denen die Menschen ihren ungeheuren Beschäftigungen nachgehen. Zu meiner Linken die Donau. Der Wind treibt mir Regentropfen ins Gesicht. Die Jahre vergehen. Manchmal ist schlechtes Wetter, manchmal gutes Wetter. Die Sonne verschwindet hinter Wolken, die Bäume verlieren ihr Leuchten. Manchmal muss ich mich unterstellen, manchmal ist mir zu heiß. Manchmal liege ich krank im Bett und sehne mich hinaus. Dann steige ich wieder aufs Fahrrad mit verkrusteten Nasenlöchern. Der Wind weht mir um die Ohren.

Etliche Häuser wurden abgerissen und noch mehr Häuser wurden gebaut, es wurde renoviert und aufgestockt. Kinder wurden größer. Singvögel wurden weniger. Spechte wurden mehr. Und wo sind die sommerlichen Insektenwolken hingekommen, durch die ich früher mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem fuhr? Die sind mir seit Jahren nicht mehr begegnet. Und wenn ich mich früher einem blühenden Kirschbaum näherte, erschrak ich von dem lauten Geräusch, so wild umsummt waren die Bäume, als komme von dort ein Flugzeug auf mich zu. Später hörte ich verschiedentlich auch bei schönem Wetter: gar nichts! Und warum legt niemand mehr Federbetten zum Auslüften in die Fenster? Zuletzt, wenn ichs sporadisch gesehen hatte, hatte ich mich gefreut. Die widerlichen, an Balkonen erhängten Weihnachtsmänner aus aufblasbaren Plastik hingegen gingen mir nicht ab, die hatte ich nicht mehr oft gesehen in der letzten Zeit. Dafür tischgroße Adventskalender. Man würde es für nicht möglich halten: Adventskalender mit Fächern groß wie die Schubladen, und vorne Werbung drauf. Viel leerer kann es im Leben der Menschen nicht werden. Und hässlicher auch nicht.

Fast alles änderte sich während der langen Zeit. Ich selber verwandelte mich mehrfach. Und nicht minder die Kartons, die Prospekte, die Kataloge, die Zeitungen. Auch im Abfall war der Umbruch im Zeitungswesen wahrnehmbar. Die Druckschwärze wurde weniger. Die Pizzakartons wurden mehr. Handschriftlich Geschriebenes verschwand fast zur Gänze; ich wohnte dem allmählichen Untergang einer Kultur bei. Die Kinder wurden dicker. Die Autos wurden dicker. Die Luft wurde dicker. Frauen mit blond gefärbten Haaren fuhren ihre Einzelkinder jetzt nicht mehr mit Mittelklassewagen zur Schule, sondern mit 250 PS starken SUVs, deren Funktion darin besteht die Kleinfamilie vor der Welt und vor der beschissenen Zukunft zu beschützen. SUV-Fahrer hassen die Welt und hassen die Zukunft. Der große Wagen ist Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit, ja Nichtigkeit. Zu Fuß gingen nur noch die wenigsten. Immer mehr Menschen trugen auf der Straße Kopfhörer. Immer mehr Menschen tranken auf der Straße Kaffee oder schauten auf ihre Elektrogeräte, sie hoben kaum je die Köpfe. Trittroller für Erwachsene kamen in Mode, bald sah man die Trittroller als Schrott in den Winkeln liegen. Immer öfter heulten im Herbst die Laubbläser, sie wirbelten den Feinstaub, der sich gesetzt hatte, wieder auf. Die mit medizinischen Bildern und Warnungen gespickten Zigarettenschachteln verbreiteten auch im Altpapier miese Stimmung. Die Liebesromane wurden von Jahr zu Jahr weniger, die Kriminalromane von Jahr zu Jahr mehr. In den ersten Jahren hatte ich Liebesromane im Altpapier schubkarrenweise gesehen. Später nicht mehr. Auch darin machte sich bemerkbar, dass der gesellschaftliche Wind rauer wurde.

Die Sexhefte, in denen ich während der ersten Zeit noch flüchtig und mit hoch gezogenen Augenbrauen die gut bestückten Vorderfronten begutachtet hatte, waren verschwunden, und zwar vollständig. Die Sudokuhefte waren gekommen und gegangen. Irgendwann fielen mir die ersten Verpackungen von Quinoa auf, etwas später die ersten Verpackungen von Chia-Samen. Bastelabfall wurde weniger. Musiknoten wurden weniger. Weinkartons wurden mehr. Umzugskartons wurden mehr. Mir kam vor, die Menschen waren ständig besoffen, und wenn sie nicht besoffen waren, kauften sie Elektrogeräte. Früher hatten die Menschen, wenn sie besoffen waren Karten gespielt und gesungen. Heute saßen sie besoffen vor dem Fernsehen.

Manchmal wochen- und monatelang immer dieselben mir aus dem Altpapier entgegenstarrenden Gesichter. Nach vier Wochen Josef Fritzel (ein österreichischer Straftäter, der seine Tochter mehrere Jahre gefangen hielt, misshandelte und vergewaltigte und mit ihr sieben Kinder hatte) wurde mir bei seinem Anblick beinahe physisch schlecht. Und nichts gegen Angelina Jolie und ihre Brüste. Und Conchita Wurst, sie gefiel mir, sie trat für die Vielfalt der Menschen auf…

Die Veränderungen in seiner Welt und wie er sie sieht und beschreibt sind auffällig; auffällig indem Buch ist auch die Direktheit und Bescheidenheit, mit der er seinen Weg und die Welt um sich beschreibt.

Zum Schluss, wenn Ewa es erlaubt, würde ich gerne alle unsere Autoren einladen: schreibt eure Beobachtungen der Veränderungen auf, vielleicht ohne zu beurteilen, einfach bemerken, aufmerksam machen. Vielleicht werden wir dann einige Schlussfolgerungen ziehen können.

Das Buch empfehle ich uns allen.

PS von Ewa: Natürlich! Schreibt doch!

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